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Öko-Mythen im Check

Antibiotika haben in Bio-Produkten nichts verloren. Plastik ist schlecht. Heimische Lebensmittel sind besser als jene aus dem Ausland. Aber stimmt das? Wir haben uns zehn bekannte Umweltfragen mit Experten genau angeschaut.

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Öko-Mythen im Check
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1

Das Stoffsackerl ist immer besser als die Plastiktüte.
Stimmt, aber … "Kunststoff ist nicht kategorisch abzulehnen. Schlecht ist bloß der achtlose Verbrauch von Einwegprodukten", meint Thomas Weber (Autor des Buches "Ein guter Tag hat 100 Punkte ... und andere alltagstaugliche Ideen für eine bessere Welt", Residenz Verlag, € 18,–. Und das gilt für das Plastiksackerl genauso wie für den Coffee-to-go-Becher. Der landet im Durchschnitt nach 15 Minuten im Müll, das Plastiksackerl wird nach 25 Minuten weggeschmissen. Deshalb sagt Weber: "Gegen eine Tasche aus Kunststoff ist wenig einzuwenden, wenn sie lange in Verwendung ist. Dass das Stoffsackerl aber zusehends das Plastiksackerl verdrängt, ist aus Ressourcengründen eindeutig ein Gewinn."

2

Die Müllabfuhr schmeißt am Ende alles zusammen.
Stimmt nicht! Ernährungswissenschafterin Michaela Knieli von der Umweltberatung (umweltberatung.at) weiß: "Abfälle sind wertvolle Sekundärrohstoffe für die Industrie. Altmaterialien, die getrennt gesammelt werden, werden auch verwertet. Alles andere wäre allein aus wirtschaftlichen Gründen sinnlos." Sollte man Behälter waschen, bevor man sie wegwirft? "Wichtig ist, dass die Kunststoffbehältnisse leer sind. Aus hygienischen Gründen kann es sinnvoll sein, sie vorher auszuspülen. Das muss aber nicht sein." Aktuell gibt es übrigens bereits kompostierbaren Kunststoff (mit dem "Keimlingsymbol" oder "OK Kompost" gekennzeichnet). Aber: Nicht alle kompostierbaren Verpackungen sind auch für die Hausgartenkompostierung geeignet, weil die Verrottung länger dauert als bei normalen Bioabfällen.

3

Heimische Produkte sind immer ökofreundlicher als ausländische.
Stimmt nicht! Regionalität allein ist kein verlässlicher Wert. "Ist es besser, wenn Tiere in meiner Gegend gequält werden?", appelliert Thomas Weber. "Ich wohne im Marchfeld. Der dort gestochene Spargel ist streng genommen gar nicht regional, wenn zur Erntezeit schlecht bezahlte Saisonarbeiter aus Osteuropa kommen. Schinken aus dem Tullnerfeld ist nicht regional, wenn die Schweine mit Soja aus Brasilien gemästet werden." Wer wirklich nachhaltig leben möchte, achtet im täglichen Leben darauf, dass die Produkte möglichst biologisch und regional sind.

4

Wassersparen hilft der Umwelt.
Stimmt, aber … vor allem in wasserarmen Ländern. "In Österreich haben wir einen Überfluss an Wasser", erläutert Herbert Forstmayer (Klimaforscher und Assistenzprofessor am Institut für Meteorologie an der BOKU Wien). Deshalb sollten wir den Verbrauch zwar kontrollieren – schon aus Geldgründen –, aber nicht übermäßig sparen: "Eine Mindestmenge an Wasser muss durch die Kanalisation fließen. Urin ist eine intensive Flüssigkeit, wenn sie nicht verdünnt wird, kann sie Materialien angreifen." Heißt: Wenn zu wenig Wasser durch die Ableitungskanäle fließt, bleibt Schlick liegen und verursacht am Ende Rohrschäden.

5

Bio ist gesünder.
Stimmt, aber … Es geht um die Menge: Auch in Bio-Waren gibt es viele ungesunde Zucker-Kalorien. Weber: "Langfristig jedoch ist bio besser. Vor allem, weil Schadstoffe wie Pestizide, Herbizide und das in konventioneller Kosmetik eingesetzte Mikroplastik über Umwege, wie etwa das Grundwasser, wieder zu uns zurückkommen." Zumindest unsere Nahrung sollte nicht damit belastet sein. Tierische Produkte und Fleisch dürfen in Maßen genossen werden. Eine gute Alternative sind Sojabohnen und Hülsenfrüchte. "Sie senken das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen", erklärt Knieli.

