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Beruf: Hure! Geht das? – der neue Skandal-
film von Regisseurin Sabine Derflinger

„Tag und Nacht“ – In ihrem neuen Skandalfilm wirft Sabine Derflinger die Frage auf: Kann Prostitution ein „ganz normaler“ Beruf sein? Bei ihren Recherchen traf sie überraschend viele Frauen, die es versucht hatten. WOMAN sprach mit der Welser Regisseurin.


Beruf: Hure! Geht das? – der neue Skandal-
film von Regisseurin Sabine Derflinger
© Bettina Frenzel

WOMAN: Man hat Sie von der Brustkrebs-Dokumentation „Eine von 8“ noch gut in Erinnerung. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Film über Prostitution zu machen? Was hat Sie an dem Thema gereizt – oder gab es ein auslösendes Ereignis?

Derflinger: Der Stoff wurde mir von der Kamerafrau des Films, Eva Testor, angeboten. Ich hab mich ja schon lange mit Prostitution beschäftigt, immer wieder, aus den verschiedensten Gründen.

WOMAN: Welchen Gründen zum Beispiel?

Derflinger: Weil es ein Frauenthema ist und viel mit Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen zu tun hat. Weil es ein Tabuthema ist, zu dem Frauen, wenn sie nicht dort arbeiten, keinen Zugriff haben. Man weiß ja nichts.

WOMAN: Es ist interessant, dieses Milieu einmal so ungeschminkt zu sehen. Wie haben Sie sich da eingearbeitet?

Derflinger: Ich habe schon davor Bücher zu dem Thema gelesen, Dokumentarfilme miteinander verglichen, untersucht: Gibt es Dinge, die sich da durchziehen? Aber erst, als der Film auf mich zukam, begann ich zu recherchieren.

WOMAN: Wie kam Ihre Kamerafrau auf das Thema?

Derflinger: Es ist eine wahre Geschichte, das haben zwei Frauen halt gemacht. Das machen Frauen immer wieder. Darüber redet man halt nicht... doch als ich begonnen habe, an diesem Film zu arbeiten, haben mir einige Frauen erzählt, dass sie das ausprobiert haben.

WOMAN: Für Frauen ist Sex für Geld also durchaus vorstellbarer als es scheint?

Derflinger: Es gibt Frauen, für die würde es nie in Frage kommen, es wäre unvorstellbar für sie. Und es gibt Frauen, die es entweder schon gemacht haben oder sagen: Wow, super, das möcht ich auch einmal ausprobieren, erzähl, wie ist das... Es gibt da oft den Wunsch nach einer Grenzüberschreitung, wahrscheinlich auch, ein Geheimnis zu erkennen. Und dann denk ich doch, solange die Frau so aufgeteilt ist in Mutter und Hure, ist halt ein Teil von ihr in diesem Berufsspektrum abgedeckt. Und Geld gibt’s auch.

WOMAN: Wie standen die Frauen, die es Ihnen erzählten, dazu?

Derflinger: Es gab welche, die sagten, es ist gut verdientes Geld und andere, die sagten, sie möchten es nie wieder machen. Manche haben es bereut, manche haben gemeint, na gut, es ist halt Teil von meinem Leben. Es war ganz verschieden.

WOMAN: Mir hat gut gefallen, dass es in Ihrem Film weder einen lasziven Touch gibt noch das absolute Schicksalsdrama. Die einfachen, alltäglichen Situationen waren umso beklemmender...

Derflinger: Es waren eben zwei Studentinnen. Und das war ja auch der Zugang. Ich wollte wissen: Was passiert, wenn man das völlig freiwillig macht, ohne Druck, ohne Menschenhandel, ohne dass man es aus Geldnot tun müsste... einfach als Beruf – was passiert da? Mich hat die Entmystifizierung interessiert. Die Mystifizierung geht mir so wahnsinnig auf den Geist, die natürlich von den vielen Männern, die Kino machen, ausgeht.

WOMAN: Kommt das häufig vor, dass sich junge Frauen so ihr Studium verdienen?

Derflinger: Ja... viele sind auf mich zugekommen und haben es mir erzählt. Dann kriegt man es natürlich auch mit, wenn man im Internet Studentenforen anschaut, dann gibt es Escort-Services, die Studentinnen engagieren. Dabei ist ja nicht so ein wahnsinnig gutes Geschäft, wenn man nicht auf einem sehr hochpreisigen Niveau arbeitet. Bei der Sexualität ist es am Markt so wie am Lebensmittelmarkt. Da geht auch der Hofer besser wie der Interspar.

WOMAN: Lea und Hanna geben sich am Anfang cool nach dem Motto „Wenn schon schlechter Sex, dann lassen wir uns dafür bezahlen“ und können mit die Freier und ihre beiden Identitäten ganz gut handeln. Doch das kippt zusehends. Wieso? Es passiert ja nichts furchtbar Schlimmes.

