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Andrea Brem, Chefin der Wiener Frauenhäuser, im WOMAN-Interview

Täglich hört sie unglaublich traurige Erlebnisse von Opfern. Seit 25 Jahren. Und ist immer wieder überrascht, welche Art von Gewalt es noch geben kann. Andrea Brem, Chefin der Wiener Frauenhäuser, im Gespräch.


Andrea Brem, Chefin der Wiener Frauenhäuser, im WOMAN-Interview
© Ernst Kainerstorfer

Der tödliche Kopfschuss eines Vaters auf seinen Sohn hat das Land erschüttert. In der Familie aus St. Pölten gab es seit Jahren schwere Gewalt – gegen die Mutter, den Sohn, die Tochter. Die Mutter war häufig blau geschlagen zur Arbeit erschienen, gehandelt hat lange niemand. Weder sie noch Bekannte. Als dann die Polizei eingeschaltet und der Vater weggewiesen wurde, eskalierte die Situation. Der Mord in der Garderobe der Volksschule war Schlusspunkt einer sich abzeichnenden Tragödie. Die Wegweisung hatte nicht automatisch auch für die Schule gegolten. Seitdem wird über neue, strengere und striktere Gesetze diskutiert.
Zum Schutz der Opfer. Einer erschreckend hohen Zahl an Frauen und Kindern in Österreich. Was sie oft jahrelang an Gewalt, Demütigung und Erpressung erleiden, warum überhaupt jemand zum Täter wird und wie man als Freundin helfen kann, hat uns Andrea Brem, Geschäftsführerin der Wiener Frauenhäuser, im WOMAN-Interview beantwortet.

WOMAN: Hierzulande ist jede fünfte in Beziehung lebende Frau von Gewalt betroffen. Wie kann das sein im 21. Jahrhundert?

Brem: Es geht fast immer darum, dass Macht ausgeübt und Kontrolle gewonnen wird. Und es sind auch noch immer die traditionellen Rollenbilder gängig. Viele Betroffene leben bereits sehr lange unselbständig, weil sie schon als Kind Gewalt erlebt haben, dadurch ein mangelndes Selbstbewusstsein haben und sich oft einen Retter wünschen. Dann kommt ein Mann, der eine Affinität hat zu einer Frau, die zu ihm aufsieht. Wenn die beiden zusammenziehen, werden die Erwartungen aneinander nicht erfüllt, beide sind überfordert – und das ist dann der Auslöser für Gewalt.

WOMAN: Wie viele dieser Betroffenen wenden sich an Hilfseinrichtungen? Und wie hoch ist die Dunkelziffer?

Brem: Das ist schwer zu sagen. Es ist uns zwar gelungen, ein gutes Netzwerk aufzubauen, mit Gewaltschutzzentren, Frauenhäusern, Jugendämtern, der Polizei. Aber es erschreckt uns immer wieder, dass Frauen zu uns kommen und von jahrelanger Gewalt erzählen.

WOMAN: Wohin wendet man sich am besten, wenn man keinen Ausweg mehr sieht?

Brem: Je nachdem, wie bedroht man sich fühlt. Es gibt anonyme Beratungsstellen, die für eine erste Info bestens geeignet sind. Wenn man sich aber körperlich bedroht fühlt, muss man die Polizei rufen. Für den Fall, dass es noch eine Gesprächsebene mit dem Partner gibt, empfiehlt sich eine gemeinsame Paarberatung.

LESEN Sie das ganze Interview in WOMAN 12/2012.

Redaktion: Katrin Kuba