6

Bald gibt es keine Jahreszeiten mehr.
Stimmt nicht! Eisige Kälte folgt direkt auf Hitzewellen? Übergangszeiten gibt es nicht mehr? "Jahreszeiten wird es immer geben. Das ergibt sich schon alleine durch die Sonnenzeiten mit im Winter acht Stunden und im Sommer 16", beschwichtigt Klimaforscher Herbert Formayer. Was sich jedoch verändert hat: Wenn im Frühjahr erste Schönwetterperioden aufkommen,kann es durch den Klimawandel schon sehr warm werden. Formayer: "Heuer haben wir zum Beispiel bereits im April die 30 Grad geknackt. Das hat es früher nicht gegeben. Jetzt hatten wir bis Ende September hohe Temperaturen, beim ersten Kaltlufteinbruch hat man dann gleich das Gefühl, dass schon Winter ist, weil es sich extrem kalt anfühlt. Das ist aber ein subjektives Gefühl."

7

Antibiotika sind bei Bioprodukten tabu.
Stimmt nicht! "Kranke Tiere dürfen auch in der Bio-Landwirtschaft mit Antibiotika behandelt werden", hält Autor Thomas Weber fest. Der Unterschied: In der Bio-Haltung dürfen diese Medikamente nicht vorbeugend eingesetzt werden. In der Intensivtierhaltung hingegen werden die Tiere in großen Stückzahlen und derart eng gehalten, dass sie ohne Pharmazeutika krank werden oder sogar sterben würden. Weber: "Auch Zusatzstoffe sind im Bio-Bereich nicht tabu, aber Geschmacksverstärker, Konservierungsstoffe, künstliche Aromen, Süß- und Farbstoffe werden kaum verwendet." Konkret: Bei herkömmlichen Lebensmitteln kommen bis zu 300 Zusatzstoffe vor. Bei mit dem Bio-Siegel versehener Ware sind davon nur 47 erlaubt.

8

Gojibeeren & Co. fördern die Gesundheit, da zahlt sich der Import aus!
Achtung! Der Begriff Superfood ist nicht definiert, es gibt keine Qualitätsstandards. Tests zeigen, dass Gojibeeren, Chiasamen & Co. häufig mit Pestiziden belastet sind. Die weiten Transportwege verschlechtern die Klimabilanz. "Investieren Sie besser in hochwertiges, saisonales, heimisches Essen", rät Ernährungswissenschafterin Michaela Knieli. "Wer täglich frisches Obst, Gemüse und Vollkornprodukte isst, benötigt keine Nahrungsergänzung in Form dieser Produkte."

9

Grönland schmilzt – da ist alles zu spät.
Stimmt! Das Festlandeis auf Grönland schmilzt und lässt somit den Meeresspiegel ansteigen. "Da kann man nichts mehr rückgängig machen. Früher hat man geglaubt, es dauert rund 1.000 Jahre, bis es so weit ist, das hat sich beschleunigt und wird nur noch rund die Hälfte der Zeit in Anspruch nehmen", so Forstmayer. Diese Entwicklung könne auch das international festgesetzte „"Zwei-Grad-Ziel" der Klimapolitik – die Erderwärmung solle bis 2100 nicht höher ansteigen als zwei Grad – nicht mehr aufhalten.

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Biotreibstoff ist besser als herkömmlicher Sprit.
Umstritten! Biodiesel wird aus pflanzlichen Ölen wie Raps-, Soja- oder Palmöl gewonnen, Bioethanol wiederum wird etwa aus Mais, Rüben oder Zuckerrohr hergestellt. Und hier beginnt die Diskussion. "Das ist ein großes Problem. Forscher stoßen hier an ihre Grenzen und konkurrieren stark mit der Nahrungsmittelbranche", merkt Herbert Formayer von der BOKU Wien an. Biosprit wird nämlich verantwortlich dafür gemacht, dass Lebensmittel knapp und teuer werden. Der neue Hoffnungsträger in diesem Sektor wäre Energie, die aus Holz hergestellt wird. "Wenn es großtechnologisch gelingt, dafür Wälder zu verwenden, wäre das für Länder wie Österreich oder Skandinavien ein großer Schritt in der lokalen Rohstofferzeugung."

Thema: Klimaschutz

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