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Bachelorette, Folge 1: "Kollega is mega am Start!"

"Es ist wie im Krieg. Da darfst du nicht nachdenken," sagt einer. Ja, die Liebe ist ein K(r)ampf, zumindest, so wie sie bei der "Bachelorette" stattfindet.

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Bachelorette, Folge 1: "Kollega is mega am Start!"

Jessica Paszka: "Ich will hier die große Liebe finden." Eh klar.

© RTL / Arya Shirazi

"Und, freust du dich auf den Abend?" - "Muss werden."

Läuft mal wieder supergut bei der "Bachelorette", die marbellanische Luft hängt bereits zum Auftakt schwanger vor lauter Emotionen, Feelings und Gefühlen. Eine ganze Stunde lang pult sich ein Kandidat nach dem anderen aus der dunkelverglasten Limousine, stiert die Singlette so intensiv an, als wolle er allein Kraft seiner Gedanken ihren BH öffnen und hebt – als das nicht klappt - zumindest zum ersten ungelenken Bestammeln an. Das klingt dann ungefähr so:

"Es geht los." - "Bist du aufgeregt?" – "Ich bin so aufgeregt."

"Freust du dich?" - "Ja." - "Ich freu mich, dass du dich freust."

"Du hast schöne Augen." - "Du auch." – "Ja, also dann geh ich mal rein."

Es geht doch nicht über ein ergiebiges erstes Gespräch. Finden zumindest die angetretenen Fitnessboys.

Ghettofaust, Bäm! "Läuft!" versichern sie sich wechselseitig, nachdem sie ihren 10-Sekunden-Talk mit der "Bachelorette" abgedient haben, und: "Jetzt brauch' ich erst mal einen Drink!"

Boys Will Be Girls: Heuer ist bei der "Bachelorette" alles besser

Ein Jahr war Pause. "Die Bachelorette", RTLs minusfeministischer Gegenentwurf zum Erfolgsformat "Der Bachelor", quotenschwächelte gehörig. Wenig überraschend. Denn während beim "Bachelor" 20 Frauen bereits in den ersten zehn Minuten der Auftaktsendung das tun, was von ihnen verlangt wird (um den Mann buhlen und sich tüchtig anzicken), machen 20 in einer Villa kasernierte Männer bei der "Bachelorette" genau das, was sie sonst auch machen: Ihre Muskeln einölen. Den Sixpack kraulen. Ein Bier stechen. Schweigen.

Ein niedriger Sprachanteil mag bei den meisten Kandidaten zwar kein wirklicher Fehler sein, ist für den Zuseher aber leider auch nur mäßig entertaining.

Doch heuer ist alles anders. Heuer hat man beim RTL wirklich alle Register gezogen. Dabei ist nicht einmal die amtierende "Bachelorette" Jessica Paszka (Trash-Connaisseuren bereits aus "Bachelor" und "Promi BB" bekannt und vom Sender zwecks Quotenhebung als veritabler "Casting-Coup" präsentiert) das spannendste Personal dieser Staffel.

Das sind tatsächlich die vorverlesenen Gefährten, ausgerückt "die Eine" zu finden, zu knechten und ewig zu binden. Eine exquisite Mischung aus attraktiv erachtetem Mainstream plus einiger "bunter" Vögel.

Es gibt den Voll-Proll, den Romantiker, das Model, den Musiker, den Chirurgen, den Kreuzfahrtschiff-Entertainer und Feuerwehrmann. Sie tragen XXL-V-Ausschnitte, die viel zu genaue Einblicke auf epilierte Männerbrüste gewähren, lustige Hüte und Hosen aus der Kinderabteilung: So kurz und eng, dass es uns bereits beim Hinschauen das Blut abschnürt. Tätowierte Arme und Rücken, akkurat wie mit Tusche aufgemalte Pinselbärte, Boygroupfrisuren.

Es ist die Klassenfahrt des "McFit" Wanne-Eickel, das Treffen der anonymen Schlüpferstürmer. 20 Mal metrosexuelle Muskelmasse aus der Generation "Sag isch jetzt mal so". "Bei der "Bachelorette", das ist wie im Krieg. Da darfst du nicht nachdenken," meint einer.

Und wir, wir kommen aus dem Strahlen gar nicht mehr raus. So viele Hohlhippen auf einem Fleck, wir verneigen uns vor RTL.

Das sind sie. Und wir sind begeistert.

Da wäre etwa Michi, Model per selbstdefinitionem, der schönste Mann, den je ein Ed Hardy-Glitzershirt gesehen hat. Ist Single, weil er zu gut aussieht. Meint zumindest Michi. Und weiter: “Ich bin leider ziemlich oberflächlich. Gut aussehen muss sie.”

Während wir noch darüber nachdenken, ob dieser "Cääälvin Klein" eigentlich weiß, dass Michi schon mal für ihn die Unterhosen bemodelt haben will, taucht schon der nächste Spacken auf: Martin, Spitzname "Beton". Ein Gesicht wie ein Botox-Boy, ein Körper wie Hulk im Fleischanzug, ein Hirn wie ein Zwerghamster: "Ich bin Kundenberater, der Kunden berät." Freut sich vor allem auf ein super Zimmer mit super Kollegen. Einzige Sorge: "Dass man anfängt, sich so zu bekämpfen." Für alle, die Zweifel hegen, setzt er nach: "Sag ich jetzt mal auf Deutsch."

