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"Ich will keiner Mutter mehr sagen, dass ihr Kind tot ist!"

Sie hat den Titel "WOMAN des Monats" mehr als verdient: Antonia Zemp arbeitet auf einem Rettungsschiff für Flüchtlinge. Über Momente der Angst - und des Glücks.

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Antonia Zamp - Krankenschwester auf einem Rettunggschiff für Flüchtlinge

Antonia Zemp im Einsatz auf dem Rettungsschiff "Dignity 1"!

© Sara Creta, MSF Communication Officer

Mittelmeer, spät in der Nacht. Das Schiff schaukelt, es ist kalt, der Himmel pechschwarz. Antonia hat einen 16-Stunden-Tag hinter sich, nur drei Stunden Schlaf. Plötzlich ertönt die Alarmklingel. Einsatz! 480 Flüchtlinge, zum Teil verletzt, schwer unterkühlt, sind in den schäbigen Gummibooten der Schlepper in Seenot geraten.

Alltag für Antonia Zemp. Seit Monaten befindet sich die 32-Jährige Krankenschwester auf dem Rettungsschiff "Dignity 1" von Ärzte ohne Grenzen . Ein Einsatz, der an ihre persönlichen Grenzen geht. Physisch und psychisch.

Antonia Zamp - Krankenschwester auf einem Rettunggschiff für Flüchtlinge
»Ich möchte keiner Mutter mehr sagen müssen, dass ihre beiden Kinder bei der Rettungsaktion eines sinkenden Bootes ertrunken sind.«

WOMAN: Antonia, wo genau bist du gerade?
Antonia Zemp: Ich sitze in unserem kleinen Schiffsspital auf der "Dignity 1" und mache gerade Nachtschicht. Wir haben einen Patienten bei uns, der gestern Abend einen Krampfanfall erlitten hat und nun unter Beobachtung ist. In den letzten zwei Tagen haben wir vier Gummiboote mit insgesamt 480 Menschen aus Seenot gerettet . Jetzt sind wir auf dem Weg nach Augusta, einer Hafenstadt in Sizilien, um die Gäste sicher an Land zu bringen.

Antonia Zamp - Krankenschwester auf einem Rettunggschiff für Flüchtlinge
Antonia Zamp - Krankenschwester auf einem Rettunggschiff für Flüchtlinge

WOMAN: Wie ist das Leben auf einem Rettungsschiff?
Antonia Zemp: Man weiß nie, was dich am nächsten Tag erwartet und manchmal nicht einmal, was in der nächste Stunde passiert. Wenn wir mit der "Dignity 1" in der „Search and Rescue“-Zone etwa 20 Seemeilen vor der libyschen Küste sind, weckt mich entweder mein Handywecker – oder der Schiffsalarm, der ertönt, wenn ein Gummiboot in Sicht ist. Wenn wir keine Flüchtlinge an Bord haben, können wir die Tage etwas ruhiger angehen und uns Zeit nehmen, auch einmal durchzuatmen. Gleichzeitig wird aber die nächste Rettung vorbereitet: Evaluation der letzten Rettung und Umsetzung der Verbesserungsvorschläge, Weiterbildungen organisieren, Medikamente auffüllen und bestellen, putzen und desinfizieren, Protokolle überarbeiten und umsetzen, Willkommenspaket für die Flüchtlinge zusammenstellen (Wolldecke, Energieriegel, Wasser, Socken, Handtuch, Anm. ) und am Abend mit einer Tasse Tee den Tag mit den Teamkollegen ausklingen lassen.

