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Dating nach der Corona-Krise: Beziehungs-ExpertInnen erklären, was sich verändern wird

Unser Leben hat sich verändert und damit auch unser Dating-Verhalten. Wir haben Beziehungscoaches & Psychotherapeuten gefragt: Wie steht es mir der Partnersuche?

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Erste Tinder-Dates per Telefon, Dating dank Gummiball und heimliche Verabredungen trotz Social-Distancing: Der Mensch ist ein kreativer Zeitgenosse, der sich seine Normalität nur schwer aus der Hand nehmen lässt. Schlupflöcher werden automatisch gefunden und ausgenutzt, damit man noch irgendwie das Gefühl hat, alles unter Kontrolle zu haben.

Langsam wird es Zeit, etwas Grundlegendes zu akzeptieren: Unser Leben hat sich durch die Corona-Krise maßgeblich verändert und wird ziemlich wahrscheinlich nie mehr ganz so werden wie zuvor. Doch das ist kein Grund, in Panik auszubrechen. Denn es kann auch eine Möglichkeit sein, neue Wege einzuschlagen. Vor allem, was das Dating-Leben anbelangt merken Singles, dass plötzlich ganz andere Wünsche & Hoffnungen im Vordergrund stehen.

Wir haben mit Beziehungs-ExpertInnen über die Veränderungen der Partnersuche gesprochen. Außerdem geben sie einen Ausblick auf das Dating-Leben nach der Corona-Krise.

»Singles merken gerade, wie es sich anfühlt wirklich alleine zu sein.«

Christian Beer MSc, Psychotherapeut & Coach, "Wiener Couch"
"Wir werden weiterhin daten, denn unser biologisches System ist für die Fortpflanzung ausgelegt. Dafür haben wir drei Untersysteme: das Bindungssystem, die Sexualität und die romantische Liebe. Viele seriösen Dating-Apps oder -Anwendungen versuchen Gemeinsamkeiten zu erkennen. Um mit jemandem zusammenzukommen, der oder die denselben sozialen Status, dieselben Werte, Hobbys, Interessen usw. hat. Bei Apps wie Tinder, zählt vor allem der erste Eindruck – das Foto meines Gegenübers. Und in Zeiten, wo der soziale Kontakt Mangelware ist, kann es passieren, dass die Person seine eigenen Wünsche und Hoffnungen auf das eine Foto projiziert.

Was vielleicht durch das Social-Distancing passieren wird, ist eine Werteverschiebung. Singles merken gerade noch stärker, wie es sich anfühlt unfreiwillig und permanent alleine zu sein. Natürlich kennen sie das von anderen Situationen wie Weihnachten oder dem Geburtstag. Doch bei jenen sozialen Events, konnten sie häufig noch selbst entscheiden, ob sie allein oder mit anderen sein wollten. Jetzt gibt es keine Entscheidungsmöglichkeit. Der Mensch ist aber ein soziales Wesen und viele Alleinlebende werden jetzt umso mehr das tiefe Bedürfnis spüren, neben Sexualität und romantischer Liebe, sich zu binden.

Ich merke jetzt schon bei meinen Psychotherapien, dass sich viele Singles gerade bewusst werden, wie einsam sie wirklich sind. Und deshalb wird es in und nach der Krise sicherlich zu einer aktiveren Partnersuche kommen."

»Das Virus erzwingt körperliche Distanz und schafft damit gleichzeitig das Bedürfnis für mehr Nähe und Geborgenheit.«

Dominik Borde, MSc, Beziehungscoach, "Sozialdynamik"
"Die Corona Krise zwingt uns dazu, unsere Online-Kommunikation zu verbessern und lehrt uns wie wir trotz Social-Distancing Intimität und Nähe aufbauen können. Ohne die Möglichkeit persönlicher Treffen lernen wir wieder, mehr Emotionen in unserer Online-Kommunikation zu transportieren. Nachrichten werden bewusster und mit mehr persönlichen Details geschrieben, Videotelefonie, um einander in die Augen blicken zu können, bekommt einen höheren Stellenwert. Wir sind öfter persönlich erreichbar und wertschätzen die Zeit des Gegenübers durch höhere Aufmerksamkeit. Nicht die Technik, sondern die Veränderung sozialer Umgangsformen macht den Unterschied.

Die Krise ist eine Gelegenheit, die Hingabe an den Augenblick zu erlernen, mehr im Hier und Jetzt zu sein, mit dem, was man gerade erlebt und tut. Das vertieft unsere menschliche Erfahrung und lässt uns das Leben bewusster und mit mehr Neugier und Aufmerksamkeit genießen. Wir bemerken, wie wichtig uns sozialer Kontakt ist und welch hohen Stellenwert physische Berührungen haben. Das Virus erzwingt körperliche Distanz und schafft damit gleichzeitig das Bedürfnis für mehr Nähe und Geborgenheit. Wir unterhalten uns online über Persönliches mit Fremden, die wir sonst nicht kennengelernt hätten, rücken emotional enger zusammen und führen bewusstere Gespräche.

