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Essen ist nicht das Problem...

Julia Haslinger hatte selbst eine Essstörung. Nun hilft sie anderen Magersucht und Bulimie zu besiegen. WOMAN erzählt sie ihre ganz persönliche Geschichte.

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Essstörung - Oase der Begegnung

Betroffene finden sich immer zu dick, egal, ob sie 60 oder 30 Kilo haben!

© istockphoto.com

Macht uns eine erfolgreiche Diät glücklicher? Sind wir erfolgreicher, wenn wir dem derzeit herrschenden Schönheitsideal entsprechen? Mögen wir uns selbst mehr, wenn wir ein paar Kilo weniger wiegen? Welche Frau hat sich diese Fragen noch nicht gestellt? Wenn du eine dieser Fragen, oder womöglich alle drei, mit JA beantworten kannst, dann bist du schon „Opfer der Schönheitsindustrie“ und könntest eventuell in eine Essstörung rutschen. Meint zumindest Julia Haslinger, Ex-Betroffene und Lebensberaterin. Sie erzählt WOMAN ganz persönlich, wie es sich anfühlt, mit einer Essstörung zu leben und wie man Magersucht (krankhaftes Hungern) und Bulimie (Ess-Brech-Sucht) besiegt.

Der Hass auf den eigenen Körper

Ich schlug morgens die Augen auf und die ersten Gedanken des Tages drehten sich bereits um das Thema Essen! Im Kopf wurde die komplette Nahrungsaufnahme bis ins kleinste Detail geplant. Alles Wissen, das ich mir bis dato zusammen gesammelt habe, floss in diese Planung ein. Nicht nur die Nahrungsaufnahme der vergangenen Tage, sondern vor allem die aktuelle Zahl der Waage waren ausschlaggebend dafür, ob ich an diesem Tag meinem Körper halbwegs freundlich begegnen konnte, oder ob ich ihn wieder quälen würde – durch eine noch geringere Kalorienzufuhr, viele und heftige Fressanfälle oder anderes selbstverletzendes Verhalten, durch das ich meinen Hass auf meinen Körper ausleben konnte.

Ein Film gegen Magersucht von Ellen Fanning

Überall, wo ich hinsah, waren wunderschöne und faszinierende Menschen! Ich war keines von beiden! Denn alle anderen waren bildschön oder konnten durch ihr Auftreten, ihre Intelligenz oder andere Stärken das Interesse anderer Menschen gewinnen. Bei mir war da nichts! Aber ich habe an mir gearbeitet: Ich habe es schon geschafft, ganz viel abzunehmen – zumindest hat das meine Waage behauptet!? Doch wenn ich mich im Spiegel betrachtet habe, fand ich mich noch immer ekelhaft und abstoßend. Darum musste ich weiter machen – weiter abnehmen und Sport treiben! Ich war davon überzeugt, dass irgendwann der Moment kommen würde, in dem ich mein Spiegelbild gerne ansehen würde.

Dieser Punkt kommt nicht! Dies sind lediglich die Gedanken einer Betroffenen, deren Hoffnung es ist, durch eine Gewichtsabnahme etwas in ihrem Leben positiv zu verändern, glücklicher zu werden. Aber entgegen vieler Annahmen sind nicht nur Mädchen davon betroffen, sondern auch immer mehr Burschen versuchen, durch extreme körperliche Veränderungen Anerkennung und Liebe zu erhalten.

Doch eigentlich ist nicht das Essen das Problem! Es geht um ganz andere Dinge – meist ein Zusammenspiel aus persönlichen und gesellschaftlichen Komponenten. Essstörungen sind mit einem Puzzle vergleichbar: Viele gelegte Steine ergeben zusammen ein Bild – mehrere Faktoren zusammen führen dazu, dass sich manche Menschen in eine Suchterkrankung, wie z.B. eine Essstörung flüchten!

