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Nach Unglück mit bis zu 150 Toten: Ärzte ohne Grenzen nehmen Mittelmeer-Rettung wieder auf

Nach dem gestrigen Bootsunglück vor der Libyschen Küste, bei dem bis zu 150 Menschen ums Leben gekommen sein dürften, fordert auch die UN die Wiederaufnahme der Seenotrettung im Mittelmeer. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat schon vor einigen Tagen bekannt gegeben, mit dem Schiff "Ocean Viking" die Rettung wieder aufzunehmen.

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Nach Unglück mit bis zu 150 Toten: Ärzte ohne Grenzen nehmen Mittelmeer-Rettung wieder auf
© Laurin Schmid / SOS Mediterranee

Es ist wahrscheinlich die schlimmste Mittelmeer-Tragödie des Jahres, die sich gestern vor der Küste Lybiens abgespielt hat. Nach einem schweren Bootsunglück sind mindestens 115 Menschen, die auf der Flucht waren, vermisst. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) könnten aber noch viel mehr Menschen ums Leben gekommen sein, von bis zu 150 Toten ist in Medienberichten die Rede. Damit wäre es das schwerste Bootsunglück im laufenden Jahr im Mittelmeer.

Als Reaktion auf das schwere Unglück fordern Organisationen der Vereinten Nationen, die Seenotrettung wieder aufzunehmen und die Internierung von Menschen in Libyen zu beenden. Eine Hilfsorganisation, die die Wiederaufnahme der Seenotrettung bereits beschlossen hat, ist "Ärzte ohne Grenzen". Die Rückkehr ins Mittelmeer sei die "Antwort auf die seit zwei Jahren andauernde Kampagne europäischer Regierungen mit dem Ziel, Seenotrettung zu verhindern, sowie auf die Normalisierung einer Politik, die zahlreiche Todesfälle im Mittelmeer und gewaltiges Leid im Konfliktgebiet in Libyen verursacht hat."

Ärzte ohne Grenzen versorgt Überlebende in Libyen

Ärzte ohne Grenzen war auch an der gestrigen Rettungsaktion beteiligt: In der libyschen Hafenstadt Khoms wurden 135 Überlebende des Schiffsunglücks behandelt. Sie waren von Fischern gerettet worden. „Das neue Schiffsunglück zeigt einmal mehr, wie dringend Rettungsschiffe im Mittelmeer benötigt werden. Mehr als 100 Menschen werden vermisst. Viele sind laut der Berichte von Überlebenden, die von unseren Teams in Libyen behandelt wurden, ertrunken. Die Überlebenden wurden von Fischern gerettet und in den Hafen der Stadt Khoms zurückgebracht. An der Rettungsaktion Beteiligte berichteten unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sie hätten mindestens 70 Leichen im Wasser gesehen."

Sorge um Überlebende

Aber auch um die Überlebende gibt es große Sorge: "Die Geretteten dürfen nicht in Internierungslagern gebracht werden, in denen ihr Leben gefährdet ist. Dies haben kürzlich auch die Internationale Organisation für Migration, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) und einige führende EU-Politiker bekräftigt. Alle Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten, die in Lagern in Libyen festgehalten werden, müssen dringend und umgehend aus diesen evakuiert werden.“

"Weigern uns, tatenlos zuzusehen"

Dass es erneut ein Unglück wie dieses "braucht" um einmal mehr auf die Unerlässlichkeit der Seenotrettung hinzuweisen, ist bezeichnend: „Europäische Politiker wollen glauben machen, dass das Ertrinken Hunderter Menschen und das Leid Tausender in Libyen gefangener Flüchtlinge und Migranten ein gerechtfertigter Preis dafür sind, Migration zu kontrollieren”, sagt Sam Turner, Leiter der Hilfe von Ärzte ohne Grenzen in Libyen und im Mittelmeer. „Während sie das angebliche Ende der sogenannten Flüchtlingskrise in Europa verkünden, verschließen sie bewusst die Augen vor der schweren humanitären Krise, die durch ihre Politik in Libyen und auf dem Meer verlängert wird. Solange diese vermeidbaren Todesfälle und dieses vermeidbare Leid weitergehen, weigern wir uns, tatenlos zuzusehen.”

Eine Rettungseinsatz der "Aquarius" im Juni 2018.

"Ocean Viking" soll Ende des Monats Seenotrettung aufnehmen

Das neue Rettungsschiff "Ocean Viking", das von SOS Mediterranee und Ärzte ohne Grenzen gemeinsam betrieben wird, soll Ende des Monats die Seenotrettung im Mittelmeer aufnehmen. Die seit 2016 gemeinsam betriebene „Aquarius” musste nach dem zweimaligen Entzug der Flagge auf massiven politischen und wirtschaftlichen Druck Italiens hin die Hilfe im vergangenen Jahr einstellen.