Derflinger: Ich persönlich glaub, dass man dem Geschäft nicht gewinnt. Natürlich kassiert die Frau das Geld, aber anschaffen tut der, der zahlt.

WOMAN: Und dann wird zwischendurch auch einmal etwas passieren, was einem nicht gefällt.

Derflinger: Ja, und man muss auch überlegen: Ist das ein Beruf wie jeder andere? Einerseits ist er das – er ist ja auch eine Art Sozialarbeit –, andererseits wieder nicht. Dieser Beruf ist wahnsinnig intim und es ist eine Illusion zu glauben, dass man sich mit einem Menschen ausschließlich sexuell austauschen kann, ein Irrglaube sowohl der Freier als auch der Prostituierten. Selbst wenn alles abverhandelt ist und man weiß, das dauert jetzt eine Stunde und es wird das und das passieren... es sind einfach zwei Menschen. Und deshalb gerät es wahrscheinlich für jede Frau, die diesen Beruf ausübt, irgendwann einmal aus dem Ruder und es passieren Dinge, die nicht geplant waren.

WOMAN: Auffällig ist das Zerbröseln der Parallelwelten. Hanna hat zum Beispiel anfangs keine Probleme damit, sich in ihren Studienkollegen zu verlieben und fast wie Teenager herumzuknutschen und kurz darauf Sexspielchen mit einem Kunden zu haben. Doch auf Dauer scheinen sich die Frauen doch zu „beschmutzt“ zu fühlen, um diese beiden Leben wirklich zu trennen...

Derflinger: Ja, man ist ja nicht frei von der Gesellschaft, in der man lebt. Natürlich ist Hure ein Schimpfwort und man kann nicht auf eine Party gehen und sagen: „Ich bin eine Prostituierte.“ Nur weil ein paar Pornos im Internet stehen, ist ja die Gesellschaft nicht frei.
Das ist ja nicht nur bei der Prostitution so. Frauen, die mit vielen Männern schlafen, sollten das am besten für sich behalten. Denn eine Frau verliert, wenn sie viel Sex hat, ein Mann gewinnt. Also, dass eine Frau sagt: „Ich hab schon 35 Lover gehabt“ und alle Männer sagen: „Pfau, die ist toll, die möchten wir auch erobern“ – das hab ich noch selten gehört.

WOMAN: Wie die Männer gezeigt werden, mit Bauch, Hüftspeck, hängenden Genitalien – und doch so sehr der ganz normale Mann von nebenan – mich hat es noch tagelang gebeutelt, wenn mir auf der Straße ein kreuzbraver Normalo entgegenkam, der mich an die Männer aus dem Film erinnerte. Sind es ihrer Meinung nach viele Männer, die so ein doppeltes Gesicht haben – schneller Sex mit Nutten, dann heim und braver Familienvater sein?

Derflinger: Natürlich, wie viele Männer das tun, das glaubt man ja gar nicht. Das ist eine Schattenwelt. Wenn man so einen Film macht, dann erzählen einem die Männer natürlich über ihr Liebesleben.

WOMAN: Für die Schauspieler muss es auch eine Überwindung sein, so etwas zu spielen.

Derflinger: Die Schauspieler waren wirklich mutig. Für die Männerfiguren war es besonders schwer – Frauen werden im Kino ja oft aufgefordert, sich auszuziehen, die haben oft den Konkurrenzdruck, sich über ihren Körper auszudrücken. Männer nicht. Es war auch eine Herausforderung, der Figur ein Gesicht zu geben, obwohl die Freier ja immer nur in einer Szene auftauchen und dann wieder verschwinden.

WOMAN: Und die Frauen?

Derflinger: Wenn man Schauspieler ist, spielt man ja oft etwas Arges. Aber der Reiz ist ja, etwas zu spielen, das man nicht leben würde. Etwas zu verstehen, das man sonst nicht verstehen würde. Im Falle der Prostitution eben, sich einer Welt zu nähern, die man sonst nicht sehen kann – ohne dass man die Arbeit wirklich machen muss. Es war ein langer Prozess, wir haben uns kennen gelernt, geredet, besuchten Escort-Services und Swingerclubs, wir haben uns gemeinsam auf den Film vorbereitet. Ich musste mich besonders vorbereiten, denn ich bin ein sehr schüchterner Mensch.

WOMAN: Muss man in den Swingerclubs nicht mitmachen, nackt sein?

Derflinger: In Berlin gibt es Clubs, wo man etwas anhaben kann … also, ich hab mich nicht ausgezogen.

WOMAN: Manche Szenen gehen sehr ins Pornographische. Wie kann man sich als Frau da überwinden?