Nach und nach beweist jeder der gecasteten Balzstelzen auf seine Art und Weise eindrucksvoll, warum er Single ist.

Schlagzeuger David rülpst vor dem Treffen und stinkt dann nach Schinken. Sagt er.

Gesucht: Geile Kurven, schwacher Charakter

Für Mechaniker Arnold etwa ist es "die größte Herausforderung, hier zu kochen und Wäsche zu machen." Erledigt sonst nämlich seine Mutter für ihn, bei der er mit 24 immer noch im Kinderzimmer wohnt. Jetzt sucht er eine Frau, die ähnliche Qualitäten aufweisen kann. Vielleicht steht die Bacheloretteuse ja im Durchguck-Dingelchen und auf Heels am Bügelbrett, wünschen ist erlaubt, man darf im Fernsehen ja nach den Sternen greifen.

Überhaupt, weibliche Qualitäten. Da hat die Herrenrunde ein ziemlich klares Bild. Marco, amtierender Mr. Rheinland-Pfalz und vermutlich Letzter beim Buchstabier-Wettbewerb der 1. Klasse Grundschule Koblenz, formuliert das zusammenfassend: "“Optisch wie'n Model, Charakter von 'ner Dicken.”

Klare Ansage. Geile Hupen, lange Haxen, das Selbstbewusstsein möglichst im Keller. Eigentlich wäre jetzt eine Runde #Aufstehn angesagt... Nur leider wärmt unser Sitzhintern gerade so bequem im Ohrensessel.

Auch als Manuel, Beauty-Chirurg in spe, den anderen Typen bescheinigt, dass die "Bachelorette" eine "tolle Frau" ist und das sogar kristallklar argumentiert ("Ich meine: Habt ihr die schon mal von HINTEN angeschaut?!") ist unsere Birne und damit der Empörungswille längst so weich sediert wie die Fülle eines Oreo-Keks.

Den Rest der zwei Stunden wird wie immer reichlich Wein "(Bachelorette") und Bier (Spackomaten) geext. Irgendwie muss ja der Pegel gehalten, müssen die Stumpf-Konversationen ertragen werden und die Lügen glaubhaft klingen. In biero liegt tatsächlich ein wenig veritas – und nur dann passiert auch was.

Das wussten schon die alten Römer und weiß das RTL, weshalb die Kandidaten permanent bis unter die Baseball-Käppi und zur Verhaltensauffälligkeit abgefüllt werden müssen. Schornsteinfeger Alex nimmt das Angebot dankbar an und charmierlt die "Bachelorette" unter Bewunderung der restlichen Dating-Tölpel ("Kollega is mega am Start") hackedicht: "KURVEN sind ja das moderne Wort für FETT. Aber du bist nicht fett, du bist GEIL." Die schaut zwar reichlich irritiert, drückt ihm aber statt dem verdienten Tritt in die slim-fit eingeschnürten Weichteile am Ende eine Rose in die Hand.

Welche Fragen übrig blieben:

1

GIBT ES EINEN MANN UNTER DEN MEMMEN? Ja. Den da oben. Sebastian, der riesenhafte Bruder von Lionel Messi, der Mann mit dem schönsten Fluff-Haar von hier bis Darmstadt. Allein dafür schon jetzt unser Staffel-Liebling. Sebastian spielt Basketball: Eine Frisur, als hätte er 73 Stunden in einem Windkanal verbracht. Sebastian kommt aus der Dusche: Die Frise sitzt. Sebastian schwingt die Hantel: Geiles Haupthaar. Sebastian muss nichts sagen. Nur mit seiner Hand das Haar von links nach rechts und von rechts nach links... Herrgottchen. Wo ist die Zeitlupen-Funktion, wenn man sie braucht?

2

WER IST RAUS? Völlig unerheblich, aber falls es euch wirklich interessieren sollte: Philosophiestudent Julian, mit dem auch eine gehörige Portion Tiefgang flöten geht: “Ich sag mal so, die Augen sind der Spiegel der Seele." Julez, der bisexuelle Blogger, der sich selbst als "Mr. Christian Grey" bezeichnet und dabei ein wenig gruselig grinst. Ist das Wahnsinn, oder kann das weg? Kann weg. Genau wie Alexandre. Der nach dem Weisel aber trotzdem keine Taschentücher in der Limousine knetet. Er “lernt genügend Frauen auf diesem Niveau kennen”. Na bitte.

3

GIBT ES LIEBE AUF DEN ERSTEN BLICK? Gibt es, gibt es. Die Villa, in der die Bingo-Boys in den nächsten Wochen einquartiert sind löst weit mehr Begeisterung aus als das erste Aufeinandertreffen mit der "Bachelorette". "Gib dir die Fjuh, Alter, was für eine Fjuh!" quiekt einer und meint damit vermutlich die Aussicht. "Voll dekadent!" und "Leckomat, ich scheiß mich an!" bejubeln andere. Für Domenico hat dieser Funkenschlag nachhaltigen Impact: “Ich werde jahrelang zurückblicken und schöne Gedanken darüber haben.”

Besser könnten wir die erste Folge der "Bachelorette 2017" auch nicht zusammenfassen.