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Kopfsache schlank - Wie unser Gehirn unser Gewicht steuert

"Wer abnehmen will, muss sein Gehirn neu programmieren." - Zwei Neurochirurginnen erklären wie ein Friseurbesuch oder die Schlafenszeit beim Abnehmen helfen können!

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Kopfsache schlank - Iris Zachenhofer, Marion Reddy

Dr. Iris Zachenhofer (links) und Dr. Marion Reddy (rechts) warnen vor Diäten!

© lukasbeck.com

Wer sich eine Diät verordnet, scheitert zwangsläufig an den Programmierungen. Die Folgen seien negativ. Durch das Erlebnis des Versagens erhöht sich der Spiegel des Stresshormons Cortisol im Blut, was erst recht Heißhungerattacken bewirkt. Dieser Meinung sind die am Wiener Otto-Wagner-Spital tätige Psychiaterin Iris Zachenhofer und die in Toulouse tätige Wiener Neurochirurgin Marion Reddy. Sie warnen anlässlich der bevorstehenden Fastenzeit vor Diäten: „Unser Essverhalten ist in den für automatisierte Abläufe zuständigen Regionen unseres Gehirns programmiert“, so die beiden Ärztinnen. Wer sein Essverhalten längerfristig ändern will, muss deshalb die dafür zuständigen Bereiche im Gehirn neu programmieren. Wie das geht beschreiben die beiden Damen in ihrem Buch „Kopfsache schlank – Wie unser Gehirn unser Gewicht steuert“. WOMAN hat mit Dr. Iris Zachenhofer über die bevorstehende Diäten-Saison gesprochen, wie man Heißhungerattacken vorbeugt und warum ein Friseurbesuch oder neue Schuhe beim Abnehmen helfen können.

WOMAN: Das Frühjahr ist die Zeit der Diäten. Warum warnen Sie davor?
Dr. Zachenhofer: Herkömmliche Diäten funktionieren nicht, da sie nicht auf die individuellen Bedürfnisse, die Vorlieben und Abneigungen, die Gewohnheiten und den Tagesablauf abgestimmt sind. Sie funktionieren wenige Tage, solange der präfrontale Cortex, das Vernunftshirn noch sagt, dass man die Diät machen muss, weil die Jeans zwicken oder die Bikini-Saison bevorsteht. Längerfristig setzt sich aber der Gegenspieler des präfrontalen Cortex durch, das Belohnungssystem, das Genuss und Freude verlangt. Keine Diät kann das Belohnungssystem zufriedenstellen. Es wird sich aber immer durchsetzen, deshalb sind diese Diäten zum Scheitern verurteilt.

Das Traurige an einer gescheiteren und abgebrochenen Diät sind aber die Enttäuschung und die Selbstvorwürfe, die ich man sich macht, obwohl man ja gar nicht "gewinnen" konnte. Durch diese vielen negativen Gefühle werden Stresshormone wie Cortisol im Körper gebildet. Durch das Cortisol bekommen wir nun aber erst recht Lust, uns zu trösten, vorzugsweise mit sehr süßem oder fettigem Essen und es geht uns danach noch schlechter als vor Beginn der Diät.

»Im Prinzip ist Abnehmen nichts anderes als Fahrradfahren erlernen!«

WOMAN: Sie sagen, dass Diäten, die nicht klappen, zu Heißhungerattacken führen. Warum ist das so?
Dr. Zachenhofer: Es gibt in unserem Gehirn eine "Schaltzentrale", die sich Hypothalamus nennt. Im Hypothalamus wird unter anderem der Blutzuckerspiegel gemessen. Ist der Blutzuckerspiegel nun zu niedrig, wird der Hypothalamus im Gehirn sämtliche Systeme aktivieren, damit man etwas isst. Man sieht Essen plötzlich besser und riecht es intensiver! Warum? Weil ein zu niedriger Blutzuckerspiegel für das Gehirn lebensgefährlich sein kann und der Heißhunger eigentlich nur ein Überlebenstrieb ist, gegen den man sich sehr schwer wehren kann. Gefährlich sind Nahrungsmittel, die kurz einen hohen Anstieg des Blutzuckerspiegels bewirken, danach aber ein extremes Absinken. Der Hypothalamus misst diese niedrigen Blutzuckerwerte und schlägt Alarm. Es folgt eine Heißhungerattacke.

