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In Österreich wird "Beihilfe zum Suizid" erlaubt: Das sind die Reaktionen

Der Verfassungsgerichtshof hat entschieden: Mit 1. Jänner 2022 wird das Verbot von Beihilfe zum Suizid aufgehoben. Wir haben zwei Frauen um ihre Einschätzung gebeten und erste Reaktionen eingefangen.

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In Österreich wird "Beihilfe zum Suizid" erlaubt: Das sind die Reaktionen
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Das Verbot der Sterbehilfe in Österreich wurde in den letzten Wochen und Monaten kontrovers diskutiert. Am Freitag dann die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs: Mit 1. Jänner 2022 soll die "Beihilfe zum Suizid" erlaubt werden. Das Verbot verstoße gegen das Recht auf Selbstbestimmung, das "sowohl das Recht auf die Gestaltung des Lebens als auch das Recht auf ein menschenwürdiges Sterben" umfasse, so die Richterinnen und Richter. "Das Recht auf freie Selbstbestimmung umfasst auch das Recht des Sterbewilligen, die Hilfe eines dazu bereiten Dritten in Anspruch zu nehmen", heißt es. Tötung auf Verlangen bleibt dagegen weiterhin strafbar.

"Tötung auf Verlangen" und "Beihilfe zum Suizid": Wo liegt der Unterschied?

Grundsätzlich werden vier Formen der Sterbehilfe unterschieden:
Passive Sterbehilfe: Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen unter Beibehaltung einer Grundpflege und schmerzlindernder Behandlung. Patientenverfügung: Der Patient oder die Patientin lehnt lebenserhaltende Maßnahmen ab (in Österreich nicht strafbar).
Indirekte Sterbehilfe: Schmerzlindernde Behandlung unter Inkaufnahme eines eventuell nicht beabsichtigten Lebensverkürzungsrisikos (in Österreich nicht strafbar).
Beihilfe zum Suizid: Hilfeleistung zur Selbsttötung, beispielsweise durch Beschaffung oder Bereitstellung des tödlichen Mittels. Die letzte Handlung liegt bei den Betroffenen selbst (ab 1. 1. 2022 in Österreich erlaubt).
Aktive (oder direkte) Sterbehilfe: Absichtliche und aktive Beschleunigung oder Herbeiführung des Todeseintritts durch Verabreichung eines tödlichen Mittels. Die Tötung wird auf Wunsch des Sterbewilligen durchgeführt. Dies ist beispielsweise in den Beneluxstaaten erlaubt.

Regierung gefragt

Wie eine Beihilfe zum Suizid genau vonstatten gehen darf, muss aber erst geklärt werden. Die österreichische Regierung hat nun bis zum 1. Januar 2022 Zeit, die Sterbehilfe in Österreich gesetzlich zu regeln. "Wir werden auch weiterhin dafür sorgen, dass niemand den Wert seines Lebens infrage stellen muss. Daher müssen wir nun prüfen, welche gesetzlichen Schutzmaßnahmen notwendig sind", so Verfassungsministerin Karoline Edtstadler von der ÖVP. Der Verfassungsgerichtshof sieht nämlich durchaus die Gefahr, dass die Entscheidung zur Selbsttötung durch soziale und ökonomische Umstände beeinflusst sein kann – zum Beispiel den Angehörigen nicht mehr zur Last zu fallen. Auch die Ärztekammer zeigte sich diesbezüglich besorgt.

Erste Reaktionen

Die Österreichische Gesellschaft für ein humanes Lebensende (ÖGHL) sprach angesichts des Urteils am Freitag von einem historischen Durchbruch. Österreich ziehe damit im internationalen Vergleich nach. Die katholische Kirche zeigte sich dagegen bestürzt: "Die selbstverständliche Solidarität mit Hilfesuchenden in unserer Gesellschaft wird durch dieses Urteil grundlegend verändert", so Franz Lackner, Erzbischof in Salzburg. Die Beihilfe zum Suizid könne Druck auf alte und kranke Menschen ausüben, gab der Erzbischof zu bedenken.

Das Wissen um eine mögliche Beihilfe zum Suizid ermögliche den Betroffenen noch viele weitere Jahre. So verweist Christine Druml, Leiterin der Bioethikkommission am Freitag in der ZIB2 auf eine Multiple Sklerose-Patientin: "Durch eine derartige Entscheidungsmöglichkeit können Lebensmonate, vielleicht sogar Jahre gewonnen werden. Wenn die Menschen in diesen Momenten am Steuer sitzen können, dann ist die Notwendigkeit, eine solche Entscheidung treffen zu müssen, gar nicht mehr gegeben", so die Expertin. Ziel der Regierung müsse es aber sein, Suizid-Prävention zu betreiben.

