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Quality Time zählt: Darum sollten berufstätige Eltern aufhören, ein schlechtes Gewissen zu haben

Nicht die Menge der Zeit zählt, sondern die Qualität der Beschäftigung mit dem Kind. Wir haben eine Expertin gefragt, wie man den Familienalltag meistert.

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Quality Time zählt: Darum sollten berufstätige Eltern aufhören, ein schlechtes Gewissen zu haben

Die Vereinbarkeit von Familie & Beruf wird immer mehr zur Herausforderung.

© iStock

Letzte Woche wurde in Wien eine Lebensqualitätsstudie vorgestellt, die eine deutliche Tendenz zeigt: Ein Viertel der Wiener Eltern gab an, dass die Berufstätigkeit das Familienleben sehr häufig oder sogar immer beeinträchtigt. Und das obwohl die Stadt Wien unter allen Bundesländern die höchste Betreuungsquote bei den Kindern unter drei Jahren aufweist. Die Eltern wünschten sich vor allem Flexibilität – bei der Arbeit und in der Betreuung.

Verbringe ich genug Zeit mit meinem Kind?

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war schon immer eine Herausforderung für Eltern. "Sie stehen vor der Herausforderung, Job und Familie unter einen Hut zu bekommen und bringen Zeit häufig durch Verzicht und Prioritätenmanagement auf", so die diplomierte Sozialpädagogin Eva Pamminger. Das Stichwort lautet: Quality Time – dem Kind die volle Aufmerksamkeit schenken, auch, wenn es nur wenige Stunden am Tag sind.

»Unter Quality Time, Qualitätszeit, verstehen wir die Art und Weise wie wir Zeit miteinander verbringen, welche relevanter ist als die Dauer.«

WOMAN: Wie können Eltern am besten Qualitätszeit mit ihrem Kind verbringen?
Pamminger: Häufig kommt es zu Missinterpretationen des Begriffes - es geht hierbei nicht um von der Unterhaltungsindustrie gehypte, kostspielige Unternehmungen und nicht um Getriebensein von Aktionshunger. Erlebnisse solcher Art erzeugen bei Kindern Überforderung, die sie in ihrem Verhalten zeigen. Vielmehr handelt es sich um Zeit exklusiver Aufmerksamkeit, ganz bei dem Kind zu sein, sogenannte Momente der Achtsamkeit.

In dieser Zeit geht es um die eigene Präsenz, im Hier und Jetzt zu sein und dem Kind ein Gegenüber zu bieten. Gedanklich gleichermaßen wie mit dem Herzen dabei zu sein, feinfühlig zu reagieren und berührt zu sein. Durch das Sein als Vorbild Werte und Regeln zu vermitteln. Dem Kind Beziehung anzubieten, ihm zu begegnen und damit das Grundbedürfnis, gesehen zu werden, in jedem Kind, zu stillen. Ihr/ihm zuhören und es mit allen Sinnen wahrzunehmen. Liebe zur eigenen Familie leben. Gemeinsame Zeit entspannt miteinander zu verbringen, tut nicht nur den Kindern gut, sondern auch den Eltern.

WOMAN: Vollzeit berufstätige Eltern haben naturgemäß weniger Zeit für ihr Kind. Wirkt sich das auf die Entwicklung der Eltern-Kind-Beziehung aus?
Pamminger: Das Thema Zeit ist ein sensibles Thema. Zeit spielt immerhin in vielen Beziehungen eine Rolle, ob wir uns nahe fühlen oder uns auseinanderleben. Wie wir wissen, wirkt sich eine enge und unterstützende Beziehung positiv auf die Entwicklung des Kindes aus.

Kinder verbringen Zeit auch außerhalb der Herkunftsfamilie mit pädagogischem Personal, wodurch deren Selbstständigkeit gefördert wird. Gleichzeitig stehen gerade in den ersten Lebensjahren rasche Entwicklungen an der Tagesordnung, die man als Eltern gerne miterleben würde. Überzogene Erwartungen an sich selbst als Elternteil lösen ungesunden Stress aus. Oftmals geplagt von einem schlechten Gewissen tendieren manche Eltern dazu, ihre Abwesenheit mit tollen Unternehmungen an den Wochenenden ausgleichen zu wollen. Das ist nicht notwendig, denn selbst den normalen Alltag mit Pflichten miteinander zu verbringen, vermittelt dem Kind ein Gefühl der Nähe.

WOMAN: Wie können Eltern im Alltag mehr Quality Time mit ihrem Kind verbringen?
Pamminger: Qualitätszeit ist wichtig und wird oft ganz unbewusst bei täglichen Ritualen wie dem gemeinsamen Spielen, Vorlesen einer Gute-Nacht-Geschichte oder gar beim Haarewaschen im Tagesablauf integriert. Machen doch die alltäglichen Dinge einen Großteil der Kindheit aus, Rituale und Routinen geben zusätzlich Sicherheit. Gutes Zeitmanagement ist bestimmt hilfreich. Auch einmal das Handy Handy sein zu lassen und die Erreichbarkeit wie zu Zeiten des Festnetztelefons zu Hause zu lassen.

WOMAN: Was sagen Studien?
Pamminger: Zwei amerikanische Wissenschaftlerinnen, eine davon ist Aletha Huston, fanden Folgendes anhand ihrer Studien heraus: Nicht die Menge der Zeit mit den Kindern sei entscheidend für eine gute Entwicklung, sondern die Qualität der Beschäftigung mit dem Kind. Die Charakterzüge der Mutter, deren Einstellung, Zeiteinteilung, erzieherisches Verhalten und die familiären Umstände seien ausschlaggebende Faktoren für positive Mutter-Kind-Beziehungen“. Gleiches gilt bestimmt auch für die väterliche Beziehung.

WOMAN: Was kann man noch tun, um mehr Balance zu finden?
Pamminger: Für alle berufstätigen Eltern ist es wichtig, eine Balance zwischen Arbeit und Lebenszeit zu finden. Schauen Sie auf sich und ihr Wohlbefinden! Wenn es Ihnen gut geht, können Sie die Anforderungen des Elternseins meisten. Um eine gesunde Work-Life Balance zu erreichen, kann eine Psychotherapie hilfreich sein.

Thema: Eltern
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