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Der Bachelor: Es harmoniert auch mit der Zunge

Spannung kann man nicht kaufen. Aber man kann sie herbeiküssen. Auch wenn der Bachelor inzwischen manch spitze Zunge fürchten gelernt hat.

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Der Bachelor: Es harmoniert auch mit der Zunge
© RTL II

Folge 5 endet mit einer vernichtenden chefärztlichen Diagnose. „Das ist krank. Alles krank hier“, attestiert Christina, die Frau mit dem Drill-Sergeant-Appeal, die niemals irrt und niemals schweigt. Diesmal hat es ihr dann doch kurz die Rede verschlagen. Denn der Bachelor schickte sie ungeküsst nach Hause. Da rang die ehemalige Miss Norddeutschland nach Worten und Fassung. Leider kamen die Worte zuerst. Was zu unschönen Szenen führte. „Was’n Scheiß!“, tobte sie. Und drohte: „Der kann froh sein, dass ich nicht Iris bin und ihm eine geballert hab.“ Froh kann er sein. Echt.

Vorsichtig ausgedrückt: Die Erlebniswelten von Kandidatin Christina und Bachelor Andrej waren nicht deckungsgleich. Während sie schon die Hochzeitsglocken hörte, verging ihm Hören und Sehen bei ihrem Kasernenhof-Ton. Aus dem Zweier-Date machte sie eine Bedarfserhebung: „Was muss deine Frau mitbringen? Was möchtest du für eine Frau haben?“ Egal, was er darauf sagte – sie konterte zackig: „Haken!“ „Haken!“ „Haken!“ War eh längst jedem klar, dass das mit den beiden einen Haken hatte. Aber Christina meinte es anders. Sie hielt sich für jene Kandidatin, bei der Andrej sein Anforderungsprofil Punkt für Punkt als abgehakt betrachten durfte. Somit schien eine baldige Eheschließung unausweichlich. Zumindest aus Christinas Sicht. Sie: „Ich bin offen für alles!“ Er: Verschluckt sich vor lauter Schreck. Aber schon bei der Begrüßung hatten sich Abweichungen im Erregungsgrad gezeigt. Christina: „Gott, ich dreh durch! Mega-O-Gott!!!“ Andrej: „Sehr schönes Kleid.“

Hinterher schwärmte sie, dieses Einzeldate sei das Romantischste gewesen, was sie je erlebt habe. Er seufzte nur resignierend: „Wenn du ein Candlelightdinner am Strand hast und es dann nicht knistert ….“ Die Wahrnehmungsunterschiede könnten auch daran gelegen sein, dass Christina, 30, noch nie ein Dinner-Date am Strand hatte: „Bisher war’s immer nur so im Auto, Gummibärchen und so …“ – Danke, das wollen wir uns jetzt gar nicht vorstellen. Christinas Fazit: „Ich bin 30, und ich finde einfach keinen vernünftigen Mann.“ Absolut unerklärlich.

Übrigens: Ernestine ist auch rausgeflogen, machte aber kein Drama. Ebenso Cecilia. Doch die hatte ohnehin schon vorige Woche ihren Staffelhöhepunkt mit dem Stoßseufzer: „HIER WIRD MAN IRRE!“ – Ja, das könnte sein. Allerdings besteht der begründete Verdacht, dass das gar nicht mehr möglich ist, weil ohnehin alle längst irre sind, wenn sie hier freiwillig Freiwild spielen.

Ansonsten bewies die fünfte Folge: Angekündigte Sensationen finden nicht statt. Tagelang tönte die Programm-Promotion, dass Steffi und Andrej im selben Zimmer übernachten werden – was für anständige Quoten und unanständiges Kopfkino sorgen sollte. Es kam dann tatsächlich so, also das mit dem Im-Selben-Zimmer-Schlafen. Allerdings schliefen die Kameras draußen, und wer wegen Sex eingeschaltet hatte, hätte besser im Kopfkino bleiben sollen. Denn Steffi gab hinterher zu Protokoll: „Viel gesprochen, sonst nix. Ja, ok, geknutscht haben wir.“ Und Andrej: „Viel gesprochen, uns ausgetauscht, war schön.“

Großes Getöse, nichts dahinter – so kann man das Heißlufttheater am Strand von Los Cabos bisher generell zusammenfassen. Und das dürfte daran liegen, dass sich die neunte Staffel bereits bei der Vorstellungsrunde unabsichtlich selbst gespoilert hat. Es war der Moment in Folge eins, in dem Jenny sagte: „Küssen ist schon sehr wichtig.“ Nicht dass, sondern wie sie es gesagt hat, machte irgendwie alles klar. Ab da spürte man, wie das ausgehen wird.

Blöd nur, dass Jenny den Bachelor schon in Folge vier geküsst hat. Er: „Jetzt hab ich ´n Problem – du kannst auch noch gut küssen!“ In Wahrheit hatte er ein ganz anderes Problem: Dass nämlich vor ihm noch Hunderte Sendeminuten lagen, die gefüllt werden mussten, er aber bereits wusste, wen er wollte. Spannung kann man nicht kaufen. Aber man kann sie herbeiküssen: In Folge fünf küsst zur Abwechslung Steffi den Bachelor und schwärmt: „Er ist ein guter Küsser! Es harmoniert auch mit der Zunge.“ Er aber spricht mit anderer Zunge: „Dieser Kuss war nicht von Sekunde eins an harmonisch.“

Später hätte er gern Vanessa geküsst. Doch die lehnt dankend ab – unter Verweis auf Hemmungen und Hinterkopfkino („Weil ich im Hinterkopf hab, dass ich nicht die Einzige bin“). Er probiert es sogar mit der armseligsten aller Frauenversteherfloskeln: „Ich will nichts, was du nicht auch willst.“ Aber Vanessa weiß verlässlich, was sie nicht will. Also landet der Bachelor erst wieder mit Jenny hinter einem Busch und spielt den Scharfmacher: „Letzte Nacht der Rosen … ich hätte dich da so gern geküsst …“ Sie: „Ich dich auch … ich würd dich auch jetzt gern küssen.“ Ups, soooo scharf wollte er sie auch wieder nicht machen. Er zieht – mit Schulterblick auf das Gebüsch, hinter dem neun Frauen lauern – den Schwanz ein und flüstert Jenny zu: „Dann werd‘ ich noch verprügelt hier.“ Verprügelt? Das kann er haben. Christina hätte ihm unheimlich gern „eine geballert“. Sie begnügt sich dann aber mit verbalen Faustwatschen im Abgang. Jetzt ist sie weg. Und mit ihr der verlässliche Wortschwall, der nie versiegte. Ihre lockere, spitze Zunge wird uns fehlen.

Aber die sucht sich ja jetzt endlich einen vernünftigen Mann zum Küssen. Hoffentlich abseits der Kameras. Denn all das sieht besorgniserregend nach einem Recruiting fürs nächste Dschungelcamp aus.

WOMAN-Kolumnistin Birgit Braunrath.

Über die Autorin:

Birgit Braunrath ist Autorin und Kolumnistin. Für Woman schreibt sie gemeinsam mit ihrem Ex-Mann Guido Tartarotti die Scheidungskolumne "Glücklich geschieden". Ab 21. März 2019 treten die beiden damit in der Kulisse in Wien auf. Und ab sofort wird sie auf woman.at die neuen Folgen vom "Bachelor" kolumnistisch für euch verarbeiten. Darüber hinaus schreibt sie unter anderem im Kurier.

Thema: Der Bachelor