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Peter Simonischek und Brigitte Karner im WOMAN-Talk: „Wir sind so verschieden!“

Der ehemalige „Jedermann“ Peter Simonischek und Brigitte Karner im Interview über Sehnsucht, Liebe, Eifersucht und Misstrauen.

Peter Simonischek und Brigitte Karner im WOMAN-Talk: „Wir sind so verschieden!“
© pps.at

In Salzburg war Peter Simonischek heuer nur Gast. Doch, wenn der ehemalige „Jedermann“ mit seiner Frau Brigitte Karner durch die Stadt spaziert, fixieren das Paar Touristen und zahlreiche Freunde und Kollegen grüßen und bleiben plaudernd stehen.

Nach acht Jahren Salzburg geht das Künstlerehepaar den Sommer ruhiger an. Exquisite, selbst ausgesuchte Leseabende in intimen Rahmen (siehe: www.brigitte-karner.at ) sind ein guter Ausgleich. Für das Programm zeichnen die Schauspieler sich selbst verantwortlich wie für den Leseabend, „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer auf Schloss Porcia in Spittal an der Drau am 29. August. Der Plot des Bestsellers dürfte ja bekannt sein, spannend ist es trotzdem: Ein Paar verliebt sich per E-Mail, ohne sich physisch zu kennen. In WOMAN verraten Peter Simonischek und Brigitte Karner Geheimnisse und Kämpfe ihrer langen Künstlerehe.

WOMAN: Schreiben Sie selbst gerne Emails?

Simonischek: Sehr sogar, ich schreibe auch viel mehr Briefe, seit es Emails gibt.

Karner: Wir sind so verschieden. Ich mag den Computer nicht so sehr und schreibe lieber Briefe mit der Hand und mit blauer Tinte.

WOMAN: Schreiben Sie sich Liebesbriefe?

Simonischek: Ich habe schon lange keinen mehr geschrieben. Aber wir schreiben uns SMS-Gedichte.

Karner: Das liebe ich sehr. Man will etwas mitteilen, aber nur in gereimter Form.

Simonischek: Ich könnte schon einen Gedichtband herausgeben mit den gereimten SMS.

Karner: (flüstert) Er denkt an die Nachwelt.

WOMAN: Dass aus einem Email-Irrläufer eine Liebesgeschichte entsteht, gibt es diesen Zufall?

Karner: Ja, warum nicht?

Simonischek: Es ist auch– ohne Email – immer Zufall, wie man jemanden kennen lernt. Alle Begegnungen sind Zufall. Brigitte liebt es Leute zu fragen: Wie haben Sie sich kennen gelernt? und bekommt man meist zu hören, durch Zufall.

WOMAN: Als Sie sich vor 25 Jahren kennen lernten, waren Sie beide liiert wie Leo und Emmi in „Gut gegen Nordwind“, hätten Sie sich auch E-Mails geschrieben?

Simonischek: Nein, die hätte ja jeder lesen können. Das war eher eine heimliche Angelegenheit. Wir haben immer um 10 Uhr vormittags telefoniert. Ich weiß noch genau wo das Telefon stand.

Karner: Das haben wir ziemlich lange so getrieben und dann gesagt, jetzt ist Schluss. Jetzt muss die Situation geklärt werden.

Simonischek: Und ich wusste ja, sie ist es! Und seltsamerweise war ich damals so hybrid in meinem Denken, dass ich meinte: Was für mich gilt, gilt auch für sie.

Karner: Er hat mich dann ja auch überzeugt.

WOMAN: Ist das immer noch so?

Karner: Ja, ein bisschen. Wenn mein Mann von etwas überzeugt ist und ich nicht, kann er mich umstimmen. Er ist sehr stark.

Simonischek: Das ist aber nett, dass meine Frau jetzt so lügt.

Karner: Es ist als Kompliment gemeint.

WOMAN: Wissen Sie, Frau Karner, nicht auch genau, was Sie wollen?

