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Angst? Keine Erziehungsmethode!

In der "Presse" beschrieb ein Redakteur, dass er seinen 3-Jährigen mit "Ohrenziehen" und "Übers Knie legen" erzieht. Was Erziehungsexperten davon halten.


Angst? Keine Erziehungsmethode!

Wenn du nicht folgst, dann zieh ich an deinen Ohren!

© Thinkstock/Creatas

Wenn der Kleine nicht folgen will, dann zieht man ihn schon mal an den Ohren. Oder legt ihn übers Knie. Eine Ohrfeige – nun, das sei dann doch zu persönlich, immerhin.

In der Sonntagsausgabe der "Presse" beschreibt ein Redakteur unter dem Titel "Wer Strafe nicht vollzieht, wird unglaubwürdig", wie er seinen 3-jährigen Sohn erzieht. Konsequenz, so seine Conclusio, müsse sein. Und die, meint er, könne durchaus mit körperlicher Gewalt erfolgen (hier der Text im Original).

Seitdem tobt ein "Shitstorm" in den sozialen Netzwerken. ORF-Moderator Armin Wolf etwa erzählt in einem sehr persönlichen wie eindrucksvollen Kommentar auf Facebook, wie er als Kind die körperliche Züchtigung durch seine Eltern empfand.

Wie gesund ist die "g'sunde Watsche"? Welche Auswirkungen hat es auf Kinder, wenn ihnen mit einem "Ohrenzieher" gedroht wird, falls sie mal nicht auf Anhieb funktionieren? Und was muss man tun, wenn einem als Mutter in völliger Verzweiflung doch einmal die Hand ausrutscht?

Wir haben mit Eveline Holzmüller, Sozialarbeiterin und Erziehungsexpertin beim MAG ELF, der Servicestelle für Familien und Kinder der Stadt Wien, darüber gesprochen.

WOMAN: Frau Holzmüller, bei Ihnen geht es offenbar seit Erscheinen des Presse-Artikels rund...
Eveline Holzmüller: Ja, wir haben seit gestern zig Anrufe und Mails von Leuten, die sich über diesen Artikel und die darin beschriebenen Erziehungsmethoden beschweren. Sie fragen: "Darf denn das wahr sein?"

WOMAN: Dann frage ich Sie auch gleich mal: Darf denn das wahr sein?
Holzmüller: Leider ja. Auch wenn die Anwendung körperlicher und seelischer Gewalt gegenüber Kindern laut ABG Paragraph 137 gesetzlich verboten ist, finden viele Eltern nach wie vor, dass eine g'sunde Watschen oder auch das in dem Artikel beschriebene, drohende "Anzählen" ein durchaus probates Erziehungsmittel ist. Genau das macht unsere Servicestelle nötig - auch wenn ich fast leider sagen muss. Wenn Sie mir den persönlichen Kommentar erlauben: Ich finde es unglaublich, dass derlei unreflektiert von einer Zeitung publiziert wird.

»Ein Kind kann sich nicht wehren. Nur fürchten.«

WOMAN: Welche Auswirkungen hat es auf ein Kind, wenn es mit einem "Ohrenzieher" oder auch nur der Androhung eines solchen erzogen wird?
Holzmüller: Es hat Angst. Es fühlt sich gedemütigt. Herabgewürdigt. Stellen Sie sich mal vor, wie es für Sie als Erwachsene wäre, wenn Sie jemand an den Ohren zieht oder übers Knie legt. Sie würden sich wahrscheinlich wehren, aber es würde Sie trotzdem verletzen und ängstigen. Ein Kind kann sich aber nicht zur Wehr setzen. Sondern nur fürchten, Und Angst zu erzeugen, das ist keine Erziehungsmethode.