»Betroffene verlieren den Blick dafür, ob sie nun dünn oder dick sind!«

Selbstwertgefühl stärken

An oberster Stelle der Ursachen steht ein negatives Selbstbild! Betroffene haben keine hohe Meinung von sich. Sie haben das Gefühl „nicht gut genug“ zu sein und es nicht verdient zu haben, beachtet und geliebt zu werden. Durch den permanenten Vergleich mit anderen halten sie sich selbst klein – da sie sich unrealistische Vergleichsbilder suchen und sowohl ihren Fähigkeiten, als auch ihren Stärken gegenüber blind sind. Junge Mädchen sind häufig unzufrieden mit ihrem Körper – sie machen Diäten, beschweren sich über ihre „Problemzone“ und trauen sich nicht, sie selbst zu sein. Bereits Kinder vergleichen sich selbst mit Models, daher ist für manche Mädchen der Weg vorgegeben, mit sich unzufrieden zu sein.

Die heute immer häufiger auftretenden und wechselnden „Ernährungsbewegungen“ tragen ebenso zu der Entstehung einer Essstörung bei, wie auch das vorherrschende Schönheitsideal. Vegane Ernährung, ausschließliche Ernährung durch Rohkost, Smoothies, etc. gelten in der heutigen Zeit als schick, weshalb diese Trends immer mehr Anhänger finden. Gefährlich dabei ist, dass verlernt wird, auf den eigenen Körper und seine Bedürfnisse zu achten – der Kopf steuert die Nahrungsaufnahme. Die geistige Kontrolle über den Körper beginnt. Aus den Medien lachen uns glückliche und wunderschöne Personen entgegen, die uns vermitteln, dass gutes Aussehen ein Garant für Zufriedenheit und Wohlbefinden ist. Es ist uns bekannt, dass diese Bilder meist nachbearbeitet und somit künstlich verschönert werden, aber trotzdem beeinflussen sie unseren Verstand und auch unseren Selbstwert. Selbstzweifel, Unsicherheiten und der Glaube daran, dass es glücklich macht dem Schönheitsideal zu entsprechen, bringen Frauen (und auch Männer) dazu, sich Silikonimplantate in den Körper einsetzen zu lassen, übermäßig Sport zu treiben oder durch krankhaftes Hungern den Körper zu erreichen, den sie sich wünschen – in der Hoffnung, irgendwann mit sich selbst zufrieden zu sein.

Magersucht

Von der Diät zur Essstörung

Wo ist jedoch der Unterschied zwischen einer Fastenkur oder Diät und einer Essstörung? Essstörungen sind Suchterkrankungen – Betroffene sind danach süchtig zu hungern und ihren Körper unter Kontrolle zu haben. Sie haben nicht von heute auf morgen beschlossen, einfach nicht mehr zu essen, sondern es gab eine langsame und unbewusste Entwicklung in diese lebensbedrohliche Richtung.

Meist wird mit einer „harmlosen Diät“ begonnen: Frau verliert ein wenig Gewicht, erntet von ihrem Umfeld Komplimente, fühlt sich dadurch bestärkt und strebt dementsprechend weiter nach Gewichtsreduktion und der damit verbundenen Anerkennung. Die Sucht den Körper zu kontrollieren wird stärker, das Hungergefühl zu bezwingen und immer mehr an Gewicht zu verlieren ebenso. Disziplin und Stärke sind geschätzte Attribute in der heutigen Gesellschaft. Gleichzeitig werden im Gehirn Glückshormone freigesetzt – die Person ist regelrecht high und möchte dieses Gefühl nicht mehr aufgeben. Je länger eine Essstörung anhält, desto „verschobener“ wird die persönliche Körperwahrnehmung. Betroffene verlieren den Blick dafür, ob sie nun dünn oder dick sind! Auch, wenn man sich das nur schwer vorstellen kann: Es gibt keinen Unterschied im Körperempfinden zwischen 60 kg oder 30 kg! Betroffene haben immer das Gefühl dick zu sein und sie sehen ihren Körper auch so, wenn sie an sich selbst herab sehen oder sich im Spiegel betrachten.