Karner: Doch, aber es ist auch eine Erziehungsgeschichte. Seinen Willen durchzusetzen, ist eher männlich. Da habe ich eher eine weibliche Art, meine Wünsche hintan zustellen und habe erst lernen müssen, meine Bedürfnisse ernster zu nehmen. Auch er lernt, sich zurück zu nehmen.

Simonischek: Da hat sich vieles gewaltig verändert. Ich bin in einem patriarchalischen System aufgewachsen. Mein Vater war die Instanz und die Mutter der dienende Teil. So bin ich auf die Frauenwelt losgelassen worden und habe peu a peu Lehrgeld gezahlt. Und mir gedacht – verdammt – ich bringe es nicht, die Frauen richten sich nicht nach mir.

WOMAN: Kann sich in jemanden verlieben, den man nicht optisch kennt?

Karner: Das kann ich mir gut vorstellen. Ich verliebe mich ja auch in Schriftsteller.

Simonischek: Es ist sogar leichter, sich bei dieser Reduktion der Erscheinung virtuell zu verlieben. Das gab früher bei Brieffreundschaften ja auch schon.

WOMAN: Erwartet man sich voneinander mehr, wenn man sich nicht kennt?

Karner: Man kann sich zumindest mehr vorstellen.

Simonischek: Die Beziehung ist etwas überschaubarer und bisschen freier, denn man muss ja nicht unbedingt bei der Wahrheit bleiben.

Karner: Ich frage mich, was ist besser, jemanden im Internet zu haben, mit dem ich flirte oder niemanden zu haben? Auch wenn das ein Rentner ein Rollstuhl wäre.

WOMAN: Man könnte sich ja komplett verstellen!

Karner: Man kann provozieren und schamloser werden.

Simonischek: Das wesentliche ist, dass man sich virtuell weiter vorwagen kann, weil man persönlich nicht haftbar ist. Man kann lügen oder sich zurückziehen.

WOMAN: Warum zerbrechen so viele Beziehungen an der Distanz?

Karner: Weil man dieses Spiel in einer normalen Beziehung kaum spielen wird. Wenn sich zwei lange kennen, werden sie ja meistens immer schwermütiger, trauriger, verantwortungsvoller und vorsichtiger damit, was sie sagen, das ist doch schade. Man könnte man doch viel spielerischer miteinander umgehen.

Simonischek: Oft kranken Beziehungen daran, dass viel übersprungen wird, dass das Vorspiel wegbleibt. Und so ein Emailverkehr über ein oder zwei Jahre ist ein endloses Vorspiel mit ständigem Herzflattern. Das schenkt man sich ja sonst, wenn man schon nach dem dritten Treffen im Bett landet. Da beginnt eigentlich das Ende einer Beziehung. Marivaux sagt, wenn du eine Liebe töten willst, willst, gib ihr nach. Wenn die Liebe geheim oder verboten ist, nährt und nährt sie sich, ganz simpel aus Sehnsucht daran.

WOMAN: Aber kann man jemanden annehmen, den man gar nicht kennt?

Karner: Man kennt ihn ja. Ich behaupte nicht, dass ich jemanden besser kenne, weil ich ihn gesehen habe.

Simonischek: Es ist durchaus möglich, sich in eine virtuelle Person zu verlieben. Sogar in jemanden, der vorgibt ein anderer zu sein.

WOMAN: Reizt Sie das, wenn Sie beide Geheimnisse voreinander haben?

Karner: So ein heimlicher Email Briefwechsel wäre ein Riesengeheimnis, das würde man mir anmerken.

Simonischek: Mir auch. Es ist auch die Frage, ob man Lust auf den Reiz hat.

Karner: Das wäre eine Extrawelt und dafür habe ich keinen Platz.
Simonischek: In dem Moment, wo ich anfangen müsste zu lügen, würde mir das sehr zu denken geben.

WOMAN: Können Sie schlecht lügen?