AnhängerInnen der Hospizbewegung kritisch

Palliativmedizinerinnen und -mediziner zeigen sich jedoch skeptisch: "Meine Befürchtung ist, dass hier Menschen diese Möglichkeit in Anspruch nehmen könnten, die mit einer entsprechenden palliativmedizinischen Betreuung, noch eine gute Zeit bei guter Lebensqualität haben könnten", so David Fuchs vom Ordensklinikum Linz in der ZIB1 am Samstag

Rechtsanwältin Carmen Thornton: "Die Entscheidung kam nicht überraschend"

"Nach Ansicht des Höchstgerichtes umfasst das Recht auf selbstbestimmtes Sterben auch die Freiheit, sich das Leben zu nehmen und dafür einen Dritten um Hilfe zu bitten. Daher ist es nicht zulässig, Sterbehilfe ausnahmslos unter allen Umständen zu verbieten." Wirklich überraschend sei diese Entscheidung im Übrigen nicht, so die Rechtsanwältin. "Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat schon vor Jahren klargestellt, dass das Recht des Einzelnen, selbst darüber zu entscheiden, wie er sein Leben beenden möchte, zwar eingeschränkt, aber nicht vollständig außer Kraft gesetzt werden darf. Und Anfang dieses Jahres hat auch der deutsche Bundesverfassungsgerichtshof das Verbot der Sterbehilfe teilweise gekippt."

"Aus meiner Sicht ist es daher nun wichtig, die Gesetzgebung nicht zu überstürzen, verschiedenen Interessengruppen die Zeit und die Möglichkeit zur Stellungnahme zu geben, um die Vorgaben des VfGH bestmöglich umzusetzen", so die Rechtsanwältin. Das sei wichtig, damit effektive Strategien und Prozesse entwickelt werden können, um Missbrauch zu verhindern und Betroffenen ein menschenwürdiges und vor allem selbstbestimmtes Lebensende zu ermöglichen.

Eine Betroffene erzählt

Theresia W. hat vor 8 Jahren ihre Schwester verloren – sie starb an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Die 78-Jährige hätte sich die Regelung schon damals gewünscht: "Meine Schwester war bereits im Hospiz, aber die Palliativmediziner entließen sie schließlich nach Hause, um dort zu sterben. Sie gaben ihr nur noch wenige Tage. Im Endeffekt lebte sie noch weitere vier Wochen unter starken Schmerzen", so Theresia W. Auch die stärksten Medikamente hätten ihrer Schwester, die bei vollem Bewusstsein war, nicht mehr geholfen. "Ihre Pflegerin traute sich nicht, ihr mehr Schmerzmittel zu verabreichen. Ich denke, sie hätte sich sehr gewünscht, nicht mehr leiden zu müssen", fährt die 78-Jährige fort. "Gerade bei älteren Menschen, muss es zu 100 Prozent klar sein, dass sie selbst sterben wollen und es keine Chance mehr gibt. Die Ärzte müssen genau darüber aufklären", gibt Theresia W. zu bedenken.

»Wem gehört unser Leben? Darf ein Mensch entscheiden, wie er sterben will? Ist das unsere letzte Freiheit? Sind wir das Maß aller Dinge?«

Film-Tipp: "Gott" von Ferdinand von Schirach

Im Theaterstück von Ferdinand von Schirach wird über die heikle Frage " Darf ein Mensch selbst entscheiden, wann er sterben will?" diskutiert. Protagonist Richard Gärtner (78) will seit dem Tod seiner Frau nicht mehr weiterleben. Nun stellt er einer Ehtikkommission mit Personen aus den Bereichen Medizin, Recht, Ethik, Politik, Kirche und Teilen der Gesellschaft diese Frage. Ergänzt wird der Band um Essays von namhaften Wissenschaftlern, die das Thema der ärztlichen Suizidbegleitung beleuchten.

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Das Stück wurde auch verfilmt: Lars Eidinger spielt den Rechtsanwalt von Richard Gärtner und bringt die Kommission in Erklärungsnöte. "Wir leben ja in einem Zustand, in dem wir eigentlich nicht wissen, was das Leben ist -und was der Tod ist. Ich glaube, das Dasein ist ein Abarbeiten an diesem Zustand", sagte der Schauspieler im WOMAN-Interview vor einigen Wochen. Der ORF hat die Ausstrahlung von "Gott" vom 23. November auf einen unbestimmten Termin verschoben.