Menschen, die bislang weniger affin waren das Internet für Kennenlernen und Flirten zu nutzen, lernen nun damit umzugehen und werden nach der Krise auch vermehrt online sein. Zudem ist die Krise eine Chance, eine gemeinsame Paar-Geschichte entstehen zu lassen, da mehr Zeit vergeht, bis es zu einem Date im realen Leben kommt. Klassische Tinder-Dates bei denen es in der Regel recht schnell zu sexuellem Kontakt kommt, sind oft bloß eine versteckte Ersatzhandlung für das, was wir Menschen uns in unseren Beziehungen am meisten wünschen: Vertrauen, Intimität und echte Nähe, dafür braucht es Zeit und die haben wir jetzt."

»Viele planen ihren Neuanfang nach Corona.«

Mag. Petra Fürst, Beziehungscoach, "Liebestipps"
"Online-Dating boomt, nicht nur seit Corona, es ist im Moment für Singles auch die einzige Möglichkeit, potentielle PartnerInnen kennenzulernen und zu flirten. Nach Corona wird wieder Normalität einkehren, aber vieles wird sich verändert haben. Wir sind es bereits gewohnt, online zu lernen, online zu arbeiten und online zu kommunizieren. Die meisten werden nach der langen Dating-Abstinenz jede Möglichkeit nutzen um wieder Kontakt zu Menschen zu haben. Durch Corona wurde vielen bewusst, dass sie alleine sind und einen Partner oder eine Partnerin vermissen. Viele reflektieren jetzt über ihr Leben und planen ihren Neuanfang nach Corona.

Es wird eine gute Zeit für Singles kommen: Sie werden weiterhin vermehrt durch Online-Dating Kontakt aufnehmen und es wird schneller zu Treffen kommen. Corona hat uns die Augen geöffnet und wir haben die Wichtigkeit von Beziehungen wieder erkannt. Viele eingefleischte Langzeitsingles, Frauen sowie Männer, werden ihre Liebe suchen. Singles, die früher davon genervt waren, beim Ausgehen Menschen kennenzulernen, können es jetzt kaum erwarten mit dem Cocktail in der Hand Augenkontakt zu dem sexy Single an der Bar aufzunehmen. Man will sich sehen, hören und berühren, mehr als je zuvor."

» Die Welt wird auch im Beziehungsgeschehen noch virtueller werden.«

DDDr. Karl Isak, Psychotherapeut, "Beziehungsglück"
"Beziehung ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wir sind nicht zur Einsamkeit geboren. Die Begründung finden wir in der Existenzsicherung der menschlichen Spezies. Auch wenn Fortpflanzung rational nicht immer im Vordergrund steht, so ist im kollektiven Gedächtnis der Wunsch nach partnerschaftlicher Beziehung gespeichert. Das kann auch ein Virus nicht verhindern.

Deshalb spielt in „Corona-Zeiten“ das Internet eine wichtige Rolle. Die einen suchen ein sexuelles Abenteuer, die anderen eine Beziehung – beides muss erst gefunden werden und wenn möglich, mit gleichlautenden Interessen. Dazu ein aktuelles Beispiel: Eine meiner Klientinnen, die 27-jährige Daria (Namen geändert), will die für sie als extrem empfundenen Einschränkungen durch eine Intensivierung ihrer virtuellen Partnersuche entgegenwirken und ihre Bemühungen sind gleich mehrfach erfolgreich. Ihr Favorit will trotz der verordneten Einschränkungen gleich ein Date. „Es war ihm egal, ob ich zu einer Risikogruppe gehöre oder mit solchen in Kontakt stehe. Offenbar wollte er nur Sex“, meinte Daria sichtlich enttäuscht in unserer Skype-Therapiestunde. Dennoch wird sie nicht aufgeben und verbringt in ihrer Einsamkeit viel Zeit in Datingportalen.

Singles leiden unter dem Social Distancing und so wird die virtuelle Suche zumindest zu einem Ersatz, der später oder unter Umgehung der Regeln auch jetzt schon zu persönlichen Kontakten führt. In allen Branchen setzen die Anbieter auf Online-Tools, die Partnervermittler waren und sind hier Vorreiter. Die wenigen Anbieter, die den persönlichen Kontakt bevorzugten, müssen nun wohl auch die Alternative Online ins Auge fassen. Die Welt wird auch im Beziehungsgeschehen noch virtueller werden."

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