Wenn ich nun aber Lebensmittel mit niedriger glykämischer Last (z.B. Nüsse, Linsen) esse, bleibt mein Blutzuckerspiegel konstant, der Hypothalamus misst gemächlich vor sich hin, ohne irgendwie aktiv zu werden, da ja das Gehirn gut versorgt ist.
Die einzige Möglichkeit, Heißhungerattacken vorzubeugen, ist über den Hypothalamus Bescheid zu wissen - was er mit mir macht und wie ich ihn überlisten kann. Denn dann wähle ich meine Lebensmittel bewusst anders. Natürlich kann ich Nutella-Baguette in der Früh essen, aber dann muss ich auch mit dem Heißhunger zwei Stunden später rechnen. Ist es mir das wirklich wert? Wenn ich aber z.B. eine Eierspeise wähle, werde ich bis zum Mittagessen gar nicht mehr über Essen nachdenken.

Curry-Linsensuppe

WOMAN: In Ihrem Buch sprechen Sie davon, dass man das Gehirn neu programmieren muss, wenn man abnehmen möchte. Was ist damit gemeint?
Dr. Zachenhofer: All unsere Gewohnheiten und unser Essverhalten sind im Gehirn - in unseren sogenannten "Basalganglien" - abgespeichert. Wenn wir uns verändern möchten, müssen wir diese quasi neu programmieren. Wir können kein Verhalten, das wir ändern oder neu erlernen möchten, wie zum Beispiel eine andere Ernährungsweise, von heute auf morgen erlernen. Im Prinzip ist Abnehmen nichts anderes als Fahrradfahren erlernen: Vergleichbar mit einem kleinen Kind, das immer wieder hinfällt und trotzdem weiterübt, bis es irgendwann automatisch fährt. Auch abnehmen können wir nur schrittweise erlernen. Das nimmt viel Druck von uns, denn Fehler gehören hier auch dazu.

»Ein Friseurbesuch, eine Massage oder ein Besuch im Dampfbad können deshalb beim Abnehmen helfen.«

WOMAN: Was muss man verändern, damit man dauerhaft abnimmt?
Dr. Zachenhofer: Wenn man nach einer Diät gleich wieder zunimmt, liegt das daran, dass man sich unter Qualen Nahrungsmittel vorenthalten hat, die man eigentlich gerne mag und ohne die man nicht leben kann. Wenn man das Gewicht dauerhaft senken will, muss der Weg einem Freude bereiten, und dafür muss das Belohnungssystem aktiviert werden - und zwar nicht durch Essen.
Ziel ist es, das Belohnungssystem zu überlisten, indem man sich Dinge sucht, die es zufriedenstellen und wodurch Dopamin gebildet wird. Schon die sorgfältige Zubereitung einer Mahlzeit aktiviert das Belohnungssystem, aber auch alle Dinge, die ich als schön empfinde - seien es Bilder, schöne Kleidung, Uhren oder Autos. All diese Dinge bewirken Dopaminbildung. Auch durch das Gefühl, sich selbst etwas Gutes zu tun, entsteht Dopamin: Ein Friseurbesuch, eine Massage oder ein Besuch im Dampfbad können deshalb beim Abnehmen helfen. Der Anblick schöner Landschaften bewirkt Dopaminbildung, ebenso wie Musik. Wenn man versteht, wie man das Belohnungssystem durch eine dieser vielen Möglichkeiten zufriedenstellen kann, hat man nicht das Gefühl sich zu quälen und später auch keinen "Nachholbedarf" in Bezug auf Genuss.

Frau, schlafen

WOMAN: Haben Sie einfache Tipps, die man sofort anwenden kann, wenn man ein paar Kilos loswerden möchte?
Dr. Zachenhofer: Das hängt davon ab, was mein Hauptproblem ist: Wenn man Zwischenmahlzeiten oder Softdrinks weglässt, kann das schon sehr viel bewirken. Wichtig: Man muss es wollen und hinter der Entscheidung zur Veränderung stehen.
Ein einfaches Mittel, wodurch wir schnell einmal unsere ganze hormonelle Situation stabilisieren können ist durch ausreichend Schlaf, vor allem durch ausreichend Schlaf vor Mitternacht. Im Schlaf in der Zeit zwischen 22:00 und 00:00 sinkt unser Level am Stresshormon Cortisol am stärksten ab. Dadurch sind wir viel entspannter und unsere Erfolgsaussichten für jede Essensveränderung sind gleich viel höher.

Kopfsache schlank - Wie wir über unser Gehirn unser Gewicht steuern

Das Buch der beiden Ärztinnen Dr. Iris Zachenhofer und Dr. Marion Reddy "Kopfsache schlank - Wie wir über unser Gehirn unser Gewicht steuern" ist ab jetzt bei edition a für Euro 19,95 erhältlich.