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Krisentelefone: Davor haben die ÖsterreicherInnen *wirklich* Angst

Wer seelische Unterstützung braucht, kann sich in Österreich an mehrere Telefon-Notdienste wenden. Und deren Leitungen müssen in den letzten Tagen, Wochen mächtig geglüht haben. Wir sprachen mit einer Mitarbeiterin des Notfallpsychologischen Dienstes über Möglichkeiten zur akuten Stress- und Angstbewältigung.

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Kann unser Leben eigentlich noch verrückter werden? Erst eine Woche ist es her, dass Wien von einem Terroranschlag erschüttert wurde. Und auch, wenn der Alltag mittlerweile wiederhergestellt ist, kämpfen viele still und heimlich mit den Nachwehen des Geschehens. Als wäre das nicht schon genug, haben wir ja auch noch COVID-19 "an der Backe".

Wir merken, dass selbst unsere resilienten, taffen FreundInnen langsam an ihre Grenzen kommen. Die Angst, die Unsicherheit, die Hoffnungslosigkeit sind größer als sonst. Wie sollen wir mit diesem lauernden Unmut umgehen? In uns selbst – und wie unsere FreundInnen unterstützen?

Verena Wolf ist Teil vom Notfallpsychologischen Dienst Österreich (NDÖ). Dort wird laut Webseite nicht nur eine Nachbetreuung "für Betroffene mit anhaltenden Traumafolgen" angeboten, sondern vor allem Akutinterventionen per Telefon-Notdienst. Wir haben sie um Tipps gebeten, wie man am besten mit dringlicher Angst und Panik umgeht. Und: Wie man FreundInnen in einer solchen Situation beisteht.

WOMAN: Ewald Lochner, Koordinator für Psychiatrie in Wien, hat nach dem Terroranschlag gesagt, dass die Leitungen der Telefondienste ausgelastet gewesen seien und man MitarbeiterInnen aufgestockt habe. War das bei Ihnen auch so?
Verena Wolf: Ja, auch wir haben unsere Hotline mit mehreren Notfallpsycholog*innen besetzt. Gerade in den ersten Tagen hat das Telefon fast pausenlos geläutet.

WOMAN: Mit welchen Anliegen haben Menschen in den letzten Tagen am häufigsten angerufen?
Verena Wolf: Die Themen sind vielfältig. Sehr häufig melden sich Augenzeug*innen und Menschen, die selbst in das Geschehen involviert waren. Themen wie konkrete Angst und generalisierte Unsicherheit stehen im Vordergrund. Bei Menschen, die nicht persönlich vor Ort waren, kann das aktuelle Ereignis Erinnerungen an frühere belastende Erlebnisse, die ungenügend aufgearbeitet wurden, wachrufen. Außerdem werden aktuelle Belastungen verstärkt wahrgenommen und als schwieriger erlebt, wie Corona, Beziehungsprobleme, Cannabis-Psychosen und Abhängigkeiten. Immer wieder kommt auch von Eltern oder Lehrer*innen die Frage, wie man am besten mit Kindern über dieses Thema spricht und was man zu deren Unterstützung beitragen kann.

»Nicht hilfreich ist der Satz: 'Es gibt keinen Grund zur Panik.'«

WOMAN: Welche Tipps zur Angst-, Panik- & Stressbewältigung haben Sie? Gibt es vielleicht einen „Notfall-Guide“, den man sich merken kann, wenn man selbst in so eine Lage kommen sollte?
Verena Wolf: Gerade der professionelle notfallpsychologische Ansatz basiert auf einer Intervention, die die individuelle Persönlichkeit, die spezifische Situation und die persönlichen Möglichkeiten (Ressourcen) berücksichtigt. Allgemeine Tipps zu geben, die für alle gelten sollen, ist daher schwierig.
Sinnvoll ist in jedem Fall auf den Medienkonsum zum Thema zu achten, also sich selbst vor zu viel belastenden Nachrichten und insbesondere Bildern und Videos zu schützen. Das Einholen von Information ist gut, aber eben gezielt und in Maßen.

Dies führt zum nächsten Punkt, nämlich bewusst auch den Fokus der Aufmerksamkeit auf andere Dinge zu legen: sich bewusst abzulenken und mit anderen Themen zu beschäftigen, vorzugsweise damit, was einem gut tut. Dabei kann es helfen, sich einen klaren Plan zu machen, auf den man zurückgreifen kann. Überhaupt ist es in einer solchen Situation gut, herausfordernde Aufgaben konkret zu planen und dem Alltag Struktur zu geben. Leider wird viel zu oft und viel zu rasch nach Medikamenten oder auch nach Cannabis gegriffen, was meist mittel- und langfristig zu neuen Problemen und keinen Lösungen führt.

WOMAN: Wenn sich eine FreundIn voller Panik bei mir meldet - was kann ich sagen? Und was sollte ich nicht sagen?
Verena Wolf: Was Sie tun können ist zuhören und nachfragen, sodass die betroffene Person die belastenden Themen verbalisieren kann. Vielleicht gelingt es Ihnen, mit gezielten Fragen und sachlichen Argumenten Ihrer Freundin die Möglichkeit zu geben, die eigenen Gedanken zu reflektieren, zu hinterfragen und im optimalen Fall sogar neue Sichtweisen zu entwickeln. Auch ein bewusstes Lenken der Aufmerksamkeit auf andere Inhalte kann ein wirksames Mittel sein. Nicht hilfreich ist der Satz: "Es gibt keinen Grund zur Panik.“ – egal ob die Panik schon da ist oder man diese verhindern möchte; Stichwort: "Denken sie nicht an einen rosa Elefanten."

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