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Anna Netrebkos Starbariton Erwin Schrott
im intimen WOMAN-Interview

Am 16.2. gibt Anna Netrebkos Gefährte an der Wr. Staatsoper den Schurken Almaviva in "Le nozze de Figaro". Mit uns sprach der Latino übers Fremdgehen, Eifersucht, seine Kindheit & Babypläne ...


Anna Netrebkos Starbariton Erwin Schrott
im intimen WOMAN-Interview
© Oliver Gast

WOMAN: Herr Schrott, man kann Sie ab 16. Februar in "Le nozze di Figaro“ als Graf Almaviva an der Wiener Staatsoper sehen. Dieser Mann ist ein Frauenheld, obwohl er verheiratet ist. Haben Sie etwas mit diesem Grafen gemeinsam? Wie haben Sie sich geistig auf diese Rolle vorbereitet? Ist "Graf Almaviva" in Ihren Augen ein "echter Mann" oder ein Bastard?

Schrott: Männer sind sehr unterschiedlich. Vermutlich ist Almaviva kein Mann, mit dem Sie es gern zu tun haben möchten. Schurken gibt es leider überall, aber ich weiß glücklicherweise vollkommen genau, ich bin nicht wie er! Dennoch ist Oper Fiktion. Das Hauptziel ist es, das Publikum zu unterhalten, und die Handlung ist fast immer die gleiche: Es gibt zwei Liebende und dann gibt's einen mürrischen Bariton, der nicht möchte, dass sie zusammenkommen. Nimmt man den Bösewicht aus der Geschichte, wäre die Oper höchstens 15 Minuten lang, gerade so lang, dass die Liebenden Zeit haben eine Arie zu singen, um sich einander zu erzählen, wie sehr sie sich lieben. Das wäre nicht unterhaltsam, das wäre einfach nur schnulzig und – seien wir ehrlich - ziemlich langweilig. Kommt nun ein Bösewicht wie Graf Almaviva dazu und beginnt seltsame Dinge zu tun, um ihre Liebe zu stören, haben Sie dann - voilà! – ein drei Stunden dauerndes unterhaltsames Meisterwerk! Auf jeden Fall bin ich es als Bass-Bariton gewohnt, Schurken darzustellen. Ich habe den Ober-Bösewicht Don Giovanni oft gespielt, und jede Menge andere Teufeln – und so gesehen ist Graf Almaviva, obwohl er hier kein guter Mensch ist, wahrscheinlich nicht der Übelste von allen (lacht).

WOMAN: Obwohl der Graf eine Frau hat, stellt er Susanna, der Magd der Gräfin nach, die mit Figaro, seinem Diener verlobt ist. Viele gebundene Männer agieren so. Kann denn ein Mann nie aufhören zu jagen?

Schrott: Ich kann nur für mich sprechen: Ich habe meine Liebe gefunden, bin zufrieden, und brauche anderen Frauen daher nicht nachzulaufen! Es wäre dumm und masochistischen von mir, wenn ich das Kostbares und Schöne, das ich schon habe, zerstören würde! Das tut der Graf: Er setzt seine Ehe aufs Spiel und zerstört sie, weil er anderen Frauen nachstellt, als ob er mehr bräuchte als bloß die Liebe der Gräfin. Wenn die Gräfin weint, weil sie betrogen wurde und singt, "Dove sono i bei momenti", bin ich immer berührt. Denn auch wenn sie die Verliererin ist, macht es doch Sinn, weil sie ihn immer noch liebt und darauf hofft, dass Almaviva zur Vernunft kommt in seinem dummen Hirn und Herz.

WOMAN: Wie kann ein Mann seine sexuellen Impulse kontrollieren? Wie halten Sie Ihre Leidenschaft zurück, bevor Sie außer Kontrolle gerät etwa beim Anblick einer sexy Frau?

Schrott: Es gibt eine dünne rote Linie, die die Grenze zwischen Mensch und Bestien darstellt. Ich neige dazu, von dieser Linie entfernt und in meiner Mann-Zone zu bleiben. Denn das ist was ich bin, ein Mensch. Wir sind zwar in gewisser Weise immer noch „Tiere“, aber keine Bestien. Natürlich habe ich eine Vorliebe für Schönheit – wie jeder. Es ist eine Sache, eine Vorliebe für Schönheit zu haben und eine andere, sich wie Bestien zu verhalten..Letzteres liegt wirklich nicht in meiner DNA.

