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Man kann den Orgasmus lernen?

Zum Höhepunkt kommen ist oft ganz schön schwierig. Doch den Orgasmus kann man lernen, wie Sexualpädagogin Ingrid Mack weiß. Mit mehr Wissen, Übung und Fantasie ist jede Frau dabei. Wie's geht? Hier unsere Expertentipps.

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Man kann den Orgasmus lernen?
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Oh ja! Schneller! Fester! Ich komm gleich! Kurz davor - und dann doch vorbei. Denn plötzlich fällt einem ein, dass man den Geschirrspüler ja noch ausräumen muss oder am nächsten Tag den wichtigen Job-Termin hat. Die Spannung ist futsch, der Orgasmus in weite Ferne gerückt. "Das ist ein klassischer Fall von In-der-Plateau- Phase-Steckenbleiben. Etwas, das viele Frauen kennen, weil der Kopf beim Sex nicht ausreichend frei ist. Man zu viel Stress hat, um wirklich abzuschalten", weiß Ingrid Mack, diplomierte Sexualpädagogin und Besitzerin des Liebenswert, eines Erotikshops speziell für die Frau, ganz ohne schmieriges Image. Und sie kennt noch mehr Gründe, warum es oft nicht bis zum Höhepunkt reicht. Wir fragten nach.

Immerhin zwei Drittel aller Frauen zwischen 20 und 35 haben Orgasmusschwierigkeiten. Wird das zum Problem, bietet Macks Orgasmus-Schule Hilfe an. Das ist ein Seminar, in dem frau alles lernen kann, von sich besser fallen lassen bis zu: Wie entwickle ich Fantasien. Nächster Termin ist am 12. November (Info: liebens-wert.at).

Wissen und Anatomie

"Frauen wissen immer noch viel zu wenig darüber, was beim Orgasmus passiert und wie sie am besten stimuliert werden", bedauert Ingrid Mack und erklärt, wie die Lustkurve aussieht: Als Erstes kommt die Erregungsphase, wir versetzen uns durch Küssen, Streicheln und mehr in sexuelle Spannung. Die Hormone beginnen zu fließen, die Vagina wird feucht, die Schamlippen schwellen an. "Das dauert eine Weile, zehn bis 15 Minuten etwa. Fordere diese Zeit und Zuwendung von deinem Partner ein. Bist du nicht genügend vorbereitet, wird ein Orgasmus schwierig", betont Mack. Dann folgt die Plateauphase: ein relativ stabiler und bereits orgastischer Zustand, ein bestimmter Grad lustvoller Anspannung ist erreicht. Beim eigentlichen Höhepunkt entlädt sich diese Energie, wir sinken in körperliche und geistige Entspannung.

Wesentlich für das volle Durchleben dieser Lustkurve ist die Stimulierung der Klitoris. Diese ist viel größer, als die meisten Menschen wissen."Die Klitoris ist das Gleiche wie der männliche Penis, nur sieht man sie bis auf den Kitzler, das Pendant zur Eichel, eben nicht, weil sie im Körper drinnen ist. Dadurch ist sie schwerer zu stimulieren", erklärt Mack die weibliche Anatomie. Rund 8000 Nervenenden machen dieses Organ so besonders empfänglich für Berührung, seine Schenkel legen sich um den Vaginaleingang bis in die Schamlippen, die Ausläufer reichen bis zu Bauchnabel, After und Oberschenkel. Die Klitoris reagiert am besten auf sanfte Reibung und Vibrationen. Die meisten Frauen kommen so auch leichter. Den rein vaginalen Höhepunkt, der über die G-Punkt-Stimulierung erfolgt, erreichen nur 3-5 Prozent. Er erfordert nämlich einiges an Übung.

Helfen kann auch immer ein Gespräch mit dem Fachmann über mögliche gesundheitliche Faktoren: Ist der Hormonhaushalt in Ordnung? Wird hormonell verhütet? Welche Medikamente werden genommen? Wie viel Alkohol trinkt man, ist man starke Raucherin? All das kann die Orgasmusfähigkeit nämlich stark beeinträchtigen.

