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Interview: "Ich war Sklavin des IS"

"Wir wurden wie Sklaven gehalten. Wir wurden vergewaltigt. Wir mussten alles tun, was uns die Männer befahlen." Die 19-jährige Jinan war Gefangene des Islamischen Staates. Jetzt spricht sie über ihre Zeit als Gefangene.

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Jinan - Sklavin des IS

Die 19-jährige Jinan Badel ist durch die Hölle gegangen.

© Getty Images by Francois Mori

Jinan Badel ist eine außergewöhnliche junge Frau. Zurückhaltend. Ruhig. Doch wenn sie ihre Geschichte erzählt, spricht sie mit einer klaren, kraftvollen Stimme. Selbst, wenn ihr bereits die Tränen kommen. Sie spricht über Folter und sexuelle Gewalt, ohne den Blick zu senken. Vor anderthalb Jahren, am 4. August 2014, wurde die damals 18-jährige Jinan Badel von IS-Dschihadsisten gefangen genommen und als Sklavin verkauft. Drei Monate lang war die Jesidin Gefangene des Islamischen Staates. Doch sie konnte fliehen und hat jetzt ein Buch über ihre schrecklichen Erlebnisse geschrieben. Wir haben mit der jungen Frau über die Zeit als Gefangene gesprochen.

WOMAN: Welche Erinnerung hast du an den Tag deiner Gefangennahme?
Jinan: Wir waren im August 2014 vor dem IS aus unserem Dorf in der Nähe von Sindschar in die Berge geflüchtet. Männer und Frauen. Einen Tag später hieß es, dass unsere Gegend wieder sicher wäre. Bei der Rückkehr in unser Dorf wurden wir von Kämpfern des IS aufgegriffen.

WOMAN: Was geschah dann?
Jinan: Männer und Frauen wurden getrennt. Wir Frauen kamen zuerst in das Badusch-Gefängnis nach Mosul. Die jungen, gesunden Frauen wurden dann von Ort zu Ort gebracht und verkauft.

WOMAN: An wen?
Jinan: Ich wurde zusammen mit fünf anderen Mädchen an zwei ISIS-Kämpfer verkauft. Der eine war ein Polizist, der andere ein Imam. Diese Leute waren früher unsere Nachbarn, mit denen wir jahrelang friedlich zusammengelebt haben. Jetzt sind es keine Menschen mehr. Sie wollen jeden, der sich ihnen nicht unterwirft, töten. Sie wollen die ganze Welt beherrschen.

»Wir mussten Wasser trinken, in dem tote Mäuse lagen.«

WOMAN: Wie sah dein Alltag in der Gefangenschaft aus?
Jinan: Ich war zusammen mit fünf weiteren Frauen in einem Haus eingesperrt. Wir wurden wie Sklaven gehalten. Wir wurden vergewaltigt. Wir mussten alles tun, was uns die Männer, die uns gekauft hatten, befahlen. Folgte ein Mädchen nicht, wurde es geschlagen. Wir mussten Wasser trinken, in dem tote Mäuse lagen. Wir mussten im Koran lesen und Gebete sprechen. Sie wollten uns zwingen, zum Islam zu konvertieren.

WOMAN: Wie gelang dir die Flucht?
Jinan: Eines Abends kehrten unsere Besitzer sehr müde von der Front zurück. Als sie fest schliefen, konnte ich mit einem anderen Mädchen durch ein Fenster fliehen, das nur angelehnt war. Sie hatten vergessen es zu schließen. In der Nacht liefen wir fünf Stunden. Barfuß. Wir liefen solange, bis wir das Gebiet erreichten, dass von der kurdischen Peschmerga kontrolliert wurde.

WOMAN: Jinan, warum hast du ein Buch über deine Gefangenschaft geschrieben?
Jinan: Weil mein Volk Hilfe braucht. Die Welt muss wissen, was im Islamischen Staat mit unseren Männern und Frauen passiert. Es gibt noch immer Tausende jesidische Frauen, die in Gefangenschaft leben. Solange diese Frauen nicht frei sind, bin ich es auch nicht.

WOMAN: Vielen Frauen, die aus der Gefangenschaft des Islamischen Staates entkommen konnten, fällt es schwer, über das Erlebte zu berichten.
Jinan: Wer schweigt, macht sich zum Komplizen der Täter. Ich kann nur alle Frauen ermutigen ihre Stimme zu erheben und Zeugnis abzulegen. Die Welt muss die Wahrheit erfahren und aufhören wegzusehen.

WOMAN: Du hast kein politisches Asyl beantragt, obwohl du beispielsweise in Frankreich die Möglichkeit dazu hattest - Warum nicht?
Jinan: Asyl ist keine Lösung. Würden alle Jesiden Asyl in anderen Ländern suchen, was bliebe uns dann noch? Wir würden unser Land aufgeben, unsere Kultur. Wir würden alles verlieren, was uns ausmacht. Wir müssen die Probleme vor Ort lösen.

WOMAN: Du wirst also nach Hause zurückkehren?
Jinan: Ja.

WOMAN: Hast du keine Angst davor, noch einmal entführt zu werden?
Jinan: Doch, ich habe Angst. Aber ich möchte zu mir nach Hause.

Jinan Badel lebt heute mit ihrem Mann in einem Flüchtlingslager der UNO in der autonomen Region Kurdistan. Über ihre Geschichte als Sklavin hat sie nun ein Buch geschrieben. „Ich war Sklavin des IS. Wie ich von Dschihadisten entführt wurde und den Alptraum meiner Gefangenschaft überlebte“ ist ab jetzt in deutscher Übersetzung für 14,99 Euro im mvg Verlag erhältlich.

Ich war Sklavin des IS. Buch von Jinan
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