WOMAN: Niemand ist immun gegen Gefühle! Wie kann eine Frau wissen, dass ein gebundener Mann es wirklich ernst meint und ein Leben mit ihr will – und sie nicht bloß als Betthupferl oder Affäre?

Schrott: Ich kann nur für mich selbst sprechen: Beziehungen sind immer schwierig zu Beginn, wenn Menschen sich noch nicht gut kennen, man kann es also nur miteinander versuchen. Schauen, ob man sich versteht, die gleichen Dinge mag, die gleichen Interessen hat. Herausfinden, ob die andere Person romantische Gefühle für dich hat oder einfach nur befreundet sein will. Es spielen natürlich auch Schüchternheit, Bildung und kultureller Hintergrund mit, weil wir alle verschieden sind. Das ist aber auch gut, denn Unterschiede machen das Leben interessant, aber es bedeutet auch, dass wir die Unterschiede erkennen und respektieren müssen. Ohne Respekt gibt es keine Beziehung. Ein Schritt folgt dem nächsten. Man kann nur versuchen die andere Person näher kennen zu lernen und sehen, was geschieht.

WOMAN: Graf Almaviva versucht alles, um die Hochzeit von Figaro und Susanna zu verzögern. Welche Strategien haben Sie bereits verwendet, um einen lästigen Nebenbuhler loszuwerden?

Schrott: Ich habe mich noch nie irgendwelcher Tricks bedient. So ein Sieg wäre vielleicht auf den ersten Blick spannend, weil man den Gewinn bekommt. Aber es ist eine Art Pyrrhussieg: Sie geben sich als eine andere Person aus und müssen eine Lüge leben! Auf lange Sicht kann das verheerende Folgen haben: Denn wenn Sie so leben wollen, könnnen Sie nicht Ihr eigenes Leben leben.

WOMAN: In Sevilla, wo die Geschichte spielt, musste damals der Arbeitgeber der Heirat zustimmen und hatte das Recht der ersten Nacht mit der Braut. Stellen Sie sich vor, Sie hätten damals gelebt und Ihr Chef hätte Anna Netrebko gefordert. Was hätten Sie getan?

Schrott: Mein oberstes Gebot ist Respekt gegenüber anderen Menschen, deshalb würde ich ein solches Verhalten natürlich nie und nimmer dulden. Leider passieren solche Sachen auch heutzutage noch, man liest in den Zeitungen fast täglich darüber. Nur laufen solche Delikte unter „Mobbing“, „Stalking“ oder „sexuelle Belästigung“. Es ist wirklich traurig und frustrierend. Es passiert auf den Straßen, auf Arbeitsplätzen, überall. Man muss die Freihet der anderen respektieren, die so wichtig ist wie die eigene. Nur wer andere respektiert, wird auch selbst geachtet. Es ist viel einfacher so…

WOMAN: Sind Sie eifersüchtig, wenn fremde Männer Anna begehren? Wie reagieren Sie dann?

Schrott: Ich könnte Ihnen sagen, dass ich es nicht bin, dass es mir egal ist. Aber natürlich bin ich eifersüchtig, wie jeder andere Mensch auch, wenn es um seine Lieben - Ehefrau, Ehemann, Kinder – geht. Mich erdrückt meine Eifersucht nicht, trotzdem: diese psychische Belästigung geht mir unter die Haut und warnt mich! Aber dann weiß ich, was wirklich zählt, ist Liebe und Vertrauen. Andere Männer können ein Verlangen nach ihr haben, wie sie wollen. Ich weiß, sie wird es nicht erwidern.

WOMAN: Ihr Sternzeichen ist Schütze: Wie haben Sie mitten in Annas Herz getroffen?

Schrott: Ich weiß nicht viel über Horoskope und deshalb frage ich am besten Anna selbst (ruft sie an und schmilzt dahin) . Sie gab mir gerade eine so schöne Antwort, dass mein Tag perfekt ist. Die Antwort war so schön, dass ich sie nicht einmal richtig wiederholen kann. Aber vielen Dank für diese wunderbare Frage!

