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Benjamin Piwko: Er tanzt, ohne zu hören!

Er gilt als einer der Favoriten der RTL-Tanzshow "Let's Dance". Und das, obwohl Kampfsportler und Schauspieler Benjamin Piwko seit Kindesalter gehörlos ist. Mit seiner Teilnahme will er vor allem eines erreichen: bewusst machen, dass es nicht viel braucht, damit sich Menschen mit Handicap angenommen fühlen. Wir trafen den 39-Jährigen in Köln.

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Benjamin Piwko: Er tanzt, ohne zu hören!
© RTL / TVNOW / Stefan Gregorowius

MMC Studios Köln, Freitag, 18 Uhr. Noch zwei Stunden und 15 Minuten, bevor die Live- Sendung "Let 's Dance" startet. Pressebetreuerin Mandy Berghoff führt uns zu den Garderoben der Promi-Teilnehmer. Die Sendersprecherin ist seit der ersten Staffel 2006 dabei, elf weitere Shows wurden in der Zwischenzeit produziert. "Überschaubar, wer vom Team aus der Anfangszeit übrig geblieben ist", sagt sie, während wir die schmalen Gänge des Backstage-Bereichs entlanggehen. Juror Joachim Llambi etwa. Genauso wie Profi-Tänzerin Isabel Edvardsson, die nur in der letzten Staffel eine Baby-Pause eingelegt hat. Heuer ist sie mit Kampfsportler und Schauspieler Benjamin Piwko am Start. Bislang überzeugte der 39-Jährige mit seiner Performance bei jeder Sendung -Publikum und Jury. Seine gewinnende Art tut das Übrige, um als einer der Favoriten gehandelt zu werden. Die besonderen Voraussetzungen, unter denen er antritt, beeindrucken ebenfalls: Im Alter von acht Monaten wurde er durch eine Virusinfektion gehörlos. Mit ihm sind wir an diesem Abend zum Interview verabredet.

Neben den Türen zu den einzelnen Räumen hängen Bilder der jeweiligen Teilnehmer. Designerin Barbara Becker etwa posiert da in einem roten Kleid. Ihre Garderobe befindet sich gegenüber der von Benjamin. Auf seinem Bild sieht man den Hamburger, wie er im Ausfallschritt, ebenfalls im roten Outfit, ein Tuch schwingt. Sein Manager Binh Nguyen wartet in dem sehr aufgeräumten Zimmer bereits auf uns. Ein Fernseher steht auf einem kleinen, weißen Unterschrank. Er ist eingeschaltet und zeigt Live-Bilder aus dem Ballroom. Es werden noch Kabel verlegt, das Inventar richtig positioniert und die Choreos perfektioniert. Benjamin hat die Generalprobe bereits hinter sich gebracht. "Ich schau mal nach ihm. Wie ich ihn kenne, bleibt er sonst beim Buffet hängen", lacht Nguyen, der mit Anfang des Jahres Piwkos Management übernommen hat. "Macht es euch währenddessen bequem." Er deutet auf das kleine Sofa, das gegenüber vom Fernseher steht. Die Stimmung ist freundschaftlich und locker.

"Ich will nicht, dass es heißt: Der Arme!"

Ein paar Minuten später kehrt Nguyen mit Benjamin zurück. Marcel, der Dolmetscher, ist auch dabei, er soll bei unserem Gespräch übersetzen. Es zeigt sich aber relativ schnell, dass er während des Interviews eher als eine Art mentaler Beistand für Benjamin und mich fungiert -wir verstehen uns auch ohne seine Hilfe ganz gut: Der Kampfsportler kann Lippen lesen und hat als Kind Reden gelernt. Es ist beeindruckend, wie er die Wörter ausspricht, ohne sie zu hören. "Durch die Schwingungen am Kehlkopf meiner Lehrerin habe ich gespürt, wie sich bestimmte Laute anfühlen", erklärt er. "Das war keine leichte Zeit. Sie war sehr streng mit mir." Mit 14 lernte er außerdem Gebärdensprache. Die, wie er findet, an Schulen als Pflichtfach eingeführt werden sollte. "Untertitel sollten ebenfalls ganz selbstverständlich überall eingeblendet werden, was auch Migranten helfen würde, sich die neue Sprache besser anzueignen. Und vor allem: Es tut niemandem weh. Die Politik könnte uns vieles einfacher machen."