Zeit für sich nehmen

Werden die Probleme ausgelöst, weil die Frau zu wenig über ihren eigenen Körper weiß, heißt die Lösung: "Sich zuerst einmal so richtig mit sich selbst vertraut machen." Ingrid Mack: "Nimm einen Handspiegel und betrachte deine Intimzone. Erkunde mit den Fingern die Formen, spüre, wie sich das anfühlt. Probiere aus, welche Teile der Klitoris wie reagieren, wo die Lust am größten ist. Rieche und schmecke deinen eigenen Körper. Empfinde, was dein Partner riecht und schmeckt." Mit einer ganz einfachen Atemübung wird, im nächsten Schritt, die Energie angeregt: Breitbeinig hinsetzen, tief oder hechelnd - wie du es besser empfindest - in die Vagina atmen. Eventuell sogar die Luft anhalten und spüren, wie sich das anfühlt. "Dabei darfst du gerne laut stöhnen, dadurch lässt sich nämlich der Atem besser lenken." Und ganz wichtig: Beckenbodentraining. Am leichtesten und effektivsten geht das mit Vaginalkugeln. Eine andere Variante: Die Muskulatur anspannen (wie wenn man den Harnstrahl unterbricht), zehn Sekunden halten, wieder loslassen. Kann man jederzeit und überall ganz nebenbei machen. Wichtigste Prämisse beim Üben: "Nimm dir Zeit und probiere es immer wieder! Du willst dich selbst und deine Empfindungen kennenlernen, das geht nicht von heute auf morgen."

Blühende Fantasie

Nächster Übungsschritt: sich fallen lassen können. Das gelingt umso besser, je wohler du dich fühlst. Schaffe ein angenehmes Setting, zünde Kerzen an, legee eventuell leise Musik auf. Und sorge dafür, dass du nicht gestört wirst. Jetzt kannst du deine Fantasiewelt erkunden: "Lerne zu meditieren, das entspannt. Gib dich erotischen Tagträumen hin. So entdeckst du deine geheimen Wünsche, was dich so richtig scharf macht", weiß die Sexualpädagogin. Und hat einen ganz konkreten Tipp für all jene Frauen, die zwar orgastisch fühlen, aber über die Plateauphase nicht hinaus kommen: "Schaffe dir einen Triggerpoint, eine Fantasie mit Orgasmusauslöser. Zum Beispiel: Du liegst alleine im Bett und masturbierst oder du stehst am Herd, dein Liebhaber fickt dich, es ist unglaublich geil. Auf einmal hörst du deinen Mann nach Hause kommen. Der soll dich nicht erwischen, aber abbrechen willst du auch nicht. Spätestens, wenn der Ehemann den Schlüssel in der Haustür umdreht, musst du also kommen. Unser Gehirn lässt sich mit etwas Übung darauf konditionieren." Den Trigger kannst du beim Liebesspiel zu zweit dann abrufen.

Orgasmus erkennen

Schließlich ist es auch wichtig, den eigenen Orgasmus zu bemerken. Unsere Vorstellung ist sehr stark von medialen Bildern geprägt, die ganz klar vorgeben, wie ein Höhepunkt auszusehen hat. Manche Frauen kommen, merken es aber gar nicht, weil sich diese Entladung nicht so anfühlt, wie sie sich das vorstellen. Auch hier hilft: Zeit nehmen, ausprobieren, unbedarft herangehen. Und vor allem: "Akzeptiere, was kommt. Nicht jede Frau schreit, stöhnt oder erlebt ein inneres Feuerwerk", erklärt Mack. Anatomisch betrachtet handelt es sich beim Höhepunkt um eine unwillkürliche, von den Nerven ausgelöste Muskelkontraktion. Dieses Zucken kann bis in die Fingerspitzen und Zehen gehen. Es kommt zum Sexflush, man errötet, ist erhitzt. Ein Gefühl der Befriedigung stellt sich ein, die Lust nach mehr ist momentan gestillt.

Thema: Sex & Erotik