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Arnie ist jetzt eine Frau

Ein Leben ohne Sport? Für Alexandra Kornicki nicht vorstellbar. Seit drei Jahren behauptet sich die Fitnesstrainerin in einer Männerdomäne und wandelt auf Schwarzeneggers Spuren. Die Wienerin erreichte den Weltmeister-Titel in der Bodybuilding-Klasse "Bikinifitness". Trotz des Erfolgs: Vor Kritik bleibt die Athletin nicht verschont.

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Alexandra Kornicki

Vier bis sechs Mal pro Woche trainiert Alexandra Kornicki. Kampfgewicht: Bei einer Größe von 1,65 Meter wiegt sie 60 Kilo.

© ERNST KAINERSTORFER

Diese "halbnackten Tussis in ihren Minibikinis", von Kopf bis Fuß eingeschmiert mit Bräunungscreme und grellem Make-up waren Alexandra Kornicki, 32, eigentlich ein Gräuel. Niemals wollte sie sich auf einer Bühne so zur Schau stellen: "Ich bin eher schüchtern, so etwas ist mir schnell peinlich."

2015 änderte die Sportwissenschafterin ihre Meinung: "Eine Freundin hat sich bei einem Bodybuilder-Bewerb angemeldet. Ich habe spontan mitgemacht, auch wenn es völlig durchgeknallt war. Immerhin habe ich damals schon einige Jahre extremen Kraftsport betrieben." Schnell hat sie der Hype gepackt. Und die Scheu, sich mit einem Roller von oben bis unten mit dunkelbrauner Farbe anzumalen und vor Publikum zu posen, war weg: "Es hat meinen Ehrgeiz geweckt, und ich war stolz, zeigen zu können, wofür ich täglich hart gearbeitet habe."

Schon als Kind war die Wienerin sportlich kaum zu bremsen. Es gab fast nichts, was sie nicht ausprobiert hat: Volleyball, Eiskunstlauf, Skirennsport: "Der Wettkampfgedanke hat mich motiviert, ich wollte mich mit anderen messen. Trotzdem war ich nie dünn, denn ich esse sehr gerne." Der Sport half ihr, Figurproblemen entgegenzusteuern. 2008 lernte Alexandra ihren Freund Philipp kennen, der in ihr die Begeisterung für das Krafttraining weckte: "Er war regelmäßig im Fitnessstudio, das hat mich angespornt. Und es hat mir Spaß gemacht, mich in einer Männerdomäne durchzusetzen."

»Und es hat mir Spaß gemacht, mich in einer Männerdomäne durchzusetzen.«

2015 hatte sie dann ihren ersten öffentlichen Auftritt: In der Bodybuilder-"Bikinifitness"-Klasse erreichte sie auf Anhieb den dritten Rang. Viele weitere Bewerbe mit Finalplatzierungen folgten. Im November 2017 schließlich der große Triumph: Die Athletin behauptete sich gegen 20 Mitkonkurrentinnen und erhielt als erste Österreicherin den Weltmeistertitel der WFF (World Fitness Federation). Jenem Verband, in dem auch Superstar Arnold Schwarzenegger seine Karriere gestartet hat.

Jetzt zählt Kornicki zur Profiliga und finanziert sich von ihrem Preisgeld ihr kostspieliges Hobby. Denn das Fitnessstudio-Abo muss bezahlt werden, Anreise und Hotel zu den weltweiten Austragungsorten und auch jeweils etwa 500 Euro Antrittsgeld: "Das Teuerste ist jedoch der Bikini. Er ist handgemacht und sollte möglichst viele Glitzersteinchen haben. Jeder Auftritt ist ja auch eine Show. Der kann dann schon bis zu 1.000 Euro oder sogar mehr kosten."

Zwei Mal im Jahr ist Saison. Im Frühjahr und Herbst nimmt die 32-Jährige an bis zu zehn Bewerben teil. Doch schon vier Monate vor jedem Termin beginnt die harte Vorbereitungszeit. Und die bestimmt den Alltag: "Bis zu sechs Mal pro Woche werden die Muskeln eine Stunde lang intensiv bearbeitet. Dazu muss ich mich an einen strikten Ernährungsplan halten." Heißt: Fünf Mahlzeiten pro Tag, viel Reis, Kartoffeln, Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch und Nüsse. Die Menge wird genau abgewogen: "Aber man hungert nicht."

Zusätzlich pumpen sich Teilnehmer in Bodybuilder-Kreisen häufig mit künstlichen Hormonen zu - für Alexandra kein Thema: "Das gibt es in meiner Kategorie nicht. Wir sind ja nicht so aufgetunt. Eiweiß-Shakes zur Unterstützung reichen aus." Genetisch stößt man ohnehin an seine Grenzen: "Ich habe eher dünne Arme, und es wäre schön, wenn mein Po noch fester und runder wäre. Aber Training schafft nicht alles, wenn es von der Natur aus nicht vorgegeben ist."

Nicht bei jedem punktet die Leistungssportlerin mit ihrem Body und ihrer Disziplin. "Vor allem Männer finden mich entweder zu muskulös oder zu dürr. Einige nervt mein Essverhalten. Sie meinen, mit mir vergeht ihnen die Lust auf ein fettes Schnitzel und Pommes, wenn ich daneben an Gemüse oder einem Steak knabbere. Aber ich gönne mir sehr wohl ein Stück Kuchen oder trinke Alkohol, aber eben in Maßen." Nach den Wettkämpfen sind Diät und der strenge Fitnesskalender egal: "Oft wiege ich am Tag danach drei Kilo mehr."

»Der Grad zur Essstörung ist sicher sehr schmal.«

Der psychische Knick bleibt nicht aus. Es dauert jedes Mal eine Weile, bis Alexandra akzeptiert hat, dass der Zeiger auf der Waage wieder raufgeht. "Der Grad zur Essstörung ist sicher sehr schmal", weiß Kornicki und beteuert gleichzeitig, dass sie das im Griff habe: "Eng wird es, wenn man bei einem Stückchen Schokolade oder einem trainingsfreien Tag ein schlechtes Gewissen bekommt. Grundsätzlich soll aber jeder machen, wie er will, solange es nicht zu extrem ist."

Nur "sich gehen lassen" geht ihrer Meinung nach gar nicht: "Wenn jemand null Sport macht und grenzenlos in sich reinfrisst, verstehe ich das nicht. Man hat doch nur den Körper und sollte das Beste daraus machen."

Und wie hat sich ihre Einstellung zu den "halbnackten Tussis" auf der Bühne verändert? "Ich sehe das heute ganz anders und verschwende keinen Gedanken mehr daran, dass da etwas unangenehm ist. Ich bin Teil einer verrückten Gruppe. In einem Schwimmbad stellt man sich ja auch im Bikini zur Schau."