Ressort
Du befindest dich hier:

Aus dem Alltag einer Polizistin

Immer mehr Frauen entscheiden sich für eine Karriere bei der Polizei - eine verantwortungsvolle Aufgabe. Was genau einen als Polizistin im Berufsalltag erwartet, erzählt uns eine erfahrene Beamtin mit ihren eigenen Worten.


Aus dem Alltag einer Polizistin

Nachdem ich zugesagt habe, eine „Geschichte aus dem Polizeialltag“ zu erzählen, überlegte ich lange, worüber ich schreiben könnte. Von welcher Amtshandlung berichte ich? Von einer lustigen, einer traurigen, einer harmlosen, einer spektakulären oder fürchterlichen? Nach 14 Jahren im Polizeidienst habe ich doch einiges erlebt.

Vor vielen Jahren, kurz nach meiner „Ausmusterung“ aus der Polizeischule, hatte ich Fußstreifendienst. Via Funkstelle bekam ich den Einsatz „Exitus in Wohnung“. Eine völlig verstörte und hilflose Frau öffnete mir die Tür, geleitete mich in ein Zimmer und zeigte auf ein Gitterbett. Darin lag der Leichnam eines acht Monate alten Jungen. Welche Worte findet man für eine Mutter in dieser Ausnahmesituation. „Plötzlicher Kindstod“ war die Todesursache, wie sich später herausstellte. Erzähle ich jene Geschichte nun ausführlich? Nein.

Vage erinnere ich mich an einen Einsatz, mein Funkwagenpartner und ich sowie zahlreiche andere Kräfte waren zugefahren: „Mädchen schreit in Wohnung“. Selten aber doch wird ein Vergewaltiger auf frischer Tat ertappt. Abgesehen davon, dass ich diese Amtshandlung nicht mehr detailgetreu wiedergeben könnte, möchte ich auch davon nicht erzählen.

„Sofortfahndung nach versuchtem Mord“ – der Täter war in einem Taxi unterwegs. Kurz vorher entstand ein „milieubedingter“ Streit zwischen einem Paar in einem Lokal. Der Mann zückte eine Pistole und schoss seiner Freundin mitten ins Gesicht. Der Täter konnte festgenommen werden, die Frau überlebte schwer verletzt. Monate später, bei der Gerichtsverhandlung sah ich die – für ihr weiteres Leben entstellte – Frau wieder. Händchenhaltend mit ihrem Peiniger. Doch möchte ich diese Geschichte ebenfalls nicht mehr weiter ausformulieren.

Polizistinnen und Polizisten müssen auch „Fälle der anderen Art“ übernehmen. So musste ich vor langer Zeit die Frage beantworten, warum ich einer Katze nicht geholfen habe. Besagte Katze saß vor einer Wohnungsanlage und gehörte einer Familie in dieser Anlage. Deren Kinder hatten die Katze vor der Wohnung entdeckt und sie wieder in ihr trautes Heim gebracht. Ein Tierschutzaktivist hatte uns von der Ferne aus beobachtet und in einer Beschwerde angegeben, dass sich die Polizei unverrichteter Dinge entfernt hätte.

Während meiner Zeit bei der Grenzüberwachung wurden zahlreiche geschleppte Personen aufgegriffen. An einem Abend wurden ungefähr 20 Menschen, überwiegend Frauen und Kinder entdeckt und in meiner damaligen Dienststelle erstversorgt. Was haben diese Menschen - aus der Mongolei stammend - während ihrer Schlepperei nach Österreich durchmachen müssen? Etwa sieben Tage dauerte ihr Martyrium, zu Fuß und in verschiedene Fahrzeuge gepfercht. Angekommen in einem fremden Land ohne einen Cent in der Tasche, ohne Familie, Job und ohne ein Zuhause. Führen diese Menschen heute das Leben, das sie sich damals erwartet haben? Aber auch darauf möchte ich nicht weiter eingehen.

Erzähle ich davon, wie ein achtjähriges Kind beschreibt, was ein Mann nachts mit ihm anstellt? Dass dieses Kind sexuelle Gewalt erleidet und das Verfahren wegen mangelnder Beweise eingestellt wird? Davon werde ich ganz bestimmt nicht erzählen. Bleibt nur zu hoffen, dass der Seelenschmerz betroffener Kinder irgendwann heilen kann.

»Viel wichtiger, als eine Geschichte detailliert zu erzählen, ist mir zu erwähnen, was all das mich über die Jahre gelehrt hat. «

Was bleibt nun zu erzählen? Viel wichtiger, als eine Geschichte detailliert zu erzählen, ist mir zu erwähnen, was all das mich über die Jahre gelehrt hat. Völlig gleichgültig, um welche Amtshandlung es sich handelt, was ist die Quintessenz?
Polizeibeamtinnen und -beamten erleben häufig nicht alltägliche Situationen. Wir werden mit schrecklichen Ereignissen konfrontiert, müssen innerhalb kürzester Zeit einschneidende Entscheidungen treffen. Manchmal ist unser Gegenüber bei unserem Anblick nicht erfreut, wer bezahlt schon gerne Strafe. Auch wenn wir in unserem Dienstalltag schier Unglaubliches erleben, so sind an dieser Stelle die zahlreichen positiven Rückmeldungen zu bemerken. Etwa die alte Frau, die sich lachend bedankt, wenn man ihr über die Straße hilft. Die vielen Kinder, die auf ihrem Schulweg von uns sicher geleitet werden. Seit Einführung des Gewaltschutzgesetzes danken uns tausende Opfer für die Unterstützung.

Wir Polizistinnen und Polizisten, gleich welcher Einheit wir nun angehören, haben alle eines gemein: Wir haben an uns den Anspruch gestellt für Recht und Ordnung zu sorgen, Unterstützung zu bieten und Hilfe zu leisten. Das gelingt zu überwiegendem Teil und darum bereitet uns unsere Arbeit auch Freude.

»Egal, wer uns gegenüber steht, egal, wer was gemacht hat, wir san ois nur Menschen und jeder verdient Respekt!«

Ein lieber Kollege machte vor nicht allzu langer Zeit eine nur zu treffende Aussage: „Egal, wer uns gegenüber steht, egal, wer was gemacht hat, wir san ois nur Menschen und jeder verdient Respekt!“ Gerade zum Jahreswechsel, in der Zeit sich „gute Vorsätze“ auszudenken, hoffe ich, dass sich so viele Menschen wie möglich an dieser Aussage orientieren.

Thema: Report