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Verurteilt - freigesprochen - von den Medien verfolgt: Amanda Knox

Amanda Knox, im schlagzeilenreichen Mordprozess als „Engel mit den Eisaugen“ getauft, erzählt in ihrer soeben erschienen Autobiographie ihre Seite der Geschichte. Wir haben exklusive Leseproben zu „Zeit, gehört zu werden“.


Zeit, gehoert zu werden
© Droemer-Knaur-Verlag

Eine Geschichte, wie sie Hollywood nicht besser hätte schreiben können: Wochenlang beherrschte das Justizdrama um die Mordverdächtige Amanda Knox die internationalen Schlagzeilen. Tituliert als „Engel mit den Eisaugen“, "Teufelin mit einem Engelsgesicht" oder als "herzlose Manipulatorin" wird die US-Studentin auf Auslandssemester im italienischen Perugia von den Medien schon vor dem Richterspruch verurteilt.

Amanda Knox
Amanda Knox wird ins Gericht begleitet.

Verurteilt wird sie und ihr Ex-Freund Raffaele Sollecito dann 2009 in einem Indizienprozess tatsächlich am Mord ihrer britischen Mitbewohnerin Meredith Kercher, die in der Nacht zum 2. November 2007 vergewaltigt und ermordet in ihrem Zimmer gefunden worden war. Nachdem sie bereits 4 Jahre ihrer 26-jährigen Haftstrafe abgesessen hat, wird sie jedoch im Berufungsprozess 2011 frei gesprochen und kehrt in die USA zurück. Dieser Urteilsspruch wurde aber gerade wieder revidiert und das Verfahren neu aufgenommen.

Amanda Knox
Reges Interesse der Medien im Gerichtssaal

Nun erzählt Amanda Knox in ihrer soeben erschienen Autobiographie ihre Geschichte: Mit „Zeit, gehört zu werden“ (Droemer-Knaur-Verlag) will die 25-Jährige sich gegen das Bild wehren, das die Medien von ihr gezeichnet haben und erreichen, dass sich die Menschen eine neue Meinung über sie bilden sowie, dass ihre Wahrheit ans Licht kommt.

Sie beschreibt in dem Buch ihre ersten amourösen Erfahrungen in Italien, ihre Selbstmordpläne hinter Gittern aber auch sexuelle Belästigungen durch hochrangige Gefängnisangestellte.

Amanda Knox

Hauptaugenmerk liegt natürlich auch auf besagter Mordnacht, in der sie mit ihrem Freund in dessen Wohnung Marihuana geraucht und einen Film gesehen habe. In den stundenlangen Polizeiverhören, in denen sie auch misshandelt worden sei, beteuerte sie immer wieder ihre Unschuld. Jedoch gibt sie zu, aufgrund ihrer Angst und Naivität widersprüchliche Aussagen gemacht zu haben.

Leseproben aus „Zeit, gehört zu werden“:

Die Urteilsverkündung

4. Dezember 2009, Perugia, Italien

Als ich den alten Gerichtssaal von Perugia betrat, in dem seit Jahrhunderten Urteile ergingen, betete ich im Stillen, die Tradition der Gerechtigkeit möge mich jetzt beschützen. Ich warf einen Blick auf das große Kruzifix an der Wand ober- halb der Richterbank. Wachen mit blauen Mützen nahmen mich in ihre Mitte und schoben mich vorwärts. Der Raum war überfüllt mit Polizisten, Anwälten und Journalisten, aber es herrschte nervtötende Stille. Merediths Familie sah ich nicht. Allerdings meine Mutter, meinen Vater, meine Stiefmutter, meinen Stiefvater, Deanna – sie alle standen an einer Seite und gaben mir mit Lippenbewegungen zu verstehen: »Ich hab dich lieb.« Meine anderen Schwestern waren zu jung und durften nicht in den Gerichtssaal; sie warteten aber draußen vor den Doppeltüren auf mich.

