Ressort
Du befindest dich hier:

Eine Frage des Temperaments

Phlegmatisch, cholerisch oder doch eher melancholisch - wie sieht es mit deinem Temperament aus? Wie die TCM gibt auch die TEM auf die persönliche Konstitution abgestimmte Tipps zu richtiger Ernährung und Bewegung. Plus: Erkenne deinen Typ!

von
Kommentare: 0

Eine Frage des Temperaments

Welcher Typ bist du?

© Corbis. All Rights Reserved.

Hildegard von Bingen ist die erste Assoziation, wenn es um altes medizinisches Wissen aus Europa geht. Danach folgen Schröpfen und - wenig vertrauenerweckend - Aderlass. Wenn wir die Traditionelle Europäische Medizin (TEM) aber auf diese Anwendungen und die Ernährungstipps der kräuterkundigen Klosterfrau reduzieren, tun wir ihr sehr unrecht. Denn ähnlich der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und dem indischen Ayurveda handelt es sich dabei um ein komplexes, ganzheitliches Heilkonzept, das sich auf den gesamten Menschen bezieht, mit Massagen, Kräutermedizin und Ernährungsvorschlägen. Um diesen beinahe verlorenen Wissensschatz wieder zu heben, hat der Historiker Karl-Heinz Steinmetz gemeinsam mit dem Mediziner Robert Zell das Buch Medizin der vier Temperamente (GU Verlag, € 19,99) geschrieben, in dem er das Prinzip der TEM genau erklärt.

Vier Typen.

Grundlage ist das Verständnis der vier Temperamentstypen Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker und Phlegmatiker. Jeder Mensch ist von seinem Naturell und seinem Charakter her schwerpunktmäßig einem Temperament zuzuordnen, viele tragen auch gleiche Anteile von zwei Typen in sich. Sanguiniker etwa sind gesellige Gefühlsmenschen, die jedes Fest beleben, Choleriker sind kritische Geister mit Führungsqualitäten. Der feinsinnige, kreative Melancholiker ist besonders hilfsbereit, und Phlegmatiker sind geduldige, einfühlsame Zuhörer. Die Charakterisierung der einzelnen Typen ist dabei viel umfassender als die Bedeutung im heutigen Sprachgebrauch. Die wiederentdeckten Definitionen der Temperamente beziehen sich auf den gesamten Menschen, seine körperliche Konstitution, typische äußere Merkmale und Charaktereigenschaften (genaue Beschreibung siehe unten).

Neue Interpretation.

Im Unterschied zu den indischen und chinesischen Medizinsystemen ist von der alten europäischen Lehre viel verloren gegangen. Historiker Steinmetz hat es sich zum Ziel gesetzt, das medizinische Wissen wieder aus den alten Schriften herauszufiltern. In Zusammenarbeit mit einer studentischen medizinischen Arbeitsgruppe am Wiener AKH erprobt er die überlieferten Gesundheitsrezepte. "Ähnlich wie TCM und Ayurveda ist die TEM eine seriöse Medizin mit ganzheitlichem Blickwinkel“, erklärt der Wissenschafter. "Sie hat allerdings den Vorteil, dass sie perfekt in unsere Breitengrade passt, auf die klimatischen Bedingungen abgestimmt ist und unsere landwirtschaftlichen Produkte mit einbezieht.“ Große Chancen für das alte europäische Wissen sieht der Experte in der Medical Wellness und in Ergänzung zur modernen Schulmedizin: "Die Schulmedizin ist großartig bei akuten Problemen und hat viele Möglichkeiten, die pflanzliche Medikamente und Massagen nicht leisten können. Wenn es aber um den gesamten Lebenskontext geht, gibt TEM wertvolle Tipps für einen gesunden Lebensstil und kann vorbeugend wirken. Unsere Aufgabe ist es, diese alten Methoden wiederzuentdecken und an die moderne Lebenssituation im 21. Jahrhundert anzupassen.“ Zu diesem Zweck hat er auch den Verein Arc Anime (arcanime.at) gegründet. Dieser beschäftigt sich mit der Wiederentdeckung und Verbreitung der Traditionellen Europäischen Medizin und ihrer Methoden.

Diagnose.

Ähnlich wie in der chinesischen Medizin beinhaltet eine Diagnose nach TEM körperliche Verfassung (Eigenschaften der Haut, Verdauung, Gewicht, häufige gesundheitliche Probleme wie Bauchkrämpfe, häufige Atemwegserkrankungen, Entzündungen usw.), Ernährungsgewohnheiten, sportliche Vorlieben, psychische Befindlichkeit und mehr. Eine spezielle Pulsdiagnose gibt Aufschluss über die jeweilige Verfassung. Auf dieser Basis wird festgestellt, welches Temperament vorherrscht. Behandelt werden die verschiedenen Beschwerden mit Kneipp-Anwendungen, Bürsten- und Reflexzonen-Massagen, Schröpfen (das ist eine Stimulation unserer Reflexzonen), Schwitzbädern und Saunagängen.

