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Amina Baghajati (Islamische Glaubensge-
meinschaft) im Interview über Burka & Co.

Amina Baghajati ist die Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft – WOMAN bat die Islam-Expertin zum Interview.


Amina Baghajati (Islamische Glaubensge-
meinschaft) im Interview über Burka & Co.
© APA/Barbara Gindl

WOMAN: Während unserer Reportage haben wir viele unglaubliche Kommentare gehört: „Nimm den Schleier runter, du Schlampe!“ oder „Wie schaut denn die aus?“ Warum erregt ein Kleidungsstück so viel Aufsehen?

Baghajati: Schon das muslimische Kopftuch ist zu einer Art Platzhalter für das komplexe Thema „Islam und Europa“ geworden. Damit gekleidete Musliminnen machen sichtbar, dass der Islam ein Teil der österreichischen Gesellschaft geworden ist. Mit diesem Gedanken tun sich all jene schwer, die Muslime noch immer am liebsten als „Gäste“ sehen würden. Und stößt schon das Kopftuch auf diffuses Unbehagen, so löst eine ganze oder teilweise Gesichtsverschleierung noch viel mehr Befremden aus. Denn das Gesicht und seine Mimik sind ein wichtiger Träger von Kommunikation und das Bedecken wird daher als eine Art Verweigerung von Kontakt wahrgenommen. Gerade bei Frauen kommen auch Ängste hoch: Wollen die verschleierten Musliminnen etwa die mühsam errungenen Frauenrechte und Gleichberechtigung in Frage stellen?

WOMAN: Wie kann man dieses Misstrauen abbauen?

Baghajati: Miteinander reden. Klingt simpel, ist aber der beste Weg, Unsicherheit abzubauen. Denn dazu braucht es persönliche Erlebnisse in direkter Begegnung. Das passiert noch viel zu wenig. Dabei empfinden beide Seiten das als Mangel: Dass es oft schon beim täglichen Gruß unter NachbarInnen hapert, beklagen in Gesprächen Leute der Mehrheitsgesellschaft genauso wie Migranten. Das zu wissen, mag helfen, doch einmal den ersten Schritt zu tun.

WOMAN: Unsere „Test-Muslimin“ hatte auch ein Vorstellungsgespräch als Au-Pair. Jedoch: Keine Aussicht auf Vermittlung. Welche Jobs kommen für verhüllte Frauen überhaupt in Frage?

Baghajati: Da wird es wohl wirklich eng. Bereits eine Frau mit Kopftuch hat sehr oft Probleme einen Job zu finden. Obwohl seit 2004 ein Anti-Diskriminierungsgesetz Arbeitgeber hier in die Pflicht nimmt. Muslimische Frauen, die Druck erleben: „Kopftuch ausziehen oder kein Job!“ könnten in solchen Fällen bei der Gleichbehandlungsanwaltschaft Unterstützung finden. Religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz ist verboten. In der Praxis ist aber der Job meist „leider schon vergeben“. Ich wüsste aber nicht, dass sich eine vollverschleierte Muslimin je an die Gleichbehandlungsanwaltschaft gewandt hätte. Und wahrscheinlich würde so ein Fall rechtlich auch sehr knifflig sein, denn es gibt nun einmal auch rationale und berechtigte Gründe, warum zum Beispiel alle Jobs, die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht erfordern, mit Gesichtsschleier kaum zu machen sind.

WOMAN: Viele haben Berührungsängste, wissen nicht wie sie mit verschleierten Frauen umgehen sollen...

Baghajati: Einfach zu probieren. Kleine Gesten sind oft eine Wohltat, die dann weitere Kommunikation in Gang setzen: einer Mutter mit Kinderwagen in die Straßenbahn helfen, ein Lächeln… Das gilt aber umgekehrt genauso. Neulich erzählte mir eine Kopftuch tragende Muslimin, wie sie alleine in ein beliebtes Eisgeschäft ging, auf einen freien Platz zusteuerte und die am gleichen Tisch sitzende Dame fragte, ob sie hier sitzen könne. Die war erst einmal nur verblüfft – dann entwickelte sich ein schönes Gespräch von Frau zu Frau. Jetzt planen wir ein Training für muslimische Frauen, wie sie im Alltag mehr Mut finden, ähnliche Akzente zu mehr Kommunikation zu setzen. Wenn da auch eine vollverschleierte Dame dazu käme, um so besser.

WOMAN: Bleiben einem durch die Verhüllung sämtliche Türen versperrt, die anderen Frauen offen stehen? (ungezwungen Schwimmen gehen, Berufe, Studium, ...)

Baghajati: Schwer zu sagen – hier in Österreich kenne ich nur ganz wenige Frauen, die einen Gesichtsschleier tragen. Theoretisch müsste vieles möglich sein – studieren zum Beispiel. Aber wie die Entscheidung neulich an der Medizin-Uni in Graz zeigt, tauchen hier auch Fragen auf, wie nach dem Identitätsnachweis bei Prüfungen. Ich habe ehrlich gesagt auch keine Lust, es auszuprobieren.

WOMAN: Nur wenige Frauen in Österreich und europaweit tragen eine Burka oder einen Niqab – warum wird politisch und gesellschaftlich dennoch so heftig darüber diskutiert?