WOMAN: Jetzt kennen fast alle Eltern Situationen, in denen sie unter Stress geraten, in der einfach nichts funktioniert. Wie ist man konsequent, ohne mit Drohungen zu arbeiten?
Holzmüller: Am besten ist es natürlich, wenn man Zeit für solche Momente einplant. Wenn es zum Beispiel jeden Morgen Ärger vorm Kindergarten gibt, dann sollte man etwas früher aufstehen, damit man nicht in Stress gerät. Das ist aber leider nicht immer drin. Wenn das Kind bereits alt genug für Absprachen ist, dann sollte man sich mit ihm zusammensetzen und Regeln aufstellen, wie man die Früh besser gestalten kann. Wenn das Kind zu klein für ein vernünftiges Gespräch ist, dann muss man es manchmal auch schnappen und mit ihm losflitzen. Obwohl es grantelt. Aber ihm deshalb trotzdem auf keinen Fall Gewalt antun. Manchmal hilft es auch schon, wenn Eltern die Perspektive wechseln.

WOMAN: Was meinen Sie mit dem Perspektivenwechsel?
Holzmüller: Dass Eltern versuchen, sich die Situation aus der Sicht des Kindes vorzustellen. Zwei- bis Dreijährige sind zum Beispiel in der Trotzphase. Sie sind plötzlich körperlich unabhängig, haben das Gefühl, dass ihnen die Welt offensteht. Dann kommt jemand, der ihnen Grenzen setzen will. Das verstehen sie nicht, weil sie von ihren Emotionen gebeutelt werden. Wenn man das als Mutter erkennt, dann nimmt man den kindlichen Zorn auch nicht mehr persönlich und reagiert auch verständnisvoller.

»...und wenn einem die Hand ausrutscht?«

WOMAN: Was, wenn einem doch einmal die Hand ausrutscht?
Holzmüller: So etwas sollte nicht, aber kann leider passieren, wenn man völlig überfordert ist und sich nicht mehr zu helfen weiß. Wichtig ist, dass man sich sofort bei seinem Kind entschuldigt. Ihm erklärt, dass das nie wieder vorkommen wird, dass es ein schrecklicher Fehler war. Dass man in Zukunft anders handeln und darauf achten wird, dass es nie wieder dazu kommt. Wenn es einem nicht gelingt, gewalttätiges Verhalten als Elternteil zu vermeiden, dann sollte man in Erziehungsberatungsstellen oder Eltern-Kind-Zentren Hilfe suchen.

WOMAN: Der Presse-Redakteur beschreibt dieses gebetsmühlenartige Einreden vieler Eltern auf ihre Kinder...
Holzmüller: In diesem Punkt hat er ansatzweise Recht. Wenn man dauernd auf jemanden einredet, ohne eine klare Konsequenz folgen zu lassen, dann schaltet der auf Durchzug. Das ist eine normale Reaktion. Es ist nur eben entscheidend, dass es eine richtige Konsequenz mit klarer Botschaft ist, die von den Kindern nicht als Gewalt empfunden wird. Am besten wäre, wenn die Konsequenzen mit dem Problem in ursächlichem Zusammenhang stünden. Etwa: Wenn du weiter trödelst, können wir nicht mehr Eis essen, ins Kino,… gehen. Kinder arbeiten, wie übrigens Erwachsene auch, viel lieber mit, wenn sie positiv dazu motiviert werden und an ihre Kompetenzen apelliert wird. Zum Beispiel: Ich glaube, du kannst schon…, Ich freue mich, wenn du mich dabei unterstützt….

WOMAN: Wo beginnt Gewalt gegen Kinder?
Holzmüller: Im Gesetz ist festgehalten: Die Anwendung jeglicher körperlicher oder seelischer Gewalt gegen Kinder ist nicht zulässig. Wenn ich zum Beispiel meinem Kind am Spielplatz sage: "Wenn du nicht folgst, dann bleibst du eben alleine hier!" ist das bereits seelische Gewalt. Denn man droht dem Kind an, es alleine zu lassen – und beschwört damit eine Angstsituation herauf. Manche Eltern halten sich für besonders gefinkelt, wenn sie sich dann sogar kurz verstecken. Wer zweimal darüber nachdenkt, weiß, was das bei einem Kind auslösen kann.

Thema: Erziehung