Die Ungerechtigkeit war endlich – fast – vorbei. Vier Minuten nach Mitternacht erklang eine Glocke, und die Gerichtsdienerin verkündete: »La corte.« Die Richter in schwarzen Roben und die Schöffen mit ihren Schärpen in den italienischen Nationalfarben Rot-Weiß-Grün traten feierlich durch die Tür. Sie blickten streng über unsere erwartungsvollen Gesichter hinweg, während sie an ihre Plät- ze gingen. Ich stand zwischen meinen beiden italienischen Anwälten, griff nach der Hand des Größeren – des Mannes, der mir in all den Monaten immer wieder gesagt hatte: »Nur Mut, Amanda, den brauchen Sie. Wir erledigen den Rest.« Ich holte tief Luft, als der Richter das Blatt Papier in die Hand nahm und mit ruhiger, monotoner Stimme die Paragraphen vortrug, gegen die ich verstoßen hatte. Jemand hinter mir jammerte: »Nein!«, eine Sekunde bevor ich den Richter »colpevole« sagen hörte – »schuldig«. Zitternd schmiegte ich mich an die Brust meines Anwalts, der seinen kräftigen Arm um mich legte. Das Blut pochte mir in den Oh- ren. Ich stöhnte immerzu: »Nein, nein, nein.« Ich dachte, das ist unmöglich, das kann nicht sein, das ist ein Albtraum, das kann nicht wahr sein, es ist ungerecht, einfach ungerecht. Überall waren Menschen, die lautstark für oder gegen mich Partei ergriffen. Hände streckten sich nach mir aus, berührten mich – ich wusste nicht, wem sie gehörten. Über all den Lärm und das Durcheinander hinweg hörte ich meine Schwester und meine Mutter schluchzen.

Meine Beine wollten mich nicht mehr tragen. Die Wachen hielten mich unter den Achseln aufrecht und schleiften mich aus dem Gerichtssaal. Im Chaos meiner zerschmetterten Welt hörte ich nicht, wie der Richter mich zu sechsundzwanzig Jahren verurteilte.
Aus. Aus und vorbei.

