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Vom Arzt verbal belästigt: Eine Betroffene berichtet

Ein komischer Blick, eine Berührung an falscher Stelle, eine zweideutige Anmerkung: Missbrauch hat viele Gesichter und kann einem auch in ganz alltäglichen Situationen passieren. So auch beim Arztbesuch. Wir haben mit einer Betroffenen gesprochen und bei der Stellvertreterin der Wiener Pflege- und PatientInnenanwältInnen nachgefragt.

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© iStock

Wegen einer Behandlung ihrer Besenreiser ging Monika* zum Arzt. Der Zwischenfall in der Ordination sollte sie noch lange danach beschäftigen. Monika berichtet von ihrem Erlebnis: Anfangs sei alles noch normal verlaufen. Im Behandlungsraum wartet sie auf den Arzt. Er betritt den Raum und geht mit seiner Patientin das Datenblatt durch. Er fragt sie nach Allergien, chronischen Krankheiten und: "Sind Sie vergeben?" Monika stutzt, reagiert aber mit Humor: " Ja, lustig, dass sie mich das jetzt fragen, wir haben heute 16. Jahrestag." Darauf erwidert der Arzt: "Na, so lange habe ich es noch nie mit einer ausgehalten."

Sie beginnt sich unwohl zu fühlen. Während der Doktor ihr Bein für die Behandlung in der Hand hält, fordert er sie plötzlich auf, sich wie "Cleopatra vor Caesar hinzulegen", erzählt Monika. Als sie nur verdutzt reagiert, fragt er nach, ob sie die Geschichte nicht kenne. "Doch," sagt Monika. "Und deshalb fand ich die Aufforderung auch so unpassend."

Nur eine unangenehme Situation?

Sich wie Kleopatra vor Caesar zu legen: Das kann man durchaus als sexualisierten Witz auffassen. In der Legende rund um das römisch-ägyptische Liebespaar, soll Kleopatra ja leicht bekleidet und in einen Teppich gerollt, in Caesars Palast geschmuggelt worden sein. Dann wurde sie von dem römischen Herrscher "entrollt", um in einer recht lasziven Seitenlage vor ihm zu posieren.

Gewaltinfo, einer Initiative der österreichischen Regierung, definiert sexuellen Missbrauch so: "Sexualisierte Gewalt bzw. sexueller Missbrauch beschreibt verbale und körperliche Übergriffe mit Überschreitung der persönlichen sexuellen Integritätsgrenzen." Auch ein "sexualisierter Witz" fällt laut der Webseite unter diese Kategorie.

Viele Meinungen zu einem Thema

"Ich habe mich bei einem Arztbesuch noch nie so unwohl gefühlt", sagt Monika, die sich nach dem Zwischenfall ratsuchend an die Community einer Facebook-Gruppe wandte: "Die Diskussionen waren wirklich sehr spannend." Mit manchen Aussagen könne sie aber nicht viel anfangen. Zum Beispiel wenn es heißt "Hättest halt gleich etwas zu ihm gesagt": "Wie kann man der Geschädigten die Verantwortung dafür umhängen? Das kann nicht sein. Ich bin weder seine Mutter, noch seine Vorgesetzte und somit nicht für ihn verantwortlich. Er allerdings ist während einer Behandlung sehr wohl für mich und für mein Wohlbefinden zuständig."

Auch auf die Frage, warum sie ihn nicht gleich vor Ort "zur Schnecke" gemacht habe, findet Monika klare Worte: "Er hätte sich vermutlich gedacht, was für eine Gestörte und könnte genau so weitermachen wie bisher." Sie wandte sich also an die PatientInnenombudsstelle der Wiener Ärztekammer, machte Meldung über den Arzt: "Da geht’s auch viel um Verantwortung anderen gegenüber. Eine Meldung allein wird ihm nicht allzu viel schaden. Aber wenn das öfter vorkommt, dann schadet ihm das hoffentlich schon."

Was können Betroffene tun?

Auch an die Wiener Pflege-, Patientinnen- und Patientenanwaltschaft (WPPA) können sich Betroffene wenden. Hat die Tat eine strafrechtliche Dimension, etwa bei einer Vergewaltigung, dann unterstützt die WPPA die Opfer bei weiteren rechtlichen Schritten, so Helga Willinger.

Laut der Leiterin der WPPA laufe der Prozess ganz anders ab, wenn die Dimension rechtlich nicht "greifbar" ist. Das würde auch für den Fall Monika gelten: Die Betroffene könne eine Meldung machen. Dann fragt die PatientInnenanwaltschaft beim Arzt oder der Ärztin nach und bittet um eine Stellungnahme. Laut Willinger würden die ÄrztInnen aber oft ihr Vergehen nicht zugeben, was die Sache besonders schwierig macht: "Wir arbeiten in einem außergerichtlichen Bereich und hoffen immer, dass es zu einer Einigung kommt."

Auf jeden Fall würde die Abteilung die Fälle sammeln und dokumentieren, um wiederkehrende Namen filtern zu können. Außerdem empfiehlt Willinger, dass Betroffene sich Unterstützung bei Beratungsstellen (zum Beispiel dem Frauennotruf) holen. Solche Stellen würden auch Prozessbegleitungen anbieten, falls es zu gerichtlichen Schritten kommt.

»Ich habe kein Interesse, nochmal mit dem Arzt zu sprechen.«

Monika wartet noch auf eine Stellungnahme des Doktors. Sie habe den Ombudsmann gebeten, die Kommunikation für sie zu übernehmen: "Ich habe kein Interesse, nochmal mit dem Arzt zu sprechen." Und sie würde sich wünschen, dass jede und jeder sich mit solchen Vorfällen an eine offizielle Stelle wendet: "In den Kommentaren unter meinem Posting waren ganz schlimme Geschichten dabei, teilweise von Frauenärzten. Die können einfach so weiter machen, weil niemand sich traut das zu melden ..."

*Name von der Redaktion geändert.

Thema: Report