Für viele Menschen ist es unvorstellbar, wie sich eine derartige Krankheit anfühlt, oder wie anstrengend ein Leben ist, welches von essgestörten Gedanken getrieben ist. Es ist anstrengend – es ist anstrengend, den Tag nach dem Essensplan zu gestalten, es ist anstrengend ständig lügen und Spuren verwischen zu müssen und es ist für den Körper extrem anstrengend, ihn derartig zu disziplinieren und am Existenzminimum zu halten. Es ist ein Spiel mit dem Feuer! Ca. 10% der Betroffenen verlieren dieses Spiel und bezahlen mit ihrem Leben – wobei die Dunkelziffer sicher höher ist.

»Wir sind mehr als unser Körper!«

Vergiss Schönheitsideale!

Ich selbst habe das Glück, die Krankheit überwunden zu haben – ohne Folgeerscheinungen. Trotz der harten Arbeit in der Psychotherapie und dem steinigen Weg, wieder in das Leben zurück zu finden, muss ich sagen, dass ich Glück hatte. Ich wollte auch nicht wahrhaben, dass ich daran sterben könnte – bis ich mit 18 Jahren nach einem Herzstillstand beim Arzt wieder aufgewacht bin. Schließlich habe ich es mir als Ziel gesetzt, die Krankheit zu überwinden und anderen Betroffenen durch meine Erfahrungen auf ihrem Weg zu unterstützen. Das Thema Essstörungen wird mir immer am Herzen liegen, weshalb ich heute auch darüber schreibe.

Immer wieder werde ich gefragt, was "gesunde Ernährung" bedeutet, da in der heutigen Zeit so viele Frauen ein Problem mit sich, ihrem Körper und ihrem Gewicht haben. Meine Empfehlung an alle Frauen ist es, sich nicht von vorgegebenen Schönheitsidealen unter Druck setzen zu lassen, sondern die eigene Individualität zu schätzen! Wie langweilig wäre unsere Welt, wenn wir alle gleich aussehen würden? Bezüglich der Ernährung rufe ich immer wieder dazu auf, auf den eigenen Körper und dessen Bedürfnisse zu hören. Jeder Mensch hat sein eigenes Wohlfühl-Gewicht und wenn wir lernen Langeweile, Frust oder das Bedürfnis nach Anerkennung und Liebe von Hunger zu unterscheiden, braucht keine Frau Befürchtungen haben! Höre auf deinen Körper und sei stolz auf dich selbst!

Der Weg aus der Essstörung

Julia Haslinger hilft in ihrer "Oase der Begegnung" Menschen mit Essstörung. Sei es eine unspezifische Ess-Sucht, Magersucht oder Bulimie. Als Ex-Betroffene kann Julia ihre Klienten sehr gut verstehen und ihnen als Mentorin einen Weg aus der Krankheit zeigen. Alle Informationen findest du auf der Seite: www.oase-der-begegnung.at

Julia Haslinger
Julia Haslinger hilft Menschen mit Essstörungen einen Weg aus ihrer Krankheit zu finden


Hilfe für Betroffene

Wenn auch du oder ein Angehöriger/Freund an einer Essstörung leidet, melde dich bei der Wiener Initiative gegen Essstörungen. Hier kannst du anonym Hilfe anfordern:
www.esstoerungshotline.at

Laura Pape - Lebenshungrig Buch über Magersucht
Laura Pape war ebenfalls magersüchtig. Sie hat darüber ein Buch geschrieben.


"Lebenshungrig" - Interview mit Laura Pape

Kommentare

Autor

Sehr interessanter Beitrag. Schade finde ich nur immer wieder die Rechtschreibfehler in den Berichten.

WOMAN

Oje! Ja, da waren leider ein paar Fehler! Danke vielmals, dass du uns darauf aufmerksam gemacht hast!