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Achtung, alles kann süchtig machen ...

Schnell kann's gehen, weil schleichend: Etwas, das guttut, beruhigt oder befriedigt, wird zum Zwang. Von der Internetabhängigkeit bis zur Medikamentensucht, vom Putzwahn bis zur Fressgier kann der Kontrollverlust reichen. Wir fragten einen Fachmann: Wie steuert man gegen?

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Achtung, alles kann süchtig machen ...
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Man will auf keinen Fall, aber man muuuuussss: die Schoko essen, die Jeans kaufen, weiterchatten und, na ja, an der Zigarette ziehen. Man giert nach scharfem Essen, nach fetten Burgern, und wenn man einen Tag nicht arbeitet, bricht der Schweiß aus. Es ist halt einfach so, wie Dr. Reinhard Haller sagt: "Jeder von uns hat süchtige Anteile." Es müssen nicht immer gleich die ganz schlimmen Drogen sein, aber das eine oder andere, worüber man leicht die Kontrolle verliert, trägt (fast) jeder in seinem Rucksack. Als waschechte Sucht gilt etwas erst, wenn es lebensbestimmend wird. Dann raubt es uns die Freiheit, die Freunde und macht einsam. Wir sprachen mit dem renommierten Klinikleiter und Suchtexperten, dessen Buch "Nie mehr süchtig sein" (Ecowin, € 24,-) gerade erschien, über das Wesen von Abhängigkeiten.

WOMAN: Nehmen wir Alkohol als Beispiel: Viele Jugendliche haben irgendwann ihren ersten Rausch. Wieso bleiben manche hängen, andere nicht?

Haller: Sucht hat immer viele Ursachen. Neben anlagemäßigen Faktoren spielen die Situation in der frühen Kindheit – sowohl Verwöhnung als auch emotionale Vernachlässigung –, die Prägung im Elternhaus, lebensgeschichtliche Belastungen, psychische Störungen wie Depressionen oder Angst, aber auch der Gruppendruck eine entscheidende Rolle.

WOMAN: Gibt es auch ein Sucht-Gen?

Haller: Wahrscheinlich schon, allerdings ist dies bis heute nicht identifiziert. Es hängt aber von den Genen ab, wie Drogen verstoffwechselt werden, ob wir z. B. auf Alkohol angenehm oder mit Nebenwirkungen reagieren. Stärker gefährdet sind jene, bei denen beim Erstkonsum ein entspannender oder beruhigender Effekt eintritt.

WOMAN: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Gewohnheit und Sucht?

Haller: Sucht setzt immer eine berauschende Wirkung voraus. Kaffeeoder Nikotinkonsum, an den man sich sehr wohl gewöhnen kann, führt niemals zu einem Rausch. Es ist zwar schwierig, auf eine Gewohnheit zu verzichten. Diese ist aber niemals mit "Nicht-Auf hörenkönnen", "Nicht-Genugkriegen" verbunden, wie dies bei Kokain, Heroin oder beim pathologischen Spielen der Fall ist.

WOMAN: Wie wird man überhaupt von etwas abhängig?

Haller: Eine Substanz, ein Verhalten, ein Gefühl, irgendetwas gewinnt im Leben eines Menschen an Bedeutung, nimmt sein Interesse gefangen, wird immer verlockender, rückt in den Mittelpunkt seines Fühlens und Wollens. Er kann nicht mehr agieren, nur noch reagieren. Der Drang, etwas zu tun, zu trinken, zu essen, ist zum unwiderstehlichen Zwang geworden. Das Wesen der Sucht ist, dass man immer mehr braucht von dem, was einen befriedigt oder berauscht.

WOMAN: Wie hält der Körper das aus?

Haller: Der Organismus entwickelt die Fähigkeit, die giftigen Substanzen zu verarbeiten und selbst bei Dosen, die für andere tödlich wären, noch normal zu reagieren. Man verträgt immer mehr.

WOMAN: Kann man eigentlich nach allem süchtig werden?

Haller: Jede menschliche Verhaltensweise kann zur Sucht werden. Man kann nicht nur von Rauschmitteln, sondern auch von Spielen, Internetsurfen, Kaufen, Fernsehen, Handygebrauch und vom Putzen abhängig werden.

WOMAN: Gibt es erste Alarmzeichen?

Haller: Das erste Kennzeichen ist die Unfähigkeit zum Verzicht, das zweite der Verlust der Kontrolle. Sucht erreicht dann das volle Ausmaß, wenn sie im Mittelpunkt des Lebens steht.

WOMAN: Über etwas wie Putzsucht muss man ja eher schmunzeln. Aber im Buch erwähnen Sie den Fall einer Frau, die ihren Mann damit in die Verzweiflung trieb.