Der Morgen nach dem Mord

Vormittag des 2. November 2007, erster Tag

An diesem kalten, sonnigen Freitagvormittag ließ ich Raffaele schlafend in seiner Wohnung zurück und ging nach Hause, um zu duschen und meine Sachen zu packen. Ich dachte an unser romantisches Wochenende in den umbrischen Bergen. Rückblickend könnte man meinen, die offen stehende Haustür hätte mir bei meiner Ankunft einen größeren Schrecken einjagen müssen. Das ist aber komisch, dachte ich. Es ließ sich allerdings leicht erklären. Das alte Schnappschloss rastete nur ein, wenn wir einen Schlüssel benutzten. Der Wind muss sie aufgedrückt haben. Ich ging ins Haus und rief: »Filomena? Laura? Meredith? Hallo? Hallo? Jemand da?« Niemand. Die Zimmertüren waren geschlossen.
Die beiden erbsengroßen Blutflecken im Waschbecken des Badezimmers, das Meredith und ich uns teilten, beunruhigten mich nicht weiter. Am Wasserhahn war ein weiterer verschmierter Fleck. Merkwürdig. Ich kratzte mit dem Fingernagel an den Tröpfchen. Sie waren trocken. Meredith muss sich geschnitten haben.
Erst als ich aus der Dusche kam, fiel mir ein rötlich brauner Klecks etwa von der Größe einer Orange auf der Badematte ins Auge. Noch mehr Blut. Hat Meredith womöglich ihre Tage gekriegt und getropft? Aber wie ist das Blut dann ins Waschbecken gelangt? Meine Verwirrung wuchs. Normalerweise waren wir so ordentlich. Ich ging in mein Zimmer, schlüpfte für meinen Ausflug mit Raffaele in einen weißen Rock und einen blauen Sweater und überlegte mir dabei, was ich nach Gubbio mitnehmen sollte.
Ich ging ins große Badezimmer, um mir mit Filomenas Föhn die Haare zu trocknen. Als ich ihn wieder an die Wand hängte, sah ich Exkremente in der Toilette. Niemand bei uns im Haus würde vergessen zu spülen.
Konnte ein Fremder hier gewesen sein? War jemand im Haus gewesen, während ich unter der Dusche stand? Ich verspürte einen jähen Anflug von Panik und dieses Kribbeln, das einen bei dem Gedanken befällt, man könnte beobachtet werden. Ich schnappte mir rasch meine Handtasche und meinen Mantel und dachte sogar noch an den Mopp, den ich mitzubringen versprochen hatte. In aller Eile steckte ich den Schlüssel ins Schloss und zwang mich, ihn umzudrehen, bevor ich die Auffahrt entlanglief. Mein Herz klopfte so heftig, dass es weh tat.
.....
So schlimm kann es nicht sein, dachte ich. Ich bin nicht mehr im Haus. Es ist nichts passiert. Ich bin in Sicherheit. Niemand ist in Gefahr. Als Erstes rief ich Filomena an. Zu meiner Erleichterung hob sie ab.
»Ciao, Amanda«, sagte sie. »Ciao. Ich rufe an, weil unsere Haustür heute Morgen offen stand, als ich von Raffaele kam. In dem einen Badezimmer habe ich ein paar Blutstropfen gefunden, im anderen Klo schwamm Kot. Weißt du irgendwas darüber?« »Was soll das heißen?«, fragte sie. Ihre Stimme war sofort auf höchster Alarmstufe. »Ich war gestern Nacht nicht da – ich war bei Marco –, und Laura ist geschäftlich in Rom. Hast du schon mit Meredith gesprochen?« »Nein, ich hab’s zuerst bei dir versucht.« »Ich bin auf der Messe außerhalb der Stadt. Bin gerade angekommen. Probier’s bei Meredith, und geh dann zum Haus zurück. Wir müssen nachsehen, ob irgendwas gestohlen worden ist.« Sie klang besorgt. Ich rief Meredith auf ihrem englischen Handy an. Eine Stimme vom Band erklärte, der gewünschte Gesprächspartner sei zurzeit nicht erreichbar. Das kam mir seltsam vor. Dann wählte ich Merediths italienische Nummer. Der Anruf landete direkt auf der Mailbox. Mittlerweile war ich wieder bei Raffaele.
....
Als wir zehn Minuten später das Haus erreichten, hatte sich mein Magen vor Angst zu einem Knoten verkrampft. »Und wenn nun jemand drin war?« Mir wurde bang und bänger. Raffaele hielt meine freie Hand, während ich die Tür aufschloss. »Ist da jemand?«, rief ich laut.
Zuerst schien alles in Ordnung zu sein. Im Haus war es still, und die Wohnküche war makellos sauber. Ich steckte den Kopf in Lauras Zimmer. Auch dort war offenbar alles okay. Dann öffnete ich Filomenas Tür und schnappte nach Luft. Das Fenster war eingeschlagen worden, und überall lag Glas. Kleider häuften sich auf dem Bett und dem Fußboden. Die Schubladen und Schränke waren offen. Ich sah nur ein einziges Chaos. »O Gott, bei uns ist eingebrochen worden!«, stieß ich hervor. Raffaele stand direkt hinter mir. Gleich darauf ent- deckte ich Filomenas Laptop und Digitalkamera auf dem Schreibtisch. Ich konnte es einfach nicht begreifen. »Das ist echt komisch«, sagte ich. »Ihre Sachen sind da. Ich versteh’s nicht. Was kann hier passiert sein?«
....
Merediths Tür war noch immer verschlossen, so wie bei meinem vorherigen Aufenthalt im Haus. »Meredith!«, rief ich. Sie antwortete nicht. Ob sie die Nacht bei Giacomo verbracht hat? Oder bei einer ihrer englischen Freundinnen? In diesem Augenblick beunruhigte mich das eingeschlagene Fenster in Filomenas Zimmer mehr als Merediths verschlossene Tür.
Ich lief nach draußen und ums Haus, um nachzusehen, ob die Jungs von unten da waren und ob sie in der Nacht irgendwas gehört hatten. Draußen, ohne Raffaele, stieg die Angst wieder in mir empor. Mein Herz begann erneut zu rasen. Ich hämmerte an ihre Tür und versuchte, durch die Scheibe zu spähen. Es sah aus, als wäre niemand daheim.