Derflinger: Es ist für beide arg, wenn Menschen sich körperlich so nahe kommen. Aber zuerst waren ja nur Frauen da, die zwei Mädels, die Kamerafrau und ich. Wir haben uns ein Hotelzimmer genommen und miteinander gespielt, im Gewand. Dan, kamen die Schauspieler, aber mit denen war die Rolle auch besprochen. Dann hat man noch mal geredet und dann gab’s wieder so ein „Trockentraining“ – ausgezogen war man erst beim Drehen. Natürlich wollten wir keinen Film drehen, bei dem man so tut, als würde da eh nix passieren. Es gibt schon genug Filme über Prostitution, wo man nichts sieht, bei denen man sich denkt: Na, ist eh nicht so tragisch.

WOMAN: Wie ist die Stimmung nach so einer Szene? Lacht man da eher oder ist man da sehr professionell?

Derflinger: Sexszenen sind sehr anstrengend zu drehen, danach ist man nur fertig.. Man hat ein Bett, das verwurstelt sich dauernd, man probt angezogen und wenn man sich auszieht, passiert dauernd etwas, das man nicht bedacht hat. Man legt auch manchmal einen Polster dazwischen, weil man macht ja nur das, was sein muss – das man das alles gut hinkriegt, ist schwer. Würde man die ganze Zeit realen Sex haben, wär’s noch einfacher... Da gab’s schon Tage, an denen ich mir gedacht hab: Warum kann ich nicht einfach drehen, wie zwei Leute Spaghetti essen? Man hat auch überhaupt kein Interesse an Sex mehr, es ist so, als ob man in einer Mannerwafferlfabrik arbeiten würde und keine Lust mehr auf Schokolade hat. Da braucht man lang, bis man da wieder daran denkt. Das war für die Mädels auch nicht so leicht.

WOMAN: Was sagen denn da die Partner dazu?

Derflinger: Die haben den Film ja noch nicht gesehen, das wird erst schwierig, wenn er ins Kino kommt. Aber das ist immer die Frage bei der Schauspielerei: Wer vertragt was wie? Wie reagieren Eltern? Wie reagieren Verwandte? Auch mir geht es nicht anders. Wenn mich meine Leute daheim in Oberösterreich so fragen, was ich gemacht hab, dann sag ich: Na, kommt’s halt und schaut’s einmal (lacht) . Einerseits ist das Thema tabuisiert, andererseits findet es eben statt. Ich hab kürzlich im Internet recherchiert, da wetten junge Frauen, wer mehr Männer ins Bett kriegt, da kann man live die Wetten anschauen.

WOMAN: Ein interessanter Aspekt war auch: Sowohl Lea als auch Hanna erleben mit Kunden ab und zu Orgasmen, obwohl sie das für tabu halten. Lea verknallt sich sogar ein bisschen und Hanna mag einen Kunden zumindest gern. Das kommt also vor?

Derflinger: Solche Sachen hab ich mich vorher auch immer gefragt, aber jetzt denk ich mir, warum nicht? Nur weil wer Geld auf den Tisch legt, nur weil die Machtverhältnisse geklärt sind, heißt das ja nicht, dass manche Dinge bei der Sexualität nicht gleich bleiben.

WOMAN: War das Milieu so, wie Sie sich das vorgestellt hatten oder doch anders?

Derflinger: Wir haben ja nur einen Teil des Milieus erfasst. Da gibt’s ja alles von ganz elitär bis ganz tief. Unseres ist ja irgendwie Wienerisch, da hat mir die Idee des Kleinunternehmertums gefallen, das wir ja sonst auch haben. Nein, es war genauso, wie ich es mir gedacht habe. Dass es ohne eine gewisse Brutalität nicht geht in dem Milieu und alles andere ist eine Lüge.

WOMAN: Meinen Sie, dass es für Prostituierte den totalen Ausstieg gibt? Oder bleiben Sie für Ihr Leben Gezeichnete?

Derflinger: Nein, ich kenne ja Frauen, die ein ganz normales Leben führen, natürlich kann man später etwas ganz anderes tun. Sicher hinterlässt alles, was man im Leben tut, irgendwelche Abdrücke, Eindrücke, aber eben alles! Es kommt auch drauf an, was hat man da erlebt, mit wem hatte man da Sex, wo hatte man da Sex, wie weit war man zu dem Zeitpunkt entwickelt, wie war man selbst drauf... Aber dass man einmal für Geld Sex nimmt, dass man dann beschmutzt ist, das ist ja Topfen.

WOMAN: Ich hätte das aber als junges Mädchen geglaubt...

Derflinger: Weil das ein Schutzmechanismus ist, weil das halt in der Gesellschaft verpönt ist. Aber es gibt ja auch Frauen, die nehmen einen Pelzmantel für Sex.

WOMAN: Aber es gibt ja jetzt auch zunehmend Männer, die Frauen bei Escort-Services mieten können...

Derflinger: Ja natürlich, es ändert sich schon etwas. Wenn Frauen die Möglichkeit haben, für Sex zu bezahlen, werden sie’s auch tun. Aber es wird immer eine gewisse Schwierigkeit für den geben, der für Sex bezahlt wird.

MEHR über den neuen Film von Sabine Derflinger erfahren Sie in WOMAN 19/2010!

Interview: Barbara Poche