Haller: Ja, denn irgendwann existieren Partnerschaft und Familienleben dann nicht mehr. Die Patientin versuchte durch Flucht in die Putzsucht ihre Selbstwertzweifel zu kompensieren.

WOMAN: Wie verbreitet ist eigentlich die Shopping-Sucht? Nach so Einkaufsanfällen fragt man sich ja schon selbst ...

Haller: Man darf nicht Kauflust, die bei entsprechenden Anlässen jeder hat, oder auch sogenanntes "Frustkaufen" mit der Gott sei Dank noch seltenen Kaufsucht verwechseln. Kaufsucht im eigentlichen Sinne hat alle Charakteristika einer Sucht: Man muss die Dosis und die Frequenz steigern und sein ganzes Leben aufs Kaufen ausrichten.

WOMAN: Es gibt ja verschiedene grundsätzliche Arten von Süchten, die Sie in Ihrem Buch auch unterscheiden. Welche?

Haller: Beschrieben werden substanzgebundene Süchte wie Nikotin-, Alkohol-, Medikamenten- und Drogensucht. Immer wichtiger werden aber die sogenannten Verhaltenssüchte wie Online-, Facebook-, Spiel- oder Handysucht. Ebenso die Alltagssüchte wie Streit-, Kritik- oder Esssucht.

WOMAN: Gibt es für Sie "die" gefährlichste Droge?

Haller: Es gibt nicht die ideal-schreckliche, aber auch nicht die ideal-ungefährliche Droge. Am gefährlichsten sind Substanzen mit hoher Suchtpotenz, also Opiate und Kokain. Aber auch solche Drogen, die intensiv in den Hirnstoffwechsel eingreifen wie LSD oder andere Halluzinogene.

WOMAN: Alkohol ist jedenfalls die gesellschaftsfähigste. Zu welchem Umgang damit raten Sie?

Haller: Alkohol hat viele, zum Teil auch positive Funktionen. Er ist deswegen so verlockend, weil er viel mehr ist als ein Suchtmittel. Deshalb rate ich zu einem kultivierten und kontrollierten Umgang mit unserer Volksdroge Nr. 1. Wichtig ist vor allem, dass man starke Berauschungen vermeidet und regelmäßig völlig alkoholfreie Tage und Wochen einschiebt.

WOMAN: Wie reagiert man bei Jugendlichen in Sachen "Rausch" am besten?

Haller: Möglichst früh und möglichst viel über Drogen sprechen, diese nicht dramatisieren, sondern realistisch darstellen. In einer Gesellschaft mit großer Alkoholkultur ist es zudem wichtig, die Jugendlichen zur "Alkoholmündigkeit" hinzuführen. Es wäre völlig unrealistisch, sie zu Abstinenzlern und Antialkoholikern erziehen zu wollen.

WOMAN: Es heißt, dass es mit am schwersten ist, mit dem Rauchen aufzuhören. Warum?

Haller: Der Verzicht aufs Rauchen ist deshalb so schwer, weil es sich um ein reflexhaftes Verhalten handelt. Dieses spielt sich zwischen Griff in die Tasche und unserem Mund ab, man muss das Gehirn gar nicht einschalten. Dazu kommt, dass durch das Rauchen mehr als durch jedes andere Verhalten die oralen Bedürfnisse, die in der frühesten Kindheit verankert sind, befriedigt werden. Das Saugen an der Zigarette ist gleichsam ein Saugen an der mütterlichen oder weiblichen Brust – darauf verzichtet der Mensch nur ungern.

WOMAN: Die Medikamentensucht, deren Entzug zu den schwersten gehört, nimmt, wie Sie schreiben, erheblich zu. Von ihr sind mehrheitlich Frauen betroffen ...

Haller: Dies hat soziokulturelle Gründe. Ein Mann darf durchaus berauscht sein, bei der Frau wird dies nicht geduldet. Deshalb greifen Frauen zu Substanzen, die man besser transportieren kann als eine Kiste Bier, welche keine Alkoholfahne erzeugen und die man viel versteckter einnehmen kann als sonstige Suchtmittel: Und das sind die kleinen bunten Glücksbringer.

WOMAN: Ein anderes Thema: Über Cannabis, Freigabe ja oder nein, wird viel diskutiert. Was ist Ihre Meinung dazu?

Haller: Cannabis ist zweifelsohne nicht so gefährlich wie Heroin und Kokain, es ist allerdings auch keine ungefährliche Droge. Bei starkem Cannabisgebrauch steigt die Gefahr für psychotische Störungen und anhaltende Apathie. Durch gesetzliche Regelungen kann man Suchtprobleme jedoch nicht lösen, dies ist ausschließlich individuell möglich. Für die Suchttherapie ist deshalb die alte Streitfrage, Freigabe oder noch stärkere Verbote, nicht von Bedeutung. Nachdem Cannabis aber eine so weite Verbreitung hat, muss man natürlich darüber diskutieren, ob auch Probier- oder Gelegenheitskonsum strafrechtlich verfolgt werden soll.