Antonia Zamp - Krankenschwester auf einem Rettunggschiff für Flüchtlinge

WOMAN: Was ist deine Aufgabe an Bord?
Antonia Zemp: Wenn wir Flüchtlinge an Bord haben, wird es zwischenzeitlich sehr hektisch und anstrengend. Dann dreht sich alles um die Sicherheit und das Wohlergehen unserer Gäste. Mein Team und ich sind dann von morgens bis abends im Spital. Als erstes betreuen wir die Notfallpatienten, danach all die Patienten und Patientinnen mit kleineren gesundheitlichen Problemen. Wir registrieren die Temperatur jedes Patienten und fragen, ob er sich krank fühlt, um so die medizinischen Notfälle zu identifizieren. Bei 480 Menschen kann das gut drei Stunden dauern. Wenn es einem Patienten zu schlecht für die Weiterreise geht, koordinieren wir eine Evakuation per Helikopter. Als Teamleiterin bin ich zusätzlich für alle externen und internen medizinischen Berichte verantwortlich. In enger Zusammenarbeit mit meinem Einsatzleiter organisiere ich die Rettungen und stelle die nötigen Kontakte mit anderen Organisationen und den italienischen Behörde her, um die Übergabe der Menschen zu koordinieren.

Antonia Zamp - Krankenschwester auf einem Rettunggschiff für Flüchtlinge

WOMAN: Es muss extrem belastend sein, ständig unter Strom zu stehen und mit all dem Leid konfrontiert zu werden... Woher nimmst du die Kraft für deine Arbeit?
Antonia Zemp: Ja, es ist belastend. Aber all die wunderbaren menschlichen Momente mit unseren Patienten aber auch mit meinen Teamkollegen, die ich während meinen Einsätzen so oft erlebe, machen mich auch wahnsinnig optimistisch. Das Gefühl, Leben zu retten oder auch „nur“ für einen kurzen Moment das Leben eines Menschen ein wenig besser zu machen, das gibt mir viel Kraft.

WOMAN: Du bist eine junge, hübsche Frau. Gab es Momente, in denen du dir den nötigen Respekt erkämpfen musstest? Sowohl von deinen Kollegen als auch von den Flüchtlingen?
Antonia Zemp: Ja, das kommt leider vor. Ich denke, das hat fast jede Frau schon einmal erlebt, egal wo und wann. Dies kommt auch zuhause vor.

WOMAN: Wie gehst du dann vor?
Antonia Zemp: Wenn ich bei meiner Arbeit ein akutes Problem habe, frage ich mich: Was ist das Ziel in dieser Situation? Das ist eigentlich immer nur das Wohlergehen unserer Patienten. Ich suche dann einen Weg, um der Situation gerecht zu werden, auch, wenn das manchmal bedeutet, dass ich zurückstecken muss. Mit dem Ziel das Wohlergehen unserer Patienten zu verbessern, kann ich dies gut mit meinem weiblichen Ego vereinbaren. In Situationen, die nicht direkt die Patienten betreffen, gehe ich konfrontativer vor.

WOMAN: Wie erlebst du die Stimmung auf dem Rettungsschiff?
Antonia Zemp: Das ist von Rettung zu Rettung etwas verschieden. Es kommt auf den gesundheitlichen Zustand der Menschen an. Manchmal kommen die Menschen zwar erschöpft aber ruhig zu uns, manchmal völlig aufgewühlt und panisch. Am ersten Tag brauchen die Flüchtlinge viel Ruhe. Die meisten schlafen erst einmal. Falls wir zwei oder manchmal sogar drei Tage mit ihnen an Bord sind, kann man regelrecht zusehen, wie sie wieder stärker werden und Hoffnung schöpfen. Dann wird auch oft gesungen und geklatscht - ein unglaublicher „Gänsehautmoment".

Antonia Zamp - Krankenschwester auf einem Rettunggschiff für Flüchtlinge
»Die Tränen der Freude und Überwältigung sagten mir: "Du machst das Richtige!"«

WOMAN: Gab es einen bestimmten Moment, in dem du dir dachtest: "Ich weiß genau, warum ich hier bin!"
Antonia Zemp: Erst gestern gab es eine solche Situation: Ich durfte einem Vater mitteilen, dass sein Sohn sicher an Bord eines anderen Rettungsschiffes ist. Die Tränen der Freude und Überwältigung sagten mir: "Du machst das Richtige, hier und nirgendwo anders sollst du sein!"

