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"Am Anfang war ich sehr verliebt…": Wenn auf Liebe Gewalt folgt

40 Jahre Wiener Frauenhäuser: Das Jubiläum wird mit einer gelungenen Ausstellung über Flucht und Empowerment im Wiener Volkskundemuseum begangen.

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"Am Anfang war ich sehr verliebt…": Wenn auf Liebe Gewalt folgt
© Aigner

Wie viel erträgt man selbst in der Liebe? Wer diese Frage liest und sich dabei selbst im Spiegel sehen kann, hat das Ende der Ausstellung erreicht, die bis zum 30. September im Wiener Volkskundemuseum zu sehen ist. Bis man allerdings bei dieser Frage angelangt ist, hat man schon diverse Ausstellungsstücke, Dokumente und auch eine Sicherheitsschleuse passiert. Eine Sicherheitsschleuse, wie man sie auch am Eingang der vier Wiener Frauenhäusern findet. Denn: Hier müssen Frauen sicher sein. Und sich sicher fühlen. Dafür arbeitet der Verein Wiener Frauenhäuser seit 40 Jahren unermüdlich und begeht dieses Jubiläum mit eben jener Ausstellung, die den Titel „Am Anfang war ich sehr verliebt…“ trägt. Denn das sei den vielen Geschichten, die die von Gewalt betroffenen Frauen erzählen, gemeinsam: Am Anfang war die Liebe, später kam die Gewalt. Dabei habe die Gewalt viele Gesichter, wie bei der Pressekonferenz im Vorfeld der Eröffnung geschildert wird: von körperlicher bis psychischer Gewalt, aber auch das Thema Cybergewalt trete immer stärker auf.

Das war zwar in der Gründungszeit des Vereins, der damals noch „Soziale Hilfe für gefährdete Frauen und ihre Kinder“ hieß und von den SPÖ-Politikerinnen Johanna Donahl und Irmtraut Karlsson gegründet wurde, noch kein Thema. Aber der Bedarf, einen geschützten Raum für Frauen und Kinder, die von Gewalt betroffen waren zu etablieren, war groß. Nicht zuletzt die gesetzliche Lage trug ihren Teil dazu bei. Denn bis in die 1970er Jahre hinein galt das im Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch von 1811 festgeschrieben Familienrecht, das Frauen den Ausbruch aus Gewaltbeziehungen massiv erschwerte. Der Mann war das Oberhaupt der Familie, bestimmte über Wohnsitz, Erziehungsziele und war der alleinige gesetzliche Vertreter der gemeinsamen Kinder. Und blieb dies auch im Scheidungsfall, egal, wo die Kinder leben. Im Zuge der gesellschaftlichen und auch feministischen Umbrüche, die die österreichische Politik der 1970er prägten, wurde nicht nur das geltende Recht modernisiert, sondern auch am 27. April 1978 der Verein gegründet und im November dieses Jahres das erste Frauenhaus eröffnet.

„Keine Opfer sondern Heldinnen“

Das war damals nicht viel mehr, als eine „größere Wohnung“, schildert die heutige Vereinsobfrau Martina Ludwig-Faymann die Anfänge. Seither ist viel passiert: Rund 17.400 Frauen haben in dieser Zeit Zuflucht gefunden, allein in den vergangenen zehn Jahren wurden in den inzwischen vier Frauenhäusern 6.300 Frauen betreut. Ihre Geschichten werden in der Ausstellung anhand von sehr persönlichen Ausstellungsstücken, Texten, Zitaten, Geschichten von Bedrohung und Flucht, eingebettet in Fakten zum Thema Gewaltschutz, erzählt. Aber nicht nur das, auch Empowerment und die Rückkehr in ein gewaltfreies, eigenständiges Leben wird thematisiert - denn nicht umsonst lautet ein Leitspruch der Wiener Frauenhäuser, dass die Frauen, die bei ihnen ankommen, "keine Opfer, sondern Heldinnen“ sind. Denn den Mut aufzubringen, aus einer Gewaltbeziehung zu gehen, sei eine enorme Leistung. Und auch Unterstützung, die sie dabei von den Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser bekommen, wird in der gelungenen Ausstellung sichtbar gemacht.