WOMAN: Dann gibt's ja auch immer wieder neue Phänomene. Wie die Internet- oder Computersucht.

Haller: Sucht hängt immer von der Verfügbarkeit und der Griffnähe jener Mittel ab, auf die wir süchtig werden. Nachdem sich die Kommunikation junger Menschen hauptsächlich über die neuen Medien abspielt und diese zum wichtigsten Alltagsgegenstand geworden sind, nachdem die Verwendung mit einem hohen Spaßfaktor verbunden ist, liegt es auf der Hand, dass manche User auch abhängig werden können. Man geht davon aus, dass ca. 3,4 % süchtig auf Facebook & Co werden.

WOMAN: Unbedingt auch eine Frage zur Sexsucht: Gibt es die echt, oder ist das nur eine Ausrede von untreuen Zeitgenossen?

Haller: Sexsucht im eigentlichen Sinne ist gar nicht so selten. Der Sexsüchtige ist auf ständiger Jagd nach verstärkter sexueller Stimulation ,die ihn aber nie wirklich befriedigt. Und er steigert daher die Dosis. Wirklich krankhaften Charakter erlangt die Sexsucht aber nur bei 0,8 % der männlichen und 0,4 % der weiblichen Bevölkerung. Suchtartige Internetpornografie steigt allerdings rasant an.

WOMAN: Gibt es auch positive Süchte, wie etwa die Sucht nach Sport?

Haller: Immer dann, wenn es sehr viel Aufwand zur Erreichung eines rauschartigen Zustandes bedarf, wird die Sucht nicht gefährlich. Wenn jemand durch meditative Übungen einen ekstatischen Zustand erreicht oder jemand durch regelmäßiges Ausdauertraining ins "Jogger-High" gerät, ist dies nicht bedenklich, sondern mit einem positiven Trainingseffekt verbunden. Sport kann dann zur Sucht werden, wenn ihn eine Person exzessiv betreibt und auch dann nicht verzichtet, wenn gesundheitliche Risken drohen.

WOMAN: Süchte werden ja gerne damit entschuldigt: Na, das ist eben eine Krankheit!

Haller: Es gehört zum Wesen der Sucht, dass sie nicht ernst genommen wird, dass der Betroffene alle Probleme ignoriert und sich hinter Abwehrmechanismen wie Verleugnung und Verharmlosung verschanzt. Eine Heilung funktioniert aber nur mit radikaler Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.

WOMAN: Wie sollen Angehörige reagieren?

Haller: Angehörige müssen sich vor allem der unvermeidlichen Schuldgefühle entledigen und dann versuchen, ihre Fürsorge nicht zur "Co-Abhängigkeit" werden zu lassen. Oft wollen die Angehörigen helfen, wenn z. B. eine besorgte Gattin ihren "blau" machenden Mann am Arbeitsplatz mit Grippe entschuldigt oder eine liebevolle Mutter ihrem heroinabhängigen Sohn Geld zusteckt, das dieser sofort in Drogen umsetzt. Dadurch wird die Sucht gefördert und dem Abhängigen die Verantwortung entzogen. Er muss sich dann ja gar nicht mehr ändern.

WOMAN: Was muss aber passieren, damit einer sich wirklich ändern will?

Haller: Nur wenn Leidensdruck entsteht und der Süchtige erkennt, dass man seine Abhängigkeit nicht wegoperieren oder weghypnotisieren kann, wird er auch die Verantwortung für seine Sucht übernehmen. Dies ist aber gleichzeitig eine große Chance, denn bei keiner anderen Krankheit bestimmt ausschließlich der Betroffene, ob sie weitergeht oder definitiv beendet ist. Suchtspezialisten bieten die wichtige Hilfe von außen. Aber der beste Therapeut ist nicht in der Lage, für den Süchtigen abstinent zu leben.

WOMAN: Aber die Umsetzung An der scheitert es ja leider häufig?!

Haller: Die Umstellung auf völlig geänderte Bedingungen, die Unterdrückung des Suchtreflexes, der Verzicht auf die oft so angenehme Flucht ist ein hartes Unterfangen. Wichtig ist, das entstandene Vakuum zu füllen, suchtfreie Coping-Mechanismen zu entwickeln. Wie bekämpfe ich meine Lust auf ein kühles Bier? Wie belohne ich mich nach getaner Arbeit ohne Casino oder ohne coolen Chat? Es fällt leichter, wenn man sich selbst zum Seelendoktor macht und sein eigenes Verhalten aus der Distanz betrachtet. Nur allzu oft wird man sich die Nestroy'sche Frage stellen: Wer ist stärker – ich oder ich?

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