WOMAN: Sehr gerne. Es gibt aktuell eine große WOMAN-Aktion: jeder Redakteur erfüllt einem Leser einen Wunsch. Eine Frau schrieb mir, dass ich für ihren Sohn ein Abendessen mit Anna Netrebko arrangieren soll, weil er sie zutiefst bewundert! Aber: Der Mann ist verheiratet! Was schlagen Sie vor, was sollen wir mit ihm machen?

Schrott: Ich schätze, er bereitet besser ein schönes romantisches Dinner für seine eigene Frau vor! Ernsthaft, ich bewundere auch andere Künstler, höre ihre Musik, aber jeder hat sein Privatleben, das sollte auch so bleiben. Viele Leute kommen und grüßen Anna und mich nach den Konzerten. Das ist überwältigend und ich bin dankbar, dass sie ihre Wertschätzung so zum Ausdruck bringen. Aber diese Leute wissen auch, dass, wenn die Musik aufhört zu spielen, die Show vorbei ist und wir von der Bühne gehen, wir ganz normale Menschen sind, die nach der Arbeit am liebsten nach Hause gehen, entspannen und mit ihrer Familie Zeit verbringen. Familie steht über allem: über der Arbeit, Ambitionen und Promigedränge, einfach über allem.

WOMAN: Anna und Sie sind sehr oft aus beruflichen Gründen getrennt. Wie vertrauen Sie einander?

Schrott: Wir tun es einfach. Vertrauen ist ein wesentlicher Teil einer erwachsenen Beziehung – und wir sind erwachsen. Wenn einen allein der Gedanke an die Liebste quält, die weg ist, weil sie eben arbeitet oder für einen bestimmten Zeitraum etwas anderes zu tun hat, dann sollte man besser keine Beziehung haben.

WOMAN: Wurden Sie schon einmal betrogen?

Schrott: Es ist mir in der Vergangenheit wahrscheinlich schon passiert, als ich jünger war, aber – ehrlich gesagt – möchte ich die Details gar nicht wissen. Das Leben ist zu kurz, um sich über Vergangenes den Kopf zu zerbrechen, vor allem wenn man es eh nicht mehr ändern kann. Wie ich sagte: Es gibt keine Liebe ohne Vertrauen. Betrügen heißt, das Vertrauen nicht zu respektieren. Es verletzt den Menschen, den man nicht verletzen sollte. Das kann nicht Liebe sein!

WOMAN: Ganz ehrlich: Haben Sie jemals einen Blick auf Annas SMS in ihrem Handy getan?

Schrott: Es ist genau umgekehrt: Sie spielt immer mit meinem Handy. Aber das ist nur, weil sie ein neues iPhone wie ich es habe will und probiert wie es funktioniert … (lacht)

WOMAN: Wie haben Sie persönlich seit Ihrer Beziehung mit Anna verändert? Hat sie Sie zu einem besseren Menschen gemacht?

Schrott: Wir haben uns beide verändert, wir wachsen zusammen als Paar. Ich mag sie für das, was sie ist, sie mag mich, für das, was ich bin, und ich denke, so sollte es laufen. Es ist eine Illusion zu erwarten, dass sich andere ändern, nur weil man es will. Viele Beziehungen scheitern daran. Dabei vergessen sie, dass sich ja ihre Persönlichkeiten als Ganzes ineinander verliebt haben. Inklusive Fehlern …

WOMAN: Wie überraschen Anna und Sie einander?

Schrott: Wir überraschen uns jeden Tag, aber es ist nie vorsätzlich. Es geschieht einfach. Sie tut etwas, das ein Lächeln auf mein Gesicht zaubert, oder ich weiß etwas, was sie glücklich macht, und dann bin auch ich glücklich, weil sie es ist.

WOMAN: Ihr Sohn Tiago Arua ist bald 3. Ist er ähnlich wie Sie?

Schrott: Tiago ist so kostbar, er ist ein fröhlicher Junge, und noch zu klein, um die ernsten Seiten des Lebens kennen zu lernen. Wir achten sehr darauf, dass er eine heitere Kindheit leben kann, und lehren ihm Kleinigkeiten, die hoffentlich eines Tages einen guten Menschen aus ihm machen. Er soll einmal wie Figaro werden, nicht wie Graf Almaviva! (lacht) Tiago lernt freundlich zu sein, nicht zu anspruchsvoll und – das ist das Wichtigste – ehrlich. Bisher ist es ziemlich einfach mit ihm, auch wenn Anna und ich oft beruflich unterwegs sind. Er ist ein lebhaftes Kind, aber auch ein guter Junge.