Dabei war es gar nicht so leicht, sich dem Thema museal zu widmen, wie Frauenhäuser-Geschäftsführerin Andrea Brem erzählt: „Wir haben natürlich weder Goldschalen noch antike Vasen. Aber wir wollten das Thema in die Öffentlichkeit bringen um für einen spannenden Austausch, Reflexion und Einmischung zu sorgen.“ Dann nach 40 Jahren könne man sagen: „Die einen wissen es eh und die anderen hören nicht zu“ und deshalb wolle man das Thema für mehr Menschen zugänglich machen. Zentral sei nach wie vor, das Wissen darüber, dass es einen Ort gibt, an dem von Gewalt betroffenen Frauen sicher sind, unter die Menschen zu bringen. Denn: „Es gibt keine Zeit, sich auszuruhen“, so Andrea Brem. Nach wie vor ist bzw. war jede fünfte Frau in Österreich von Gewalt im familiären Umfeld betroffen. Ökonomische Abhängigkeit vom Partner oder die Abhängigkeit von Frauen mit Migrationshintergrund vom Aufenthaltsstatus ihres Mannes seien heute zentrale Themen, bei denen es „noch viel zu erkämpfen“ gebe, sind sich die Vertreterinnen des Vereins Wiener Frauenhäuser sicher.

„Frauenhäuser zerstören Ehen“

Dabei haben die Wiener Frauenhäuser zumindest mit einem Problem nicht zu kämpfen: Sie werden von der Stadt Wien finanziert, denn hier gebe es eine klare Haltung dazu, die Gewaltspirale gegen Frauen zu durchbrechen, wie Noch-Stadträtin Sandra Frauenberber (SPÖ) vor der Eröffnung ausführt. Das sei in anderen Bundesländern anders - von der Bereitschaft der Bundesregierung in Frauenpolitik zu investieren ganz zu schweigen. Darin sehen die Anwesenden sogar eher eine Bedrohung für die Errungenschaften, die seit den 1970ern erstritten und erkämpft wurden. Kein Wunder, ist mit der FPÖ doch jene Partei in die Regierung eingezogen, deren Vertreterinnen und Vereter einst Aussagen tätigten, wonach Frauenhäuser "Ehen zerstören" würden. So gebe es bereits konkrete Auswirkungen dieser Politik: Bisher wurden von den Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser Trainings für Polizistinnen und Polizisten durchgeführt, um sie für den Umgang mit häuslicher Gewalt zu sensibilisieren. Die Trainings sollen zwar auch weiterhin stattfinden - bezahlen wird sie das Innenministerium unter Leitung von Herbert Kickl (FPÖ) allerdings nicht. Frauenhäuser-Geschäftsführerin Andrea Brem will sich davon aber keineswegs einschüchtern oder entmutigen lassen, sie bemühe sich, die Dinge positiv zu sehen: „Die jungen Frauen sind im Aufbruch, das zeigt nicht zuletzt das Frauenvolksbegehren. Wann immer die Frauenbewegung auf Widerstand stößt, wird sie wehrhaft. Ich freue mich auf diese spanennde Zeit.“

Die Ausstellung ist von 27. April bis 30. September im Wiener Volkskundemuseum (8., Laudongasse 15-19) zu sehen. Jeden Sonntag gibt es öffentliche Führungen. Rund um die Ausstellung gibt es auch Angebote zur Kulturvermittlung für Jugendliche ab 16 Jahren, das ganze Begleitprogramm gibt’s hier.


Für Frauen, die von Gewalt betroffen sind, wurde vom Verein Wiener Frauenhäuser eine 24-Stunden-Hotline eingerichtet. Sie ist unter 01/5123839 erreichbar. Darüber hinaus gibt es eine Beratungsstelle (12., Vivenotgasse 53, 3. Stock), bei der sich Frauen kostenlos und auf Wunsch auch anonym beraten lassen können. Alle Infos dazu gibt es hier.