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Warum du in dieser Therapieeinrichtung für Essstörungen nicht vegan essen darfst

In der Einrichtung ANAD e.V. haben alternative Ernährungsformen keinen Platz. Warum das so ist, erklärt der Geschäftsführer Andreas Schnebel in einem Interview mit Ernährungswissenschaftler Uwe Knop.

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Veganismus Essstoerung Therapieeinrichtung
© istockphoto.com

Alternative Ernährungsformen füllen täglich unsere Social Media Feeds: Paleo, LowCarb oder Raw. Wann sind wir zu EssensexpertInnen geworden? Warum sind plötzlich viele von uns überzeugt, sie hätten eine Gluten-Intoleranz, obwohl sie das niemals getestet haben? Oft steckt dahinter die Angst vor dem Übergewicht und der oft damit zusammenhängenden fehlenden Gesundheit. Und warum haben wir Angst vorm Übergewicht? Weil uns der Schönheitskult diktiert, was wir attraktiv zu finden und nach welchem Körper wir zu streben haben und das ist auf keinen Fall ein Körper mit zu viel Gewicht.

Das mag jetzt überspitzt formuliert sein, aber der Kern ist wahr: Wir sagen, dass wir heute zu keiner einzigen Prise Zucker greifen werden, weil wir ja gesund leben wollen. Aber dahinter steckt auch der Wunsch abzunehmen: Gesundheit wird heutzutage mit Schlankheit gleichgesetzt. Viele Menschen werden so Opfer einer Selbstoptimierungsgesellschaft, die es bejubelt, wenn man abnimmt und kritisch maßregelt, wenn man zunimmt. Vor allem Kinder und Jugendliche leiden unter diesem Druck. Und das Schlimmste daran ist: Viele maskieren ihren Weg in die Essstörung eben durch solche alternativen Esstrends.

»Erschwerend kommt hinzu, dass eine Gewichtsabnahme in der Gesellschaft immer wieder bejubelt wird.«

"Unser Behandlungsansatz ist strikt »Anti-Diät«. Das bedeutet, eine abwechslungsreiche, vielfältige und ausgewogene Ernährung.", sagt Andreas Schnebel, therapeutischer Geschäftsführer von ANAD e.V., einer Therapieeinrichtung für Essstörungen in Bayern, spricht im Interview mit dem Ernährungswissenschaftler und Autor Uwe Knop. Sie sprechen über den Einfluss der modernen Gesellschaft auf das Essverhalten von Jugendlichen und Kindern. In der Einrichtung wird strikt auf vegane und andere alternative Ernährungsformen verzichtet. Essstörungen gehen nämlich mit einer extremen Kontrolle einher: Die Betroffenen erschaffen eigene Essregeln, die sie im Laufe der Krankheit auch im Alltag stark behindern.

In der Einrichtung müssten die Betroffenen wieder lernen, spontan, abwechslungsreich und mit Lust zu essen. "Vegane Ernährung ist so ziemlich das Gegenteil von Spontaneität. Alle Produkte müssen akribisch auf tierische Inhaltsstoffe geprüft werden. Für Betroffene, die noch nicht bereit sind, die Essstörung aufzugeben, ist vegane Ernährung eine gute Möglichkeit, ihre Essprobleme zu kaschieren.", fügt Schnebel hinzu. Natürlich setzt der Therapeut den veganen Lebensstil nicht mit einer Gefahr für Jugendliche gleich, es geht nur darum klarzustellen, dass für Menschen mit einer Tendenz zur Essstörung eine regelgeleitete Ernährungsform nicht ratsam ist. Und die alternativen Ernährungsformen sind auch nicht allein Schuld am Leid der Jugendlichen, auch das Verhalten der Eltern und des sozialen Umfelds spielen eine wichtige Rolle.

»Die Kultur»Scheitern ist auch erlaubt oder perfekt muss nicht immer gut sein« sollte in unserer Gesellschaft wieder etwas Raum erhalten.«

"Erschwerend kommt hinzu, dass eine Gewichtsabnahme in der Gesellschaft immer wieder bejubelt wird. Eltern warnen ihre Kinder vor Alkohol, Nikotin und Drogen, aber wenn die Tochter eine Diät beginnt, applaudiert oft das soziale Umfeld.", erklärt Schnebel. Natürlich muss man diese Aussage differenziert betrachten, denn wenn die Tochter oder der Sohn wirklich übergewichtig sind, dann ist eine Diät nichts Schlimmes, sondern gesundheitlich ratsam. Schnebel geht es aber darum, dass Eltern lernen, was ihren Kindern gut tut und sie nicht aus Angst übermäßig kontrollieren. Und da kommt wieder die Angst vor dem Übergewicht ins Spiel: Weil in den Medien seit Jahren von der 'Generation der dicken Kinder' gesprochen wird, hätten Eltern auch vermehrt Angst davor, dass auch ihr Kind dick werden könnte.

Wichtig wäre es auch, Eltern über ein gesundes Essverhalten zu unterrichten, ihnen Mut zu machen mit ihren Kindern offen darüber zu sprechen und ihnen so die Möglichkeit zu geben, frühzeitig zu erkennen, wenn die Kinder ein problematisches Essverhalten haben. "Ein »gesundes« Familienleben: das bedeutet, Kinder zu starken und selbstbewussten Persönlichkeiten erziehen. »So wie Du bist – so bist du toll!« Kinder sollten lernen, dass es im Leben auch Rückschläge geben darf. Die Kultur »Scheitern ist auch erlaubt oder perfekt muss nicht immer gut sein« sollte in unserer Gesellschaft wieder etwas Raum erhalten."

Kommentare

Malte Hartwieg

Vegan ist kein „Esstrend“ der „Essstörungen kaschiert“ sondern ein ethischer Lebensstil bei dem man Tierleiden vermeidet, zum Umweltschutz beiträgt und die eigene Gesundheit verbessert. Jeder Idiot kann einen Apfel ohne die „akribische Prüfung auf tierische Inhaltsstoffe“ von einem verwesenden Kadaver unterscheiden. Genauso Gemüse, Nüsse, Hülsenfrüchte, Bohnen, Reis, Tofu, Seitan, Sojamilch...

WOMAN

Lieber Malte,
Nein, Veganismus ist keine Essstörung, aber das behaupten wir im Artikel auch gar nicht. Wir sprechen hier nur über den tatsächlich beobachteten Zusammenhang zwischen jungen Menschen mit Essstörungen und alternativen Ernährungsformen. Jede Ernährungsform ist absolut ok, so lange die Personen auch wissen, wie sie damit umgehen.
Dein WOMAN-Team