WOMAN: Was erhoffen sich die Menschen, die bei euch am Schiff landen?
Antonia Zemp: Sicherheit. Das ist die größte Hoffnung und oft der Grund für die gefährliche Überfahrt. Nicht jeden Tag um sein Leben bangen zu müssen. Hoffnung auf eine neue Chance. Das sind existentielle Hoffnungen, welche die Menschen ihr Leben riskieren lassen. Diese Hoffnungen ändern sich nicht durch geschlossene Grenzen oder durch unwürdiges Empfangen unserer Mitmenschen. Die Menschen werden immer auf der Suche nach Sicherheit sein. Und das ist ihr Recht.

Antonia Zamp - Krankenschwester auf einem Rettunggschiff für Flüchtlinge

WOMAN: Was können wir von diesen Menschen, die ihr Leben riskieren und sich auf die Flucht begeben, lernen?
Antonia Zemp: Es ist enorm beeindruckend, wie stark diese Menschen sind. Sie haben bereits so viel durchgemacht und haben noch immer Träume und Wünsche. Außerdem ist die Unterstützung, welche sich die Menschen gegenseitig entgegenbringen, wunderschön mitanzusehen. Hier sind alle Brüder und Schwestern.

WOMAN: Gibt es Situationen, in denen auch du völlig verzweifelst?
Antonia Zemp: Natürlich gibt es Situationen, die mich an den Rand der Verzweiflung bringen. Das sind Notfallsituationen, in denen wir zum Beispiel Sauerstoff brauchen, aber kein Vorrat vorhanden ist oder der Stromgenerator für die Sauerstoffmaschine nicht anspringt. Wenn wir ganz genau wissen, was der Patient braucht, es aber nicht haben, weil wir an Orten arbeiten, wo medizinische Apparate oder Medikamente nur begrenzt vorhanden sind. Wenn ein Patient verlegt werden muss, die Ambulanz aber nicht losfahren kann, weil die Sicherheitslage zu riskant ist.

WOMAN: Was ist dein großer Wunsch?
Antonia Zemp: Solange es also keine sichere und legale Alternative zum lebensgefährlichen Fluchtweg über das Mittelmeer gibt, werden weiterhin tausende Menschen sinnlos ihr Leben verlieren. Unsere Grenzen töten, das können wir nicht verantworten. Dieses Elend muss sich jeder vor Augen halten. Wir brauchen eine Lösung, einen sicheren und legalen Fluchtweg.

WOMAN: Wann verzweifelst du?

Antonia Zemp: Ich möchte keiner Mutter mehr sagen müssen, dass ihre beiden Kinder bei der Rettungsaktion eines sinkenden Bootes ertrunken sind, so wie wir es Anfang dieses Monats machen mussten. Beim selben Unglück musste eine Frau zuschauen, wie ihre schwangere Schwester trotz unseren Wiederbelebungsmaßnahmen vor ihren Augen starb. Das will ich nie wieder erleben müssen.

WOMAN: Was kann jeder Einzelne tun?
Antonia Zemp: Jeder sollte diese flüchtenden Mitmenschen mit Würde empfangen. Sie haben sich ihre Situation nicht ausgesucht. Informieren wir uns über die Situation, sprechen wir über die Ungerechtigkeit, akzeptieren wir keine Mauern.

Antonia Zamp - Krankenschwester auf einem Rettunggschiff für Flüchtlinge

Auf der Seite von "Ärzte ohne Grenzen" findest du auch regelmäßig Blog-Einträge von Menschen, die direkt vor Ort beschreiben, wie die Situation ist. Hier zum Beispiel ein Eintrag von Antonia: Wenn Angst ein Gesicht wäre...

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