Ich lief wieder nach oben, klopfte behutsam an Merediths Tür und rief: »Meredith. Bist du da drin?« Ich rief erneut, diesmal lauter. Ich klopfte fester. Und dann mit aller Kraft. Ich rüttelte an der Klinke. Die Tür war verriegelt. Meredith schließt nur ab, wenn sie sich umzieht, dachte ich. Sie kann nicht dadrin sein, sonst würde sie antworten. »Warum antwortet sie mir nicht?«, fragte ich Raffaele verzweifelt.
Mir fiel kein Grund ein – schon gar nicht in diesem Augenblick –, weshalb ihre Tür verschlossen sein sollte. Was, wenn sie in ihrem Zimmer war? Weshalb reagierte sie dann nicht? Schlief sie mit Kopfhörern? War sie verletzt? In diesem Moment kam es mir in allererster Linie darauf an, sie zu erreichen; ich wollte einfach wissen, wo sie war und dass es ihr gutging. Bei meinen Anrufen war sie ja nicht ans Handy gegangen.
Ich kniete mich auf den Fußboden und versuchte, mit zusammengekniffenen Augen durchs Schlüsselloch zu spähen, sah aber nichts. Und wir konnten nicht wissen, ob die Tür von innen oder von außen abgeschlossen worden war.
»Ich gehe mal raus und versuche, von der Terrasse aus durch ihr Fenster zu schauen.« Ich kletterte über das schmiedeeiserne Geländer. Die Füße auf dem schmalen Sims, hielt ich mich mit einer Hand am Gelän- der fest und beugte mich so weit vor, wie es ging. Mein Körper hing in einem Winkel von fünfundvierzig Grad über dem Kiesweg unten. Raffaele kam heraus und rief: »Amanda! Lass das. Du könntest runterfallen!«
Auf den Gedanken war ich noch gar nicht gekommen. »Bitte komm rein, bevor du dich noch verletzt!« Drinnen kehrten wir sofort zu Merediths geschlossener Tür zurück. »Ich kann versuchen, sie einzutreten«, erbot sich Raffaele. »Nur zu!« Er warf sich mit voller Wucht gegen die Tür. Nichts. Er trat mit dem Fuß neben die Klinke. Sie rührte sich nicht.
......
Raffaele wählte die 112. Sobald er aufgelegt hatte, sagte ich: »Warten wir draußen auf sie.« Auch ohne Chris’ nachdrückliche Mahnung war ich zu beunruhigt, um noch länger im Haus zu bleiben. Auf dem Weg nach draußen warf ich von der Küche aus einen raschen Blick in das größere Bad. Die Toilettenspülung war betätigt worden. »O Gott!«, sagte ich zu Raffaele. »Jemand muss sich im Haus versteckt haben, als ich zum ersten Mal hier war – oder sie sind zurückgekommen, als ich weg war!« Wir liefen hinaus und warteten auf einer grasbewachsenen Böschung neben der Auffahrt. Ich zitterte vor Nervosität und Kälte. Raffaele hielt mich im Arm, um mich zu beruhigen und warm zu halten, als ein Mann in Jeans und brauner Jacke zu Fuß herbeikam. Als er sich uns näherte, erklärte er, er sei von der Polizei. Das ging ja schnell, dachte ich. Ein weiterer Polizist gesellte sich zu ihm. Ich versuchte, auf Italienisch zu erklären, dass es einen Einbruch gegeben hatte und dass es uns nicht gelungen war, eine unserer Mitbewohne- rinnen zu finden – Meredith.
........
»Brechen Sie die Tür auf!«, forderte Filomena die Beamten der polizia postale mit lauter Stimme auf.
»Das können wir nicht – dazu sind wir nicht befugt«, erklärte einer von ihnen. Mittlerweile traten sich sechs Personen in dem winzigen Flur vor Merediths Zimmer auf die Füße, und alle redeten in lautem Italienisch durcheinander. Dann hörte ich, wie Luca mit donnerndem Krachen gegen die Tür trat. Er versetzte ihr ein, zwei, drei Tritte. Schließlich hielt das Schloss nicht mehr stand, und die Tür flog auf. Filomena schrie: »Un piede! Un piede!« – »Ein Fuß! Ein Fuß!«
Ein Fuß?, dachte ich. Ich verrenkte mir den Hals, aber wegen all der anderen Leute konnte ich nicht in Merediths Zimmer schauen. »Raffaele«, sagte ich – er stand neben mir –, »was ist los? Was ist los?«
Einer der Männer rief: »Sangue! Dio mio!« – »Blut! Mein Gott!« Filomena schluchzte hysterisch. Es klang wild, animalisch. »Alle raus aus dem Haus!«, donnerten die Polizisten. »Sofort!« Sie forderten Verstärkung an.
Raffaele packte mich an den Händen und zog mich zur Haustür. Ich schaute nicht in Merediths Zimmer hinein. Während ich draußen auf der Vordertreppe saß, hörte ich jemanden rufen: »Armadio« – »Kleiderschrank«. Sie haben einen Fuß im Kleiderschrank gefunden, dachte ich. Dann: »Corpo!« – »Ein Körper!« Ein Körper im Kleiderschrank, und ein Fuß ragt heraus? Die Wörter wollten einfach keinen Sinn er- geben. »Meredith! Meredith! O Gott!«, jammerte Filomena immer wieder. »Meredith! O Gott!«
Mein Verstand arbeitete in Zeitlupe. Ich konnte weder schreien noch sprechen, sondern sagte nur immer wieder stumm zu mir selbst: Was ist da los? Was ist da los? Erst im Lauf der nächsten Tage reimte ich mir Stück für Stück zusammen, was Filomena und die anderen von der offenen Tür aus gesehen hatten – einen nackten, blau verfärbten Fuß, der unter Merediths Steppdecke herausragte, Blutspritzer an den Wänden, Blutschlieren auf dem Fußboden.
Doch in jenem Moment, als ich draußen vor unserer Villa saß, hatte ich das Bild eines gesichtslosen Körpers im Kopf, der in den Kleiderschrank gestopft worden war, wobei ein Fuß herausragte. Ich hatte grausige Wörter gehört, aber sie hatten keinen Sinn ergeben.
Vielleicht war das der Grund, weshalb Filomena weinte und ich nicht. In diesem kurzen Augenblick hatte sie genug ge- sehen, um die schreckliche Tragweite der Geschehnisse zu erfassen. Für mich gab es nur Verwirrung und Wörter und – später – Fragen über Fragen nach Meredith und ihrem Leben in Perugia. Ich konnte nichts darüber sagen, wie ihr verwüsteter Körper ausgesehen hatte.