Richtig essen.

Auch die passende Ernährung spielt eine große Rolle. Alle Lebensmittel sind den vier Elementen Feuer, Luft, Erde, Wasser zugeordnet und haben bei richtiger Dosierung ausgleichende Wirkung auf das Temperament. So empfiehlt es sich beispielsweise bei cholerischer Konstitution, verstärkt Lebensmittel aus dem Element Wasser zu essen. Alles, was wir unserem Körper zuführen, hat unmittelbare Auswirkungen auf unser Wohlbefinden.

Anwendung.

Die Wiederentdeckung des gesamten Spektrums der Traditionellen Europäischen Medizin steckt noch in den Kinderschuhen, einzelne Teile davon wie Kneippen oder Ernährung nach Hildegard von Bingen werden aber bereits sehr erfolgreich angewendet. In Bad Kreuzen im oberösterreichischen Mühlviertel etwa gibt es ein großes Kneipp-Zentrum (kneippen.at), das weitere Behandlungen nach TEM anbietet und sich um das alte Wissen bemüht. Und auch die eigene Intuition ist gefordert. Denn jeder Mensch, lehrt die TEM, ist in gewisser Weise auch sein eigener Arzt, der Verantwortung für seine Gesundheit übernimmt.

Erkenne deinen Typ.

Die Phlegmatikerin.

Gesellig, tolerant, gemütlich.

Körperbild. Rundes Gesicht, volle Wangen, weiche Konturen, kleine Nase, große, ausdrucksstarke Augen. Die Figur ist stattlich, manchmal mit Tendenz zu Übergewicht, Frauen haben tendenziell große Brüste. Eher helles, feines Haar.

Konstitution. Guter Appetit, langsame, träge Verdauung. Der Körper lagert oft Wasser und Schlacken ein, daher Neigung zu Schwellungen und Cellulite. Häufige gesundheitliche Probleme: Schilddrüsen-Unterfunktion, Atemwegserkrankungen, Magenverstimmung, Nierenprobleme. Tiefer und langer Schlaf. Denkstil ist konzentriert, langsam und gründlich, mit gutem Gedächtnis. Charaktermerkmale sind Geduld, Ausdauer, Toleranz, Geselligkeit; friedliebend.

Ernährung. Vorsicht bei zu viel Milchprodukten, Zucker, Stärke, Weizen. Keine eiskalten Speisen und Getränke. Lebensmittel des Elements Feuer sind gut: Fenchel, Lauch, Schalotten, Weißkraut, Hafer, Mais, Brombeeren, Rhabarber, Datteln, Feigen, Maroni, Walnüsse, Hase, Schwein, Ziege, Basilikum, Honig, Salbei, Senf, Knoblauch, Lorbeer, Minze, Pfeffer, Zimt, Kaffee.

Bewegung. Von Natur aus eher gemütlich. Ideale Sportarten: Aktive Bewegung mit äußerer Unterstützung wie z. B. Segeln, Surfen, Reiten oder Schwimmen. Auch Tanzen und gemütliches Wandern sind gut. Die Phlegmatikerin braucht Bestärkung und Motivation, profitiert dafür aber besonders gut vom sportlichen Ausgleich.

Die Sanguinikerin.

Kreativ, spielerisch, optimistisch.

Körperbild. Ovale Gesichtsform mit eleganter Zeichnung, volle Lippen, oft mandelförmige, braune Augen. Gute Körperproportionen, kräftige Muskeln, aber nicht zu sehnig oder athletisch. Hat sie ein paar Kilos zu viel, sitzen die Fettpölsterchen eher an Hüften, Schenkeln und Po. Die Haut ist rosig und oft ein bisschen fettig.

Konstitution. Ausgeprägter Appetit mit Vorliebe für herzhafte Speisen. Gute Verdauung, aber anfällig, wenn man zu viel isst. Blutwerte sind oft erhöht (Cholesterin, Blutzucker), Leber und Bauchspeicheldrüse sind empfindlich. Schwachstellen: Atemwege, Blase, Geschlechtsorgane. Frauen haben oft starke Menstruation. Guter, erholsamer Schlaf. Die Denkart ist kreativ, spielerisch, positiv. Besonders stark ausgeprägte Sozialkompetenz.

