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Sänger Axel Bosse im Talk

Mit seinem fünften Album "Kraniche" füllt Axel Bosse in Deutschland Konzerthallen. In Österreich ist der sympathische Indie Rock-Sänger noch nicht so bekannt. Das soll sich bald ändern. Mit uns sprach der 33-jährige Deutsche über ein glückliches Leben, seinen plötzlichen Erfolg und erzählt, warum er nicht mehr über Liebeskummer singt.

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Sänger Axel Bosse im Talk

Axel Bosse will auch bei uns in Österreich durchstarten.

© Universal Music

Die Sonne scheint auf die Dachterrasse des 25hours Hotels im Wiener MuseumsQuartier. In T-Shirt und mit Sonnenbrille empfängt Axel Bosse den ganzen Nachmittag Journalisten, um über sein neues Album zu sprechen. Mit "Kraniche" ist er in Deutschland auf Platz 4 der Album-Charts eingestiegen. Dieser Erfolg ließ lange auf sich warten: Bereits seit neun Jahren ist er mit "Bosse" auf der Bühne – seinen Durchbruch schaffte er aber erst 2011 mit seinem vierten Album "Wartesaal". Nachdem Bosse mit seiner deutsch-türkischen Frau und ihrer gemeinsamen Tochter eine kurze Auszeit in Istanbul einlegte, ist er jetzt erfolgreicher denn je – aber auch gelassener.

WOMAN: Dein neues Album heißt "Kraniche" - was hat es mit dem Vogel auf sich?

Bosse: Ich versuche mit dem Albumtitel immer die Mitte des Albums zu finden. Und die trifft der Song "Kraniche" einfach am besten. Außerdem war ich eine Zeit lang in Japan und meine einzige Erinnerung, die ich mir mitgenommen habe, war ein Buch über Kraniche. In der japanischen Mythologie steht der Zugvogel für Langlebigkeit und Glück, das gefällt mir.

WOMAN: Was ist für dich denn ein glückliches Leben?

Bosse: Am wichtigsten sind mir meine Frau und meine Tochter. Ansonsten ist mir natürlich die Musik sehr wichtig. Ich habe es geliebt, von Stadt zu Stadt zu tingeln und aufzutreten. Dass ich jetzt davon auch noch leben kann, ist für mich Glück.

WOMAN: Im Lied "Kraniche" singst du "Es kommt sowieso alles an den Start, was kommen mag..." – bist du jemand, der ans Schicksal glaubt?

Bosse: Ich glaube ans Schicksal, aber ich denke, es ist immer besser, Dinge unverkrampft zu sehen. Dann kommt man auch schneller ans Ziel. Das Problem in der heutigen Gesellschaft ist, dass sich alle krampfhaft danach sehnen, glücklich zu sein. Dabei vergisst man die ganzen Momente, in denen man sich eigentlich ganz gut fühlt.

WOMAN: Du wirkst auch ziemlich gelassen. Warst du schon immer so entspannt?

Bosse: Nein, es war eigentlich immer das absolute Gegenteil. Ich war eher unzufrieden. Viele Leute denken, dass Musiker zu sein eine entspannte Sache ist, aber das hat viel mit Verantwortung und harter Arbeit zu tun.

WOMAN: Harte Arbeit, die sich jetzt belohnt macht. Bist du zufrieden mit deiner Karriere?

Bosse: Mittlerweile bin ich ganz zufrieden, aber es war ein langer Weg. Ich habe mit "Bosse" bestimmt schon über tausend Konzerte gespielt. Am Anfang auch nur vor 20 Leuten. Inzwischen spielen wir in Deutschland vor rund 4000 Leuten. Jeden Tag denke ich beim Aufwachen daran, wie toll das alles gerade ist. Trotzdem bin ich froh, dass es so langsam und gesund gewachsen ist – ohne, dass irgendjemand ausflippt.

WOMAN: Woran glaubst du liegt es denn, dass euer Erfolg erst jetzt kam?

