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Wie aus Abfall ein Gourmet-Menü wird: Waste Cooking

Eine Kochshow der anderen Art zeigt, dass aufgrund des Mindesthaltbarkeitsdatums weggeworfene Lebensmittel definitiv noch genießbar sind und verwandelt den "Müll" in kreative Gerichte.

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Wastecooking
© Wastecooking

Nicht "bäähhh", sondern "mmhhh" - nicht unbedingt die Reaktion, die man normalerweise bei Abfall vermutet. Aber man würde ja auch nicht annehmen, dass das Meiste, was bei uns an Nahrungsmitteln im Mistkübel landet noch wunderbar zum Verzehr geeignet ist. Als genussreicher Protest gegen diese Verschwendung, wurde wastecooking ins Leben gerufen. Im Rahmen der konsumkritischen Koch-Show kann man einen Blick in die Mistkübel von Supermärkten werfen und sehen, was ein Profi-Koch aus dessen Inhalt zaubert.

Und die Idee, das wichtige Thema witzig in Form eines absoluten Mainstream-Phänomens, wie den erfolgreichen Kochshows umzusetzen, wurde in Österreich geboren. Wir haben den Gründer interviewt:

WOMAN: Wer steht hinter wastecooking?
wastecooking: wastecooking ist ein Kollektiv aus Filmemachern, Köchen, Mülltaucherinnen und einer Musikerin. Gegründet wurde es am 1. Mai 2012 vom Journalisten und Filmemacher David Gross. wastecooking startete als konsumkritische Kochshow, in Form einer Webserie, ist heute im Community TV, in Museen und Ausstellungen zu sehen und bei Musik, Kunst und Filmfestivals live zu erleben.

WOMAN: Wie ist die Idee zu wastecooking entstanden?
wastecooking: Die Selbsterfahrung war die Initialzündung. 2012 begann David Gross in Salzburg im „Müll zu tauchen“. Die großen Mengen an frischen Lebensmitteln, die einfach weggeworfen werden - und dann in Supermarktcontainern vergammeln, lassen Einen nicht kalt. Die weggeworfenen Lebensmittel zurück ins Bewusstsein der Konsumierenden zu holen, in Form einer Kochshow, die den subversiven Ansatz der Mülltauch-Bewegung mit dem Mainstream-Format der Kochsendung kombiniert, ist die Grundidee von wastecooking.

WOMAN: Hattet ihr schon einmal Probleme mit Behörden/ Supermärkten?
wastecooking: Behörden oder Supermärkte haben uns noch keine Probleme gemacht. „Waste Diving“ oder auch „Dumpster Diving" oder „Containern“ spielt sich in einer rechtlichen Grauzone ab. Anders als zum Beispiel in Deutschland, ist es in Österreich aber kein Diebstahl, sondern „nur“ Besitzstörung, wenn man Nahrungsmittel aus Supermarktcontainern holt. Wir haben mit den großen Supermarktketten in Österreich gesprochen, sie tolerieren Mülltauchen, so lange nicht eingebrochen wird und sie haben „wastecooking“ versichert, keine Anzeige zu erstatten.

WOMAN: Hat schon einmal ein Fernsehsender angefragt, ob man eine Kochsendung im regulären TV ausstrahlen könnte?
wastecooking: Ja, da gibt es Kontakte zu Fernsehsendern. Die Gespräche sind gerade am Laufen und wir wollen dem Ergebnis nicht vorgreifen. Natürlich wäre das ein großes Ziel von wastecooking, die Underground-Kochshow ins „große“ Fernsehen zu bringen, um noch mehr Menschen auf das wichtige Thema der Lebensmittelverschwendung aufmerksam zu machen.

Wastecooking
So lecker kann "Müll" aussehen.

WOMAN: Was würdet ihr zum Thema "Ablaufdatum" ändern wollen?
wastecooking: Das MHD (Mindesthaltbarkeitsdatum) ist eine Empfehlung des Herstellers, Produkte dürfen europaweit auch nach Ablauf dieses Datums verkauft werden. Das MHD ist also kein Verbrauchsdatum, es orientiert sich an optischen Kriterien, nicht an gesundheitlichen. Unser wastecooking-Koch hat ein Bio-Joghurt 30 Tage nach Ablauf des Datums verkostet, es war einwandfrei. Aus unserer Sicht, brauchen Produkte wie Fleisch und Fisch natürlich ein verbindliches Verbrauchsdatum, bei den meisten anderen Produkten wäre es wichtig, die Konsumentinnen und Kosnumenten genauer zu informieren, was hinter der Haltbarkeits-Empfehlung steckt.

WOMAN: Wer müsste eurer Meinung nach den ersten Schritt machen für eine Änderung? Die Industrie oder die Konsumierenden?
wastecooking: Die Industrie schiebt den „schwarzen Peter“ immer den Konsumierenden zu. Ihr Argument: Weil der Kunde oder die Kundin immer frische Ware haben will - auch bis 19 Uhr - muss immer genügend in den Regalen sein und deshalb muss leider auch viel weggeworfen werden. Aus wastecooking-Sicht stimmt das Argument nicht, wenn die Käuferinnen und Käufer über die Folgen Bescheid wissen, werden sie sich anders entscheiden, und dem Supermarkt den Vorzug geben, der wenig wegwirft. Ein Umdenken muss alle erfassen, aber wir dürfen auch nicht naiv sein, denn ohne die entsprechenden gesetzlichen Rahmenbedingungen lässt sich ein so komplexes System wie der Lebensmittel-Handel nicht zum Besseren verändern.

WOMAN: Gibt es Anzeichen ob ein Nahrungsmittel noch genießbar ist - abgesehen von Schimmel oder schlechtem Geruch?
wastecooking: Probieren geht über studieren. Wir müssen unseren Sinnen wieder mehr vertrauen. Riechen, schmecken - und dann ist schnell klar, ob das Produkt noch genießbar ist oder nicht. Bei Eiern, Fisch und Fleisch ist Vorsicht geboten, ansonsten brauchen wir kein Datum, das uns aufklärt, so lange wir alle Sinne beisammen haben. Wer mehr darüber wissen will, kann sich auf unserer Seite informieren und auch an Aktionen teilnehmen: www.wastecooking.com

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