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38 Grad, 90 Minuten, 30 Tage:
Ein Erfahrungsbericht

26 Positionen in 90 Minuten bei 38 Grad: Auf diese Formel lässt sich Bikram-Yoga herunterbrechen. Was in den USA seit vielen Jahren Trend ist, findet auch in Österreich immer mehr Fans. Das Praktische: Die Hitze minimiert beim Workout für Körper Geist und Seele die Verletzungsgefahr und kurbelt die Entgiftung an. In Wien gibt es zwei zertifizierte Bikram-Studios, diese bieten auch eine sogenannte 30 Day Challenge an. Das bedeutet 30 aufeinander folgende Tage lang Bikram-Yoga, ohne Ausreden oder Entschuldigungen. Die Auswirkungen sowohl auf den Körper als auch auf die Psyche sind beachtlich. Gesund-Redakteurin Pia Kruckenhauser hat es ausprobiert.


38 Grad, 90 Minuten, 30 Tage:
Ein Erfahrungsbericht
© Christine Wurnig

Tag 1:
Seit fünf Jahren praktiziere ich –­ mit Unterbrechungen ­– Bikram-Yoga. Ich liebe die Hitze, die Bewegung und das Gefühl danach: erschöpft aber gleichzeitig voller Energie. Und Energie habe ich im Moment wirklich nötig. In meinem Leben herrscht Stillstand. Ich brauche dringend eine neue Herausforderung, wenn ich nicht wahnsinnig werden will, aber ich habe keine Ahnung, wo ich danach suchen soll. Ich beschließe also, die Bewegung in meinem Leben auf anderer Ebene zu finden. Zu verlieren habe ich ja nichts. Zugegeben, auf diese Idee bin ich nicht ganz alleine gekommen. Meine Yogalehrerin, Lilli Pock, hat mir vorgeschlagen, eine Challenge zu machen. Ich entscheide also in einer Spontan-Aktion, es darauf ankommen zu lassen und begebe mich mit Matte und Wasser ins Yogastudio. Nach zweieinhalb Wochen Pause freue ich mich wieder so richtig auf das Schwitzen.

Tag 5:
Ich bin schon richtig gut im Schwitzen. Es macht mir unglaublich Spaß, jeden Tag meine Matte vollzutropfen und nach dem guten Gefühl danach bin ich fast schon süchtig. Ich spüre erste Verbesserungen in meinen Asanas, kann tiefer in die Übungen hineingehen und kann meine Hände bei gestreckten Beinen auf dem Boden ablegen – eine Herausforderung, die ich selbst in sehr beweglichen Jugendtagen nie geschafft habe.

Tag 9:
Ich habe zwei Kilo abgenommen. Und ich bekomme Muskeln. Meine Körperkonturen fangen an, sich zu verändern. Die anfänglichen, kritischen Kommentare meiner Freunde (Schwachsinn! Was soll das bringen? Das schafft man doch nie.) werden immer weniger und erste Verwunderung macht sich breit. Ich bin total gut drauf und komme immer noch wahnsinnig gern jeden Tag ins Yogastudio, auch wenn ich mir die Zeit sehr gut einteilen muss. Die Konzentration in den Übungen funktioniert auch immer besser, ich bin schon ein richtiger Profi im Fokussieren. Ich beschließe, zu rauchen aufzuhören – zumindest für die Zeit der Challenge. Bin ja ohnehin nur Gelgegenheitsraucherin.

Tag 13:
Mein linker, hinterer Oberschenkel schmerzt. Der Muskel ist beleidigt. Bei jeder Vorwärtsbeuge zieht es höllisch. Das ärgert mich, weil ich inzwischen immer besser werde. Ich kann auf einem gestreckten Bein stehen, mit dem anderen Bein in die Räuberleiter meiner Hände hineinsteigen und es dann kerzengerade nach vorne strecken, ohne dabei umzufallen. Für eine ganze Minute! Das macht mich ziemlich stolz. Davor habe ich die anderen Yogis immer nur neidisch beobachtet, wenn sie dieses Kunststück vollbracht haben. Ich stecke meine ehrgeizigen Ziele also für ein paar Tage zurück und mache halbes Programm. Was anderes bleibt mir gar nicht übrig.

Tag 17:
Mehr als die halbe Zeit ist vorbei. Ich bin wütend. Ich frage mich, warum ich mir diesen Schwachsinn antun musste. Mein Muskel tut nicht mehr weh, aber dafür läuft sonst gar nichts rund. Ich komme kaum mit den Fingern auf den Boden, es ist unmöglich, auf einem Bein das Gleichgewicht zu halten und bei jeder zweiten Übung falle ich raus oder muss mich hinsetzen, weil mir von der Hitze so schwindlig wird. Am liebsten würde ich wie ein Rumpelstilzchen auf meiner Matte herumhüpfen und alle anschreien, ob sie komplett spinnen. Bei den liegenden Übungen mache ich überhaupt nur jede zweite mit. Ich bin total fertig. Langsam löst sich mein Zorn in Luft aus, dafür könnte ich jetzt heulen. Ich tue es auch ein bisschen, erstens sieht das bei dem vielen Schweiß sowieso niemand und zweitens bin ich nicht die erste, der es so geht. Am Ende der Stunde bin ich richtig erschöpft, körperlich und emotional, aber es geht mir besser.