Simonischek: Ich habe keine Lust mehr dazu und fühle mich mies und schlecht dabei. Nichts ist unangenehmer als lügen und das aller unangenehmste ist, beim Lügen ertappt zu werden.

WOMAN: Andererseits schränkt eine Beziehung die Freiheit ein?

Simonischek: Schon, aber wenn man lügen muss, ist auch keine Freiheit mehr.

Karner: Wenn man sich anlügt, lacht man auch nicht mehr miteinander. Wir verstehen unter Lügen eine Selbstbeschädigung. Die Dinge leichter und humorvoller sehen, mehr Lachen miteinander ist das Ziel, das man anstreben sollte.

WOMAN: Was sind Ihre Kriterien für eine Langzeitbeziehung?

Simonischek: Verantwortung übernehmen gegenseitig und für die Familie.

Karner: Was heißt das genau, das ist doch ein Schlagwort?

Simonischek: Keine überflüssigen Liebesabenteuer, kein Hasard. Und dann mitdenken für die Anderen, nicht rücksichtslos nur an sich zu denken.

Karner: Ich glaube, es gibt kein Rezept. Dranbleiben, auch in Zeiten, in denen es nicht lustig ist. Und jeder muss sich entwickeln dürfen.

WOMAN: Also Freiheit und Vertrauen?

Karner: Mein Mann hat einen schönen Satz: Ich vertraue solange, bis ich das Gegenteil bewiesen bekomme.

Simonischek: Bedingungsloses Vertrauen und wenn es anders kommt, aus allen Wolken fallen.

WOMAN: Das ist nicht angenehm!

Simonischek: Wenn man es angenehm haben will, muss man ständig mit kleinen Misstrauen hinterher sein, Briefe und Emails lesen und das Handy kontrollieren. Ich will voll Vertrauen und wir bemühen uns das Vertrauen nicht grundlos zu erschweren.

Karner: Ich bin sehr freiheitsliebend. Wenn es ein falsches Misstrauen gäbe, würde das für mich nicht gehen.

WOMAN: Sie sind ein attraktiver Mann und sie eine wunderhübsche Frau, kommt da nicht auch Eifersucht auf?

Karner: Wir haben eine Art Schutz um uns herum. Ich bin überhaupt nicht eifersüchtig.

Simonischek: Meine Frau kann wunderbar ausstrahlen, dass sie nicht bereit ist. Sie ist nicht der Typ von Schönheit, bei der man glaubt, man kann ihr ungestraft unter den Rock greifen.

WOMAN: Sie sind also auch nicht eifersüchtig?

Simonischek: (lacht) Wenn ich mich nicht hinein steigere... Manchmal merke ich, dass es einen Ansatz gibt. Man weiß ja, dass man vor solchen Anfällen nicht gefeit ist. Misstrauen und Eifersucht sind ja bekanntlich Geschwister.

WOMAN: Was geht Ihnen zu Herzen?

Karner: Menschen, die liebesfähig sind, das spüre ich sensorisch und rührt mich, auch weil es oft Außenseiter sind.

Simonischek: Ich bin berührt, wenn Menschen kämpfen und gegen Widerstände siegen. In Berlin bin ich immer zum Marathon gegangen und wenn die Ersten kamen, musste ich heulen. So kleine zarte Männer aus Ländern, in den es so elend zugeht.

WOMAN: Während Sie proben, kritisieren Sie sich?

Karner: Ja, natürlich. Das ist manchmal ganz kompliziert und schwierig und überhaupt nicht lustig.

Simonischek: Seit wir uns kennen, bin ich es gewohnt, mich von meiner Frau kritisieren zu lassen. Und ich bin dankbar dafür, aber auch stolz darauf, wirklich viel ausgehalten zu haben. Sie ist nicht zimperlich.

Karner: (lacht) Es ist ja auch etwas daraus geworden.

Interview: Andrea Braunsteiner

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