Baghajati: Eine Burka-Trägerin habe ich in Österreich noch nie gesehen. Trotzdem wurde dieses Wort in der Debatte populär. Es löst einfach die stärksten Emotionen aus. Auch bei mir tauchen da gleich die Bilder von Afghanistan auf, den Taliban und wie sie Frauenrechte mit den Füßen treten. Das machen sich jene zu Nutze, die Interesse daran haben, Stimmungen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.
Und wieder ist das Stichwort „Sichtbarkeit“ der Schlüssel. Jene Rechtspopulisten, die gegen Minarette wettern, garnieren ihre Plakate mit vollverschleierten Frauen. In der Schweiz ging diese Rechnung bekanntlich auf und von dort zieht diese Strategie Kreise. Sichtbarkeit wird von diesen Leuten gleichgesetzt mit „Herrschaftsanspruch des Islam“. Wie auch das von ihnen gern verwendete Wort „Islamisierung Europas“ unterschwellig unterstellt, alleine die Sichtbarkeit des Islam sei eine Bedrohung. Da werden Scheinargumente konstruiert („Die werden uns ihre Religion aufzwingen!“ „Frauen werden unteres Kopftuch gezwungen!“) und mit pseudowissenschaftlichen Halbwahrheiten gearbeitet, um eine scheinbar moralische Rechtfertigung für die Diskriminierung von MuslimInnen zu finden. Alles läuft unter dem Motto der Selbstverteidigung der „eigenen Werte“. In einer Zeit, da diese eigenen Werte gar nicht mehr so selbstverständlich sind, funktioniert das Sündenbockprinzip dann auch, um die eigene ins Wanken gekommene Identität zu stärken. Jenes Wir-Gefühl, das in der Wirtschaftskrise und Globalisierungsangst erst recht geschwächt ist.

WOMAN: Wie stehen Sie zum viel diskutierten Burka-Verbot: ist es ein Schutz für Frauen oder eine zusätzliche Diskriminierung?

Baghajati: Es ist vor allem kontraproduktiv! Es unterstellt ja, dass keine Frau es je freiwillig tragen könnte, sondern ein böser, gewaltaffiner Mann dahinter stecken muss. So ein Mann würde seiner Frau dann wohl ganz verbieten, aus dem Haus zu gehen. Kontraproduktiv aber vor allem im Sinne, dass es die innermuslimischen Diskurse ausbremst, die bisher dafür gesorgt haben, dass kaum eine Frau in Europa Gesichtsschleier trägt. ES IST THEOLOGISCH NICHT NOTWENDIG! So die überwiegende Meinung gelehrter Männer und Frauen. Also haben wir gerade unter muslimischen Frauen eine sehr lebhafte Diskussion, ob die paar vollverschleierten Frauen es nicht zusätzlich erschweren, dass Verständnis für muslimische Frauen aufgebaut werden kann. Ich kenne mehr Frauen, die den Ganzschleier abgelegt, als aufgesetzt haben. Diese Entwicklung würde durch Verbote umgekehrt, denn natürlich zöge das eine Solidarisierung mit sich, von „Trotzreaktionen“ gar nicht zu reden.

WOMAN: Schüren die ganzen Diskussionen zusätzlich die Ausländerfeindlichkeit?

Baghajati: Ja, leider. Und auch, dass der Islam noch immer als Sache der Ausländer gesehen wird. Wir müssen derzeit eine Aufladung des Integrationsthemas mit Religion beobachten. Waren früher „die Ausländer“ an allem schuld, dann heute zunehmend „die Muslime“. Dabei sind ca. die Hälfte der MuslimInnen (also ca. 250.000) österreichische StaatsbürgerInnen. Hier zu Hause. Und der Islam ist seit 1912 schon staatlich anerkannt.

WOMAN: Frauenministerin Heinisch-Hosek bezeichnete die Burka vor einigen Monaten als Frauengefängnis...

Baghajati: Auch ich käme mir darin eingesperrt vor. Und doch will ich das so nicht stehen lassen. Denn solange eine Frau diese Kleidung freiwillig wählt, muss ich das akzeptieren. Sonst wäre die ganze Linie, die wir mit der Forderung nach „Selbstbestimmungsrecht der Frau“ innermuslimisch stark vertreten, nicht mehr glaubwürdig. Und diese Linie war sehr erfolgreich, weil sie dafür sensibilisierte, dass es einer Frau oder einem Mädchen überlassen sein sollte, wie sie es mit ihrer Bekleidung hält.

WOMAN: Ihrer Erfahrung nach: Warum tragen Frauen eine Burka, einen Niqab?

Baghajati: Ich kenne keine gezwungene Frau. Im Gegenteil weiß ich von Männern, die den Gesichtsschleier ihrer Frau gerne ausreden würden. Denn im Alltag werden sie dann noch mehr angepöbelt. Frauen mit Gesichtsschleier legen den Islam so aus, dass sie ihr Gesicht bedecken wollen. Auch wenn sie in der Minderheit sind, ist das als religiöses Leben zu respektieren.

WOMAN: Welche gesellschaftliche Lösung können Sie sich vorstellen?

Baghajati: Nur eine, die langen Atem braucht: Die allgemeine Erkenntnis, dass muslimische Frauen ein Teil der Gesellschaft sind, der niemandem etwas wegnimmt und vor denen sich niemand fürchten müsste. Als Musliminnen müssen wir unser Teil beitragen, klar zu machen, dass wir gleichzeitig ein Kopftuch tragen können und für Frauenrechte und Chancengleichheit eintreten. Ich bin froh, dass es hier in Österreich schon einen recht gut funktionierenden Austausch auch mit Feministinnen gibt.

Interview: Melanie Zingl