Video: Krankenpflegerin Aoife Ní Mhurchú schildert die Situation vor der Libyschen Küste

© Video: MSF

680 Tote, 3.700 in libyschen Lagern

Das zentrale Mittelmeer ist die tödlichste Fluchtroute der Welt. Beim Versuch, es zu überqueren, kamen dieses Jahr nach IOM-Angaben bereits mehr als 680 Menschen ums Leben. Weitere 3.700 seien aufgegriffen und in Internierungslager in Libyen gebracht worden. Das nordafrikanische Bürgerkriegsland ist ein Transitland für Tausende von Migrantinnen und Migranten. Viele von ihnen leben dort unter menschenunwürdigen Umständen in den Lagern.

Italien: Bis zu 1 Mio. Euro Strafe für Seenotretter

Und dennoch: Die europäischen Staaten haben die Seenotrettung beendet und zivile Schiffe so massiv behindert, dass fast kein Rettungsschiff mehr im zentralen Mittelmeer aktiv sein kann. Das hat uns kürzlich auch die "Kontroverse" um die Rettungsaktion von Kapitänin Carola Rackete drastisch vor Augen geführt. Aber: Solange die EU keine gemeinsame Lösung findet und Italien weiterhin den harten Kurs von Innenminister Matteo Salvini folgt, wird es nicht einfacher für die Seenotretter: Erst kürzlich gab die italienische Abgeordnetenkammer grünes Licht für einen Gesetzesentwurf, nach dem Seenotrettern in dem Land künftig Strafen von bis zu einer Million Euro drohen könnten, wenn sie mit ihren Schiffen unerlaubt in italienische Hoheitsgewässer fahren.

Italien will Retter künftig mit Strafen bis zu einer Million Euro belangen.

Auch Handelsschiffe betroffen

Aber nicht nur Seenotretter sind betroffen: Auch Handelsschiffe wurden durch die EU-Politik in eine paradoxe Situation gebracht: Sie sind verpflichtet, Menschen aus Seenot zu retten und riskieren damit gleichzeitig, angesichts der Schließung der italienischen Häfen und die Nicht-Einigung der EU-Staaten, sich auf einen Ausschiffungsmechanismus zu einigen, ihre Fahrt wochenlang nicht fortsetzen zu können.

"Solange Menschen aus Libyen fliehen, wird zivile Rettung benötigt"

„Wir fahren ins Mittelmeer, um Leben zu retten. Darum geht es. Gleichzeitig werden wir nicht schweigen, solange Menschen leiden”, so Turner. Solange EU-Regierungen versagen würden, ihrer Verantwortung für die Seenotrettung gerecht zu werden und solange Menschen weiter aus Libyen fliehen, würde zivile Seenotrettung im Mittelmeer benötigt, so Ärzte ohne Grenzen weiter. Die Hilfsorganisation richte seine Hilfe "an humanitären Prinzipien aus und wird deshalb weiter Menschen vor dem Ertrinken retten und – wie das Völkerrecht es vorsieht – an einen sicheren Ort bringen, wo diejenigen, die internationalen Schutz benötigen, Zugang zu einem Asylverfahren haben."

Ab Ende des Monats ist die "Ocean Viking" im Rettungs-Einsatz.

Über das Rettungs-Schiff "Ocean Viking"

Die „Ocean Viking” ist ein norwegisches Hochsee-Versorgungsschiff, das unter norwegischer Flagge fährt. Es wurde ursprünglich als Rettungsschiff konzipiert (Emergency Response and Rescue Vessel), das dafür vorgesehen war, im Notfall eine größere Zahl von Arbeitern auf Ölplattformen nach Unfällen zu retten. Es wurde 1986 gebaut, ist 69 Meter lang und 15,5 Meter breit. Es ist mit vier schnellen Rettungsbooten und einer Klinik mit mehreren Räumen bestens zur Seenotrettung ausgestattet. Es kann bis zu 200 Gerettete an Bord nehmen. Das Team von Ärzte ohne Grenzen besteht aus neun Personen, darunter vier Mediziner (ein Arzt, zwei Pfleger, eine Hebamme), das unter anderem für die medizinische Behandlung der Geretteten zuständig ist. Das Team von SOS Mediterranee, das für die Rettungen verantwortlich ist, besteht aus zwölf Personen. Zudem befindet sich eine Schiffscrew aus neun Personen an Bord, die bei der Reederei des Schiffes angestellt ist.

Mehr Informationen zur Organisation "Ärzte ohne Grenzen" und wie du sie unterstützen kannst, findest du hier.