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Bachelor, Folge 1: "Bleib immer seriös!"

Der #Bachelor2017 ist auf RTL gestartet. Und wir haben für euch 1 Stunde und 33 Minuten lang dabei zugesehen, wie 22 Frauen aus einem Auto steigen.


Bachelor, Folge 1: "Bleib immer seriös!"

22 Frauen buhlen um einen Mann: Romantik nennt das RTL

© RTL

"Ene, mene, mu – und draus bist du. Draus bist du noch lange nicht, musst erst sagen, wie alt du bist."

Treffender als mit dem Kinder-Auszählreim kann man den Inhalt der ersten Folge von "Der Bachelor" 2017, dem romantischen RTL-Kuppelformat (oder, wie es manche nennen: dem Bootcamp fürs "Dschungelcamp 2018"), nicht beschreiben:

Sebastian: "Wie heißt du?"

Erika: "Erika."

Sebastian: "Wie alt bist du?"

Erika: "25."

Sebastian: "Cool."

Erika: "Ja."

Später wird "Der Bachelor" das so zusammenfassen: "Erika und ich hatten ein tolles Gespräch, ich möchte sie gerne noch besser kennenlernen."

Aber was man will man sich beschweren: An einem Abend, an dem US-Präsidentenekel Donald Trump in einem ersten Telefonat en passant den australischen Premier Turnbull beleidigt, Eisregen (fast ist man versucht zu sagen: gefühlskalter) über Österreich rieselt und ein Album von Florian Silbereisen tatsächlich auf Platz 1 der "Offiziellen Deutschen Album Charts" zischt, da ist einem eine großzügige Portion Eskapismus fast so viel wert wie ein gut eingeschenkter Amarula . Also eisern durchhalten, 93 Minuten Netto-Sendezeit, mit Werbepausen gedehnt auf zwei Stunden.

Realität im Reality-TV: Make Fake, Not Love

Der inoffizielle Hauptdarsteller: Eine Autotür. Die schafft es, sich am hartnäckigsten ins Bild zu drängen. 22 Mal klappert sie auf und zu, damit 22 Frauen mit ähnlich satsuma-esker Hautfarbe wie Donald Trump auf einen Typen zustöckeln dürfen, dessen Zähne strahlen wie ein Castor-Transport, dessen Allzeit-Flockigkeit in Müslikartons verkauft werden könnte und angesichts dessen sitzfester Frisur der Drei-Wetter-Taft-Erfinder freiwillig die Spraydose ins Ozonloch wirft.

Sebastian Pannek heißt die Lichtgestalt. "Ich bin Inhaber einer Werbeagentur," muckelt er steif herunter, zeigt gezählte sechs Mal seinen beachtlichen Oberkörper – und ist sonst irgendwie einfach nur nett. Nämlich nicht schmierig-BWLer-nett, sondern irgendwie sogar wirklich nett-nett und bereit, die zur Grundausstattung eines RTL-"Bachelors" gehörenden Sätze tapfer abzuspulen:

  • "Ich habe Vorfreude in mir."
  • "Die inneren Werte müssen stimmen."
  • "Ich suche eine Frau zum Verlieben."
  • "Ich will einen Blick hinter die Fassade werfen, gute Gespräche mit den Ladys führen. "
  • "Ich erwarte, dass die Frauen keine Maske tragen, so wie ich keine Maske trage."

Der Fassaden-Abriss, die Demaskierung! Ein textliches Glanzstück, gefischt aus dem Repertoire des Kleinkunstbühnen-oder-"Traumschiff"-Mummenschanzes, was RTL sofort mit einer gefinkelten Parallelmontage konterkariert: Während der "Bachelor" vor sich hin philosophierend durch seine Villa flaniert, machen die jungen Frauen hyperventilierend das, was hyperventilierende junge Frauen laut Drehbuch vor einem Date so machen: Sie kleistern sich noch mehr Make-up-Maske ins Gesicht. "Ich denke weniger an den Bachelor als an meine Locken," formuliert eine – und oh Wunder: man glaubt es ihr sogar.

Doch gerade wenn man glaubt, die gescriptete Banalität kaum mehr zu ertragen, patzt die fast schon anrührende Realität ins Reality-TV: Das Aufeinandertreffen des "Bachelors" mit seinen 22 Rosen-Barbies, das bietet keine raffinierten dramaturgischen Wendungen, da geschieht genau das, was bei allen Speed-Dates geschieht. Man hat einander schlichtweg nichts zu sagen.