Bosse: Ich glaube, das ist jetzt die Konsequenz davon, dass wir immer gerne live gespielt haben. Es hat uns sogar dann Spaß gemacht, wenn nur acht Leute vor der Bühne standen. Das dürfte sich rumgesprochen haben. Aber unsere Musik ist jetzt auch einfach besser.

WOMAN: Die aktuelle Single "Schönste Zeit" ist sehr emotional. Du singst auch von deiner ersten großen Liebe. Hast du ihr den Song gewidmet?

Bosse: Der Song ist über meine Pubertät, natürlich gehört auch die erste Liebe dazu. Für "Schönste Zeit" habe ich mich eine Woche lang mit meinem Klavier in einer alten Indie-Disko eingemietet, in der ich als Jugendlicher immer war.

WOMAN: Also geht’s gar nicht so sehr um die Liebe?

Bosse: In dem Fall geht’s eher darum, dass mir dieses ältere Mädchen, von dem ich singe, im Bezug auf viele Dinge die Augen geöffnet hat.

WOMAN: Weiß sie denn, dass du von ihr singst?

Bosse: Ja, die weiß das. Wir haben ab und zu Kontakt und sie hat sich darüber gefreut, dass sie jetzt in meinem Song vorkommt.

Unsere Nina im Talk mit Axel Bosse.

WOMAN: Ein weiteres Lied auf dem Album heißt "Sophie". War Sophie auch eine Liebe in deinem Leben?

Bosse: Nein, das war gar keine Liebe. Sophie war ein Mädchen, das ich gemeinsam mit meiner Band auf unserer Tour in der Schweiz kennenlernte. Wir haben uns unterhalten und irgendwann stellte sich heraus, dass sie eine komplette Lüge war. Das hat mich total fasziniert.

WOMAN: Sie hat dich also angelogen?

Bosse: Ja, sie hieß gar nicht Sophie und war auch nicht aus New York, wie sie es am Anfang erzählt hat. Ich fand total faszinierend, wie mich jemand so verarschen konnte. Ich wurde ein richtiger Fan von diesem Mädchen und deshalb schrieb ich ein Lied über sie.

WOMAN: Verarbeitest du auch Liebeskummer in deinen Liedern?

Bosse: Früher habe ich das oft gemacht. Manchmal muss man in solchen Gefühlen baden, dafür waren diese Jahre auch gut. Aber jetzt bin ich mit meiner Frau schon fast zehn Jahre glücklich verheiratet und wir haben eine süße Tochter.

WOMAN: Zehn Jahre ist eine ziemlich lange Zeit. Warum hast du dich denn in deine Frau verliebt?

Bosse: So genau kann ich das gar nicht sagen. Ich fand an ihr einfach alles gut: Jede Schwäche, alles Gute und alles Hübsche und auch das Hässliche. Das ist auch noch immer so.

WOMAN: Eine Zeit lang warst du mit deiner Frau und eurer Tochter in Istanbul und hast der Stadt sogar ein Lied gewidmet. Was hat dich daran fasziniert?

Bosse: Istanbul ist eine Stadt voller Adrenalin. Überall sind so viele junge Menschen. Dagegen ist Berlin eine kleine Maus mit Hut. Meine Frau ist Deutsch-Türkin und arbeitet dort als Schauspielerin. Damals hatte sie noch ein paar Drehtage in Istanbul, also haben wir den Versuch gewagt und sind für sechs Monate hingezogen.

WOMAN: Woher nimmst du deine Inspiration für neue Lieder?

Bosse: Das liegt alles immer direkt auf der Hand und auf der Straße. Man muss sich einfach nur umschauen. Es gibt jeden Tag genug, über das man schreiben könnte.

WOMAN: Und wenn es irgendwann nichts mehr gibt, worüber du einen Song schreiben könntest?

Bosse: Wenn das mit der Musik nicht mehr klappen sollte, würde ich wahrscheinlich ein kleines Lokal mit einer guten Küche aufmachen. Ich liebe frisches, gutes Essen. Dann würde ich mich in den Laden setzen und die Leute beobachten. Vielleicht würde mir dann auch wieder was einfallen, worüber ich schreiben könnte.