Ressort
Du befindest dich hier:

In ihrer Heimat werden diese Kinder gejagt

Mwigulu ist 14. Er hat keinen Arm mehr. Der Albino-Junge wurde in seiner Heimat Tansania aus Aberglauben verstümmelt. Jetzt bekommt er Hilfe in den USA.


In ihrer Heimat werden diese Kinder gejagt
© Reuters/Carlo Allegri

Als die Jäger in der Nacht mit ihren Macheten kommen, hat Mwigulu (14) keine Chance. Der Bub wird von seinem Lager gerissen, zu Boden gedrückt, zwei Männer halten ihn fest. Einer hackt ihm den Arm ab. Später werden sie aus dem zerriebenen Knochen Zaubertränke brauen. Denn Mwigulu ist ein Albino. Seine helle Haut und sein weißes Haar soll – als Pulver in Amuletten, Schmuck oder Säften – Wohlstand bringen, so will es ein jahrhundertealter Aberglaube in seiner Heimat Tansania.

Mwigulu hat so etwas wie Glück. Er überlebt.

Mwigulu überlebt. Mit einem Arm.

Seit 2000, so schätzen die Vereinten Nationen, verstarben in dem afrikanischen Land mehr als 75 Menschen nach den gewalttätigen Amputationen und Verstümmelungen durch Banditenbanden, die ihr Geschäft mit den Gliedmaßen der Albinos machen.

Albinismus tritt überall auf. Doch Tansania gilt als das Land mit den meisten Albinos weltweit. Schätzungsweise 200.000 Menschen mit diesem Gendefekt leben in dem ostafrikanischen Staat. Opfer von Überfällen werden vor allem Kinder – ihre Knochen gelten aufgrund der Jugend als besonders magisch und wirksam.

Eine genetische Störung führt dazu, dass Augen, Haut und Haare von Albinos keine Pigmente bilden.

Die Hilfsorganisation Amnesty verzeichnete 2016 zwei besonders grausame Fälle. So wurde ein zweijähriges Mädchen im Schlaf entführt und ermordet. Ihr Schädel, ihre Zähne und ihre Kleidung wurden später in einem Nachbardorf entdeckt. Im Februar wurde ein neunjähriger Junge gekidnappt und später enthauptet aufgefunden.

Der Global Medical Relief Fund fördert Prothesen und Behandlung für betroffene Kinder, denen Arme und Finger abgehackt wurden. Spezialisten im amerikanischen Philadelphia fertigen die mechanischen Ersatzteile für Arme, Finger und Beine an, damit die Kinder wieder ein halbwegs normales Leben führen können:

Die 16jährige Pendo betrachtet ihre Hand-Prothese. Künftig soll sie wieder greifen können

Elissa Montanti, Sprecherin des Fund: "Wenn wir die Kinder hier in den USA behandeln, können wir ihnen ein wenig von dem wiedergeben, was sie verloren haben: Vertrauen - und vielleicht einen kleinen Teil ihrer Jugend."

Baraka, 7, hält mit seiner Prothese die Hand von Emanuel, 15, der auf seine Operation wartet

Wenn die verstümmelten Kinder in den USA eintreffen, sind sie ängstlich und eingeschüchtert. Die Therapie findet immer zu mehrt statt. Eine Psychologin: "Es ist wichtig, dass die Albino-Kinder aus Tansania hier lernen, eine Einheit zu bilden. Das stärkt sie für ihre Rückkehr nach Afrika."

Mwigulu, 14, Baraka, 7, und Pendo, 16, haben in Philadelphia Freundschaft geschlossen

Die Kinder lernen während des Aufenthalts in der Klinik, wie sie mit den Prothesen alltägliche Arbeiten verrichten können: Wäsche auswringen und aufhängen. Kochen. Sich anziehen. Deckel zuschrauben. Oder zeichnen.

Emmanuel, 15, lernt, wie er auch ohne 5 Finger zeichnen kann. Ihm wurde bei dem Überfall auch die Zunge abgeschnitten.
Der 7jährige Baraka zieht sich ein Hemd über die Prothese. Anfangs ist jeder Schritt mühsame Arbeit

Auf diese Weise schöpfen die Kinder wieder Hoffnung – und machen Pläne für die Zukunft. Emmanuel möchte später Arzt werden und anderen Albino-Kindern helfen. Und Mwigulu plant sogar noch mehr: Er will später Präsident von Tansania werden.

Thema: Report