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"Alle 23 Jahre ein Super-GAU": Eva Glawischnig über ihre Dissertation zu AKWs

Vor 25 Jahren kam es zum Super-GAU von Tschernobyl – nach dem Erdbeben und Tsunami in Japan und den darauffolgenden Unfällen im Atomkraftwerk Fukushima scheint es, als würden sich die Ereignisse wiederholen. Die Bundessprecherin der Grünen, Eva Glawischnig-Piesczek, widmete ihre Dissertation dem Thema und kam zu einem interessanten Ergebnis.


"Alle 23 Jahre ein Super-GAU": Eva Glawischnig über ihre Dissertation zu AKWs
© APA/Andreas Pessenlehner

1999 erlangte Eva Glawischnig das Doktorat der Rechtswissenschaft an der Karl-Franzens-Universität Graz – Thema ihrer Dissertation: "Grenznahe Atomkraftwerke – Rechtsschutzmöglichkeiten des Zivilrechts". Im Rahmen dieser Arbeit errechnete die 42-Jährige die statistische Wahrscheinlichkeit, in welchen Abständen Super-GAUs passieren und kam zu dem Ergebnis: alle 23 Jahre. Gerade nach den Unfällen im japanischen Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi scheint Glawischnigs Rechnung aufzugehen...

WOMAN: Können Sie das Forschungsgebiet Ihrer Dissertation kurz zusammenfassen?

Glawischnig: Radioaktivität kennt keine Grenzen. Daher habe ich die Klagemöglichkeiten gegen ein grenznahes AKW im Ausland dargestellt.

WOMAN: Sie haben in Ihrer Dissertation errechnet, dass es alle 23 Jahre einen Super-GAU geben wird – wie kommt man zu diesem Ergebnis? Bezogen sich die 23 Jahre lediglich auf Europa oder auf die ganze Welt?

Glawischnig: Auf die ganze Welt. Für jedes Atomkraftwerk der Welt gibt es ein "Restrisiko" auf einen Super-GAU. Je älter der Reaktor, desto größer das Risiko. Weltweit sind derzeit 437 AKW am Netz. Die statistisch berechenbare Wahrscheinlichkeit eines Super-GAUs auf Basis der vorliegenden Daten ergibt 23 Jahre. Tschernobyl hat sich vor 25 Jahren ereignet...

WOMAN: Die Reaktor-Unfälle in Japan betreffen Österreich derzeit nicht direkt – welche Atomkraftwerke könnten derzeit eine Gefahr für Österreich sein?

Glawischnig: Besonders gefährlich sind alte Anlagen, die mehr als 30 Jahre bestehen, weil das Material ermüdet, versprödet. Rund um Österreich befinden sich leider sehr gefährliche AKW. In Slowenien steht Krsko auf einer Erdbebenlinie – wir erinnern uns an das verheerende Erdbeben im oberitalienischen Friaul. In unmittelbarer Nähe zur österreichischen Staatsgrenze sind Kraftwerksblöcke alt-sowjetischer Bauart – in Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Bulgarien. Das slowakische Mochovce verfügt über kein Containment, d.h. die schützende Stahlbetonhülle fehlt gänzlich.

WOMAN: Ist ein atom-freies Europa möglich? Gibt es ausreichend Möglichkeiten für alternative Energien?

Glawischnig: Ja! Die Atomindustrie ist ohne massive Subventionen nicht mehr lebensfähig, der Rohstoff Uran geht in den nächsten Jahrzehnten zu Ende. In Europa wurden 2009 bereits 13 Milliarden Euro in Windenergie investiert. Bereits seit zwei Jahren übertreffen die Investitionen in erneuerbare Energien weltweit die in fossile Energie bei weitem. Täglich stellt uns die Sonne ein Vielfaches des Weltenergieverbrauchs zur Verfügung. Wir müssen sie nur nutzen.

WOMAN: Wie kann der/die Einzelne gegen Atom-Energie vorgehen? Wie kann der/die einfache BürgerIn derzeit aktiv werden?

Glawischnig: Unterschreiben bei der EU-weiten Initiative für einen europaweiten Atomausstieg von Global 2000 und Grünen ( www.atomausstieg.at ); im eigenen Haushalt durch Umsteigen auf Ökostrom. Damit geht das Geld des eigenen Stromverbrauchs direkt in Investitionen und Förderung von umweltfreundlichen Stromerzeugern mit Wind, Photovoltaik, Biomasse, etc.

WOMAN: Realistisch gesehen: Glauben Sie, dass es nun tatsächlich seitens der EU konkrete Schritte gegen Atom-Energie geben wird?

Glawischnig: Ja, die Katastrophe hat eines der wirtschaftlich stärksten Länder der Welt um Jahrzehnte zurückgeworfen. Teile des Landes werden unbewohnbar sein und bleiben.

Interview: Marlene Altenhofer