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Ein Angriff: Rundherum kein Wort, keine Tat, nichts. Nur Blicke.

Am helllichten Tag wird Leonie-Rachel von einem wildfremden Mann angegriffen. Ohne Vorwarnung. Ohne Grund. Um sie herum sind Menschen. Doch keiner reagiert. Warum nur?


Attacke
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Anfang Mai wurde ich von einem Mann attackiert - ohne ersichtlichen Grund und am helllichten Tag.

Ich stand vor der Postfiliale, suchte meinen Abholzettel, mein Hund Waldi schnüffelte am Boden. Ich sah, wie ein Mann auf einem Fahrrad sich uns näherte und ich war gerade dabei Waldi zur Seite zu ziehen mit einem Lächeln auf den Lippen, quasi als Entschuldigung dafür, dass Waldi etwas tapsig im Weg rumstand. Der Mann schrie mich an: „Verschwinde! Geh weg!“ Ich wich aus und sagte noch „Sie wissen schon, dass sie eigentlich nicht auf dem Gehsteig fahren dürfen.“ Im Normalfall weise ich keinen Fahrradfahrer daraufhin, dass dies eigentlich verboten ist, aber wenn mich jemand angeht, entgegne ich auch etwas. Ob es daran lag oder ob der Mann einfach von vornherein die Gewalt suchte, kann ich jetzt nicht mehr sagen.

Nichts davon entschuldigt sein weiteres Vorgehen. Er drängte mich mit dem Rad zur Wand, ich kam nicht aus und bekam es langsam mit der Angst zu tun. Und dann tat er, was ich bis dato nicht für möglich gehalten hätte: Er drückte seinen Unterarm gegen meinen Kehlkopf und würgte mich. Ich schrie noch „Lassen Sie mich in Ruhe.“, was dazu führte, dass sich anwesende Passanten zu mir umschauten. Und dann geschah Erstaunliches, niemand half. Kein Wort, keine Tat, nichts. Nur Blicke.

»Mir laufen die Tränen runter, wenn ich an ihre Gesichter denke.«

Es waren drei Männer, weniger als zwei Meter entfernt. Keiner gab nur einen Laut von sich. Sie starrten mich an. Ich sie. Ich erkannte, sie würden mir nicht helfen, also tat ich das Einzige, was ich tun konnte, bevor mir komplett schwarz vor Augen wurde. Ich stieß den Mann fort und ging schnellen Schrittes in die Post hinein. Ich konnte nicht laufen, dafür fehlte mir die Luft.

Unter Schock holte ich mein Paket ab, als wäre nichts. Als ich die Post verließ, sah ich die Leute, welche mir nicht halfen. Ich senkte meinen Blick. Ging nach Hause. Dann brach es über mich herein. Mehr als eine Stunde brauchte es, bis ich mich aufraffen konnte, zur Polizei zu gehen. Ich denke, der Polizist war etwas überfordert, als er mich sah. Tränenüberströmt. Ich gab alles zur Anzeige. Die Chancen den Mann zu finden sind gering.

Was mich aber im Laufe des Tages mehr schockierte war, wie viele Mädchen mir danach schrieben und Ähnliches berichteten. Gewalttaten untertags, in sogenannten „normalen“ Gegenden.

Die erste Frage von vielen war nach der Herkunft des Mannes. Er war ein ganz normal wirkender Mann, gepflegtes Äußeres mit wienerischem Akzent.

Die größte Frage, die sich für mich aufgeworfen hat, war nicht, wieso er das tat, sondern wieso mir niemand half?

Ich war nicht alleine. Ich war umgeben von Menschen. Starken Männern, wenn man sie so nennen will. Obwohl sie sich von ihrer schwächsten Seite zeigten. Denn jemanden, der offensichtlich in Not steckt, nicht zu helfen, nicht ein Wort zu sagen, ist einfach schockierend.

»Wie hätte ich in dieser Situation reagiert? Sicher nicht so. «

Ich hätte zumindest geschrien. Oft reicht ein lautes „Hey, was machen Sie da!“ um Täter in die Flucht zu schlagen. Doch die Akzeptanz der Augenzeugen führt dazu, dass solche Menschen denken, sie können ungehindert so mit anderen umgehen.

Ich bin noch immer schockiert. Es fühlt sich unfassbar an. Nur, wer selbst einmal in dieser Situation war, weiß, wie schwach und klein man sich plötzlich fühlen kann. Und ich weiß nicht, ob ich die richtigen Worte dafür finde, aber ich habe mich von den Menschen in meiner Umgebung gedemütigt gefühlt, als sie dies zuließen. Dieses Gefühl schmerzt so viel mehr als das, was mir der Täter antat.

Dieser Text erschien ebenso auf Leonie-Rachels-Blog.

Leonie-Rachel
Thema: Report