Ernährung. Zurückhaltung bei rotem Fleisch, zu viel Eiweiß, sehr süßen oder fetten Speisen. Gut sind Lebensmittel des Elements Erde: Bohnen, Linsen, Löwenzahn, in Essig eingelegtes Gemüse, Weinblätter, Buchweizen, Gerste, Hirse, Äpfel, Birnen, Ribiseln, Orangen, Quitten, Stachelbeeren, Zitronen, Muskatnuss, Oregano, Rosmarin, Brennnesseln, Käse, Fisch, Rind, Essig.

Bewegung. Die Sanguinikerin bevorzugt von Natur aus Sportarten mit sozialer Interaktion. Mannschaftssportarten wie Ballspiele, Rudern oder Tanzen in der Gruppe sind ideal. Als echter Teamplayer ist sie eine Bereicherung für jeden Sportverein.

Die Cholerikerin.

Fokussiert, strategisch, dominant.

Körperbild. Leicht dreieckiges Gesicht, hohe Wangenknochen, markante Züge. Meist schlanke Figur, etablierte Muskeln, sichtbare Venen und Knochen. Der Körper reagiert gut auf Sport. Ohne Bewegung bilden sich aber leicht Fettpölsterchen. Eher helle, oft lockige Haare, Neigung zu störrischen Wirbeln. Die Haut ist eher rötlich.

Konstitution. Starker Appetit, aber eher unregelmäßig, Neigung zu Heißhungerattacken auf Salzig-Würziges und Alkohol. Starke Verdauung, aber Neigung zu Magenproblemen, Sodbrennen oder Reflux. Gesundheitliche Schwachstellen sind Infektionen, Entzündungen, Übersäuerung, Kopfschmerzen, hohe Cholesterinwerte, Nervosität, Stress. Unruhiger, oberflächlicher Schlaf. Choleriker denken fokussiert, strategisch, analytisch und sytematisch, oft sind sie in der Gruppe eher dominant.

Ernährung. Aufpassen bei Salzigem, Scharfem, Alkohol, fettigen Speisen und Frittiertem, großen Mengen an rotem Fleisch. Positiv sind Nahrungsmittel aus dem Element Wasser: Karfiol, Chicorée, Gurken, Kürbis, Pilze, Salat, Spinat, Dinkel, Marillen, Birnen, Erdbeeren, Melonen, Pfirsiche, Frischkäse, Molke, Forelle, Krebse, Schwein.

Bewegung. Schnelle, aktive Sportarten sind der Cholerikerin am liebsten. Wettkampf und Selbstüberwindung passen für sie, z. B. Marathon, athletische Wettkämpfe, Kampfsport, Klettern. Lange Läufe sind ideal zum Auspowern.

Die Melancholikerin.

Einfühlsam, kreativ, analytisch.

Körperbild. Schlankes, asketisches Gesicht mit ausgeprägten Wangenknochen. Lippen sind eher schmal. Die Statur ist schlank bis fragil, Knochen und Sehnen zeichnen sich ab. Meist schlank, aber wenn sie zunimmt, sitzt das Fett eher in der Taille. Haare sind bei vielen dick, glatt, dunkel.

Konstitution. Wechselhafter Appetit, sehr stimmungsabhängig. Verdauung ist unregelmäßig, oft mit Bauchkrämpfen. Gesundheitliche Probleme sind Untergewicht, Nervosität, Verstopfung, Unterzucker, Erschöpfung, niedriger Blutdruck, Depressionen. Leichter, oberflächlicher Schlaf. Kuschelt sich gern ins Bett hinein. Denkt sehr analytisch, aber auch philosophisch-künstlerisch, ist einfühlsam und sensibel, hat ein ausgezeichnetes Erinnerungsvermögen. Zum eigenen Schutz bleibt sie gerne auf Distanz.

Ernährung. Aufpassen bei Trockenfrüchten, Nüssen, Hülsenfrüchten, tierischen Fetten. Gut bekommen Lebensmittel des Elements Luft: Kichererbsen, Kresse, Karotten, Rote Rüben, Salzgurken, Spargel, Roggen, Weizen, Bananen, Himbeeren, Oliven, Weintrauben, Butter, Ente, Kalb, Lamm, Geflügel, Wild, Ingwer, Süßholz, dunkles Brot.

Bewegung. Die Melancholikerin liebt ganzheitliche, ästhetische Sportarten, bei denen Ausdauer wichtig ist: Bogenschießen, Fechten, Ballett, klassischer Tanz. Ideal sind kleine Gruppen oder auch alleine Radfahren und Wandern. Es fällt ihr leicht, die nötige Disziplin für den Sport aufzubringen.

Thema: Diät