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Sind wir alle beziehungsunfähig? Und können wir das ändern?

Werden wir wirklich immer beziehungsunfähiger? Nein, ist Stefanie Stahl, Expertin für Bindungsangst, sicher. Jede und jeder kann in einer Beziehung glücklich werden, wenn dabei eines gelingt: die Balance zwischen Anpassung und Selbstbehauptung. Was zu tun ist? Ganz einfach, oder?

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Beziehungsunfähig?
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Generation beziehungsunfähig, Zeitalter der Narzissten und Selbstdarstellerinnen - Egomanie, wohin das Auge blickt. Wer soll da noch Beziehung können? Halb so wild, meint die Psychotherapeutin Stefanie Stahl. Und macht ihre Überzeugung, dass längst nicht alles so krass ist, wie oft dargestellt, in ihrem neuen Buch dingfest. "Jeder ist beziehungsfähig" heißt es entsprechend und zeigt den goldenen Weg zwischen Freiheit und Nähe. Rund 40 Prozent haben den aufgrund guter kindlicher Prägungen drauf, die restlichen 60 Prozent haben Bindungsängste, weil sie kein Gleichgewicht zwischen den Polen Bedürfnis nach Beziehung und Bedürfnis nach Autonomie finden.

Dabei unterscheidet man zwischen passiv Bindungsgestörten, die wie verrückt klammern, und aktiv Bindungsgestörten, die in den Distanzmodus verfallen, sobald sie den anderen "sicher haben". Grundsätzlich haben alle Menschen das Potenzial, mit einem anderen glücklich zu werden. Sie müssen sich nur eines bewusst machen, nämlich ihr in der Kindheit installiertes Liebesprogramm, bei dem es meist an einem hapert: dem Selbstwertgefühl.

»Verlustangst täuscht Verliebtheit vor.«

WOMAN: Was sind untrügliche Anzeichen dafür, dass man selber oder der Partner beziehungsängstlich ist?
STAHL: Typische Anzeichen sind mündliche Warnungen wie "Ich benötige viel persönlichen Freiraum" oder "Ich liebe dich, aber ich bin noch nicht so weit." Die Aussagen Bindungsängstlicher sind von vielen Widersprüchen gekennzeichnet, von vielen "Ja, aber". Weitere Anzeichen sind krasse Wechsel zwischen Nähe und Distanz in der Beziehung. Immer dann, wenn es besonders schön war, erfolgt eine Distanzierung. Nach der leidenschaftlichen Nacht ist leider keine Zeit mehr fürs Frühstück, man taucht erst einmal wieder ab. Die Bindungsängstlichen plagen nach einer Phase der Verliebtheit starke Zweifel, ob der Partner überhaupt der/die Richtige ist. Sie entlieben sich oft recht schnell. Aufseiten des anderen besteht ein chronisches Gefühl der Unsicherheit und starke Verlustangst und Eifersucht.

WOMAN: Dann klammert er umso mehr?
STAHL: Ja, denn sein in der Kindheit angelegtes Bindungssystem ist aktiviert, er will die Zielperson unbedingt an sich binden. Das fühlt sich wie die größte Verliebtheit an. Dabei ist es nur Verlustangst, die so befeuernd auf die Leidenschaft wirkt. Wenn der Partner ambivalente Signale aussendet und man sich seiner nicht sicher fühlt, bleibt das Bindungssystem angeworfen, die Betroffenen meinen, es handle sich um die einmalig große Liebe.

WOMAN: Bis man irgendwann aufwacht. Oder ist es sinnvoll, abzuwarten, bis der bindungsängstliche Partner sich doch an die Zweisamkeit gewöhnt?
STAHL: Normalerweise nicht. Klammern und Hinterherlaufen bewirken eigentlich immer das Gegenteil des gewünschten Effekts: Der Bindungsängstliche fühlt sich noch mehr eingeengt und abgetörnt. Das ist ein Teufelskreis. Viele Menschen, insbesondere Frauen, meinen ja oft, sie könnten ihren Partner heilen und erlösen. Das funktioniert aber nicht, weil der Bindungsängstliche, übrigens genau wie sein(e) Partner/in, im falschen Film festhängt. Beide müssen ihre Projektionen auflösen. Die passiven Partner machen sich viel zu abhängig, und die Bindungsängstlichen wähnen ihre Rettung in der Unabhängigkeit.

WOMAN: Wie wäre die Situation zum Vergleich bei Beziehungsfähigen?
STAHL: Da verwandelt sich die Verliebtheit irgendwann in Liebe. Man hat das innere Gefühl: Ich kann frei sein und in einer Beziehung. Während Menschen, die Probleme haben, meinen: Ich bin frei oder in Beziehung.

WOMAN: Worauf kommt es denn überhaupt an, damit die Liebe gelingen kann?
STAHL: Die Partner müssen sich auf Augenhöhe begegnen und sowohl kompromissfähig als auch durchsetzungsfähig sein. Es geht um ein Auspendeln der eigenen Wünsche und jener des anderen. Menschen, die Probleme in Beziehungen haben, sind entweder zu konfliktscheu oder zu stur und eigensinnig. Die richtige Balance zu finden zwischen Bindung und Autonomie bedeutet, die Fähigkeiten, die ich für beide Pole benötige, auszubauen. Zur Bindung gehört, dass ich mich anpassen, nachgeben und Kompromisse schließen kann. Autonome Fähigkeiten hingegen