WOMAN: Und wie wollen Sie Ihre Tochter Iara, 12, erziehen? Sie wird bald Verehrer haben… Was würden Sie mit einem Schlitzohr tun, der Iara nicht gut behandelt?

Schrott: Iara ist meine kleine Prinzessin, sie ist noch ein Kind, aber wird schnell erwachsen! Sie ist reif für ihr Alter im guten Sinn, vorsichtig, vernünftig und sensibel. Ich habe viel Vertrauen in sie, wir reden viel, sie sagt mir immer, was sie tut, wohin sie geht, mit wem … Sie würde sich nie von jemandem hingezogen fühlen, der sie nicht recht behandelt. Sie ist clever genug, um zu verstehen, dass sie solche Leute nicht verdient. Und trotzdem, egal was passiert, ich werde immer für sie da sein und sie weiß das.

WOMAN: Was mussten Sie sich als junger Mann schwer selbst erarbeiten, weil es Ihr Vater Sie nicht gelehrt hat?

Schrott: Ich bin glücklich, ich habe eine wunderbare Familie, meine Eltern lehrten mich alle nötigen Lektionen des Lebens und tun dies immer noch, wenn es erforderlich ist.

WOMAN: Wie war Ihre Kindheit?

Schrott: Ich wurde in Montevideo in eine musikbegeisterte Familie geboren. Meine Eltern haben immer hart gearbeitet. Mein Vater leitete zuerst eine Schuhfabrik, dann eröffnete er ein Restaurant. Die Zeiten waren manchmal zäh. Ich wuchs auf, als die Wirtschaft in Südamerika zusammenbrach, aber unsere Familie hielt immer zusammen! Als Kind half ich meinem Vater beim Autowaschen, damit wir über die Runden kommen – das hat mich ein paar wichtige Erkenntnisse gelehrt: dass nichts umsonst ist, abgesehen vom Leben selbst, dass nichts selbstverständlich ist, und alles durch Arbeit und Engagement verdient werden muss. Und, dass eine Familie, die zusammenhält, oder Menschen, die sich gegenseitig unterstützen, auch wenn die Zeiten noch so schwer sind, das Wichtigste ist, das man sich wünschen kann. John Donne schrieb einmal: „Kein Mensch ist eine Insel für sich; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Ganzen“. Nun, meine Familie ist mein eigener kleiner Kontinent, und ich bin sehr dankbar dafür. Ich bin ihnen dankbar, weil ich weiß, dass sie immer für mich da sind.

WOMAN: Anna feiert ihren 40. Geburtstag im September: Ein zweites Kind wäre ein Geschenk für alle, meinen Sie nicht?

Schrott: Wir denken oft darüber nach - nicht übers Vierzig-Jahre-alt-werden, über ein weiteres Baby. Natürlich würden wir uns beide freuen, aber wir wollen das nicht mathematisch planen: Die Natur geht ihren Weg, und wenn sie ein weiteres Kind geplant hat, ist das großartig.

WOMAN: Im nächsten Jahr werden Sie auch 40. Was tun Sie eigentlich, um so frisch und jung auszusehen? Was ist Ihr Beauty-Geheimnis?

Schrott: Ich versuche, mich gesund zu ernähren und zu trainieren, um fit zu bleiben. Aber, ehrlich gesagt, vierzig ist nur eine Nummer! Wenn Sie ans Altern denken, beginnen Sie schon gebrechlich zu werden, bevor Sie es tatsächlich sind! Wenn ich in Magazinen die Überschrift lese "Die 40er sind die neuen 30er " muss ich zunächst schmunzeln, weil es wie eine banale Phrase klingt. Aber auf den zweiten Blick, scheint es wahr zu sein. Früher betrachteten sich die Leute als alt, wenn sie dreißig wurden oder sogar davor, was heutzutage absoluter Unsinn ist. Wir sollten uns nicht auf eine Zahl fixieren. Wir alle haben natürlich ein "Verfallsdatum", aber wenn man sich nur darauf fokussiert, dann verschwendet man eine Menge Zeit. Besser: Wir tun einfach das, was uns erfüllt – egal wie alt wir sind.

Interview: Petra Klikovits