Tag 20:
Zwei Drittel vorbei. Ich bin mir immer noch nicht ganz klar darüber, warum ich hier bin, aber Aufgeben kommt nicht in Frage. Aufgeben hieße scheitern, diese Blöße will ich mir nicht geben. Ich setzte mir daher Ziele, um dem Ganzen wieder einen Sinn zu geben. Dazu kommt, dass ich inzwischen schon ziemlich gut bin und meine Freunde bewundern meine Muskeln. Niemand fragt mich mehr, ob ich spinne oder schüttelt verwundert den Kopf. Ich beschließe, an meinen Vorwärtsbeugen und der Hüftöffnung zu arbeiten. Bei den Rückwärtsbeugen bin ich schon ein kleiner Champion. Ich weiß inzwischen genau, wie mein Körper reagiert, wenn ich ihn in eine Asana führe und wo ich ansetzen muss, um vielleicht doch noch ein bisschen mehr aus mir herauszuholen. Ich möchte es in der restlichen Zeit schaffen, mit der Stirn den Boden zu berühren, während ich in der Grätsche mit gestreckten Beinen stehe.

Tag 25:
In den vergangenen Tagen war ich sehr zufrieden mit meiner Yoga-Performance. Ich habe inzwischen vier Kilo weniger, ich habe seit zwei Wochen nicht geraucht und ich bin richtig gut drauf. Außerdem bin ich seit langem wieder einmal ausgeschlafen, obwohl ich keine Nacht mehr als sieben Stunden schlafe, eher weniger. Ich hab auch nicht sonderlich viel Hunger. Es scheint zu stimmen, was die erfahrenen Yogis immer sagen, das Bedürfnis nach Essen und Schlaf wird weniger. Heute habe ich wieder einen kleinen Durchhänger, die Warum-Frage macht sich noch einmal breit. Aber ich habe nur noch fünf Tage vor mir und bin stolz, es soweit geschafft zu haben.

Tag 29:
Erfolg! Am vorletzten Tag berühre ich mit der Stirn den Boden! Ich bin unglaublich stolz und sehr glücklich. Ich hab mich so angestrengt, dass ich bei der nächsten Übung gleich eine Pause machen muss, sonst wird mir schwindlig. Aber nichts kann mein Glück trüben. Generell stelle ich fest, dass mein Körper heute bei vielen Stellungen nachgibt und ich jede einzelne Übung sehr gut ausführen kann.

Tag 30:
Geschafft! Die Yogastunde selbst ist kein Highlight, aber ich bin tatsächlich 30 Tage lang ganz allein jeden Tag hierher gekommen und habe alle 26 Übungen durchgemacht. Am Ende der Stunde gratuliert mir die Yogalehrerin vor allen anderen, das ist ein gutes Gefühl. Im ersten Moment bin ich einfach nur froh, dass es vorbei ist, die Freude über meinen Erfolg kommt erst in den nächsten Tagen. Da bin ich dann aber so richtig gut drauf. Jetzt gibt es erst einmal Yogapause. Nach einer Woche gehe ich wieder ins Studio. Die Wirkung ist ein Wahnsinn. Es ist, als ob mein Körper in den vergangenen Tagen pausenlos über die einzelnen Übungen nachgedacht hätte und diese Überlegungen jetzt umsetzt. Auch meinem Geist geht es hervorragend. Ich sprühe vor Leben und mein Kopf strömt über vor Ideen. Die Bewegung, die ich gesucht habe, ist auf einmal im Übermaß vorhanden. Mittlerweile ist einige Zeit vergangen und ich spüre die Nachwirkungen immer noch, sowohl körperlich als auch geistig. Die Challenge war definitiv eine hervorragende Entscheidung!

Die 30 Day Challenge kann in jedem Bikram-Yoga Studio gemacht werden, die meisten veranstalten Sie einmal jährlich ganz offiziell. Das gemeinsame Yoga erhöht die Motivation. In Österreich gibt es zwei Bikram-Yoga Studios, beide in Wien.

Bikram Yoga Schottenring, Maria-Theresien-Straße 32-34, 1010 Wien
Tel.: 0676/462 14 19
www.bikramyogavienna.at

Bikram Yoga College, Neubaugürtel 47, 5. OG/Top 1, 1150 Wien, (Lugner
Kino City)
Tel.: 0664/545 29 60
www.bikram.at

LESEN Sie ein Interview mit Yoga-Guru Bikram Choudhury in WOMAN 18/2010!

Redaktion: Pia Krickenhauser