Julia: "Wie alt bist du? Wo kommst du her?"

Sebastian: "30. Aus Köln."

Julia: "Cool."

Sebastian: "Und du?"

Julia: "21. Aus Nürnberg."

Sebastian: "Sehr cool."

Dieser ungelenke Dialog wiederholt sich, austauschbar sind nur Namen und Orte: Wolfsburg, München, Geislingen, Hamburg, Hannover, Auenwald, Clea-Lacy, Tina, Alesa, Fabienne, Evelyn, Kattia, Silvana, Sabrina, Viola, Caroline – man verliert recht schnell den Überblick, ist ja aber eigentlich auch egal. Am Ende bekommen ein paar ihre Rosen, raus sind Chloé, Evelyn, Lisa-Marie und Susanna.

DIE HIGHLIGHTS:

MEISTBESCHWORENER MANN: Nicht der "Bachelor", sondern ... Gott. "Oh mein Gott, mein Gott!", "Oh Gott, ist der hübsch!", "Oh Gott, oh Gott, der sieht gut aus!", "Oh mein Gott, der ist genau mein Typ!", "Oh Gott, ich habe eine Rose!", "Gott, oh Gott, oh Gott, oh Gott!" Irgendwann brabbelt eine: "Gott hat für alle einen Plan. Wenn es nicht meiner ist, dann ist es eben so." Eine Andere dürfte eher dem Hinduismus anhängen. "Karma is a bitch," bringt sie es auf den Punkt.

Jana will seriös bleiben

SCHON JETZT UNSER LIEBLING: Jana. In einem Kleidchen wie aus der KiK-Wühlkiste happelt sie die Stufen rauf und wiederholt dabei ihr Mantra: "Bleib seriös, Jana. Mein Vater hat gesagt: Bleib seriös. Männer mögen das. Ich bin seriös. Seriös. Immer seriös." Seriosität entspricht zwar nun nicht in erster Linie dem Daseins-Zweck einer "Bachelor"-Kandidatin, dramaturgisch gesehen ist die Verwendbarkeit dieser liebenswert Verhuschten aber klar. Sie bietet wunderbares Material für eine über die nächsten drei Folgen erzählte Erweckungsgeschichte, wenn man sie wie leckeres Krustentier erst aus ihrem Panzer pulen muss - ehe der "Bachelor" sie in einer "Nacht der Rosen" dann zurück ins kalifornische Brackwasser wirft.

UNSEREN HASS HAT SIE VERDIENT: Stewardess Julia. "Ich lieeeebe Fast Food, ich bin toooootaaaaal faul und mache keinen Sport." Kurz darauf präsentiert sie ihr statueskes Figürchen im Bikini und kichert hämisch: "Ich habe einfach diese Gene und diesen Körper, chi-chi-chi. Auch wenn mich jetzt alle dafür hassen." Kannse haben, kannse haben.

DIE FAVORITIN: Die weiße Rose und damit die "Carte Blanche", um Sebastian jederzeit zu einem Date zu bitten, ergattert eine gewisse Anna. Die Studentin aus Wolfsburg kichert vor allem nervös herum, was der "Bachelor" aber gönnerhaft derart auslegt: "Mit Anna, das war was besonderes. Ich möchte mehr von ihr erfahren."

BESTE AUFRISS-IDEE: Hat eindeutig Musical-Sängerin Julia (der zwei Andere frauensolidarisch den Stöckel ins Kreuz rammen, indem sie vorderrücks ihr Kleid loben und hinterrücks ordentlich Abspeck-Potential attestieren). Julia jedenfalls bringt Sebastian einen Apfel mit. "Weil du schöne Zähne hast und dich deshalb sicher gut ernährst." In unserer Tasche kugelt fortan ein Granny Smith.

SEMI-EROTISCHSTER DIALOG:

Alesa: "Und was hast du für Vorlieben?"

Sebastian: "Oft würde ich als Vorliebe bezeichnen."

BESTER WITZ: Wickelt sich zwischen dem chirurgisch optimierten Playboy-Bunny Fabienne und Teilzeit-Model Sebastian ab:

Fabienne: "Ich bin Kosmetikerin und model nebenbei."

Sebastian: "Echt? Ich model auch. Kommerziell. Klamotten und so."

Fabienne: "Warum hab ich dich dann noch nie gesehen?”

Das fragen wir uns auch. Ab jetzt weitere sieben Folgen lang. Immer Mittwochs, 20.15 Uhr, RTL.

Thema: Der Bachelor