Das ist sein großes Anliegen bei "Let 's Dance": die Menschen aufmerksam zu machen. "Ich will nicht, dass es heißt: Der Arme! Ich möchte zeigen, dass Leute wie ich keine Sonderbehandlung, dafür Verständnis, Entgegenkommen und manchmal ein wenig Unterstützung brauchen. Es gibt immer einen Weg, aber es ist schöner, wenn man ihn gemeinsam geht und sich gegenseitig unterstützt." Aus der Garderobe von Barbara Becker kommt Musik: "Talkin' 'bout a Revolution" von Tracy Chapman. Eine Gruppe von Leuten singt den Refrain extrem laut mit. Wir lachen, Benjamin weiß nicht, warum. Der Dolmetscher erklärt es ihm. Momente wie diese frustrieren ihn manchmal. "Da fühle ich mich oft ausgeschlossen, weil ich vieles einfach nicht mitbekomme." Und wieder stellt sich die Frage: Wie schafft er es, im Takt zu tanzen, wenn er keinen einzigen Ton wahrnimmt? "Hartes Training", lautet seine Antwort. Nachsatz: "Na ja, so hart ist es eigentlich auch nicht. Ich mache oft Pausen."

"Meine Mutter war meine beste Freundin"

Mit seiner Situation zu hadern, liegt ihm nicht. "Man sollte mit dem, was man hat, zufrieden sein. Das Leben ist ein Geschenk." Der Tod seiner Mutter vor vier Jahren hat für ihn vieles relativiert. "Sie war eine starke Frau, meine beste Freundin und hat mir so wahnsinnig viel ermöglicht, mir Mut, Toleranz und Gelassenheit mit auf den Weg gegeben. Sie hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, miteinander zu reden und zu fragen, was für den anderen okay ist. Natürlich haben wir auch oft gestritten und waren genervt voneinander. Das gehört dazu. Es war sehr schwer für mich, sie zu verlieren." Und dennoch - wieder spürt man seinen ungebrochenen Optimismus: "Es ist wichtig, zu trauern, aber gleichzeitig muss man nach vorn schauen. Es ist nun einmal so, dass wir alle einmal gehen müssen. Wenn sie mir sehr fehlt, denke ich an die schönen Zeiten, die wir miteinander hatten. Und glaube fest daran, dass sie überall dort ist, wo ich auch bin."

"Waas? Dort willst du mitmachen!?"

In etwa eineinhalb Stunden beginnt die Show. Benjamin und Show-Partnerin Isabel haben eine Rumba zu "Shallow" einstudiert. "Mitten im Lied stoppt die Musik. Man hört nichts mehr, aber wir tanzen weiter Das ist meine Welt, und ich möchte, dass sie die Leute da draußen verstehen lernen." Später im Saal werden 850 Leute den Atem anhalten, während Benjamin und Isabel in der Stille ihre Choreografie vorführen. Mit im Publikum: die Mutter seines besten Freundes Sascha, der vor sechs Jahren an Krebs verstorben ist. Während der Show kommunizieren die beiden Tanzpartner immer wieder über Gebärden miteinander. "Sie ist eine wichtige Bezugsperson für mich", erzählt er. "Vor allem, seit meine Mama nicht mehr ist " Die, ist er sich sicher, wäre sehr stolz auf ihn. "Meine Mutter wollte ja immer, dass ich als Kind zum Ballettunterricht gehe. Ich hab mich dagegen gewehrt. Später wollte meine Frau Victoria einen Tanzkurs mit mir besuchen. Auch das habe ich abgelehnt. Dann habe ich die Anfrage von ,Let 's Dance' bekommen. Als ich meiner Frau gesagt habe, dass ich gerne mitmachen würde, hat sie fassungslos gesagt:,Waaaas? Dort willst du mitmachen, aber mit mir wolltest du keinen Kurs belegen!?'"

Benjamin hat Victoria vor fünf Jahren in einem Fitnessstudio in Amerika, seiner zweiten Heimat, kennengelernt. Er pendelt regelmäßig zwischen Hamburg und New Orleans. Es war Liebe auf den ersten Blick zwischen seiner Frau und ihm, erzählt er. Dafür braucht es keine Worte. Mittlerweile haben die beiden ihren ganz eigenen Mix aus Deutsch, Englisch und Gebärden gefunden. "Victoria arbeitet hart daran, damit unsere Kommunikation noch besser wird. Das schätze ich sehr an ihr. Auch, dass sie offenherzig ist, jeden Spaß mit mir mitmacht und dass sie immer wieder den Mut findet, anderen auch mal die Meinung zu sagen." Und was sind eigentlich seine Stärken? "Dass ich keine Angst vor Veränderung habe, dass ich Menschen ganz gut miteinander verbinden kann. Und ich kann echt gut kochen. Am besten wahrscheinlich Pasta mit Shrimps in Weißweinsahnesoße."

"Ich könnte stundenlang dasitzen und ihr zusehen."

Das "Hamburger Abendblatt" titelte über ihn: "Der Mann, der mit den Augen hört". Was denn das Schönste war, das er bislang gesehen hat, wollen wir wissen. "Die Natur", sagt er. "Ich könnte stundenlang dasitzen und nichts anderes tun, als ihr zuzusehen. Ich würde so gerne wissen, wie sich Regen anhört, der Wind in den Bäumen oder das Zwitschern der Vögel." Noch knapp 45 Minuten bis zu seinem Auftritt, bei dem er einmal mehr signalisieren wird: Alles ist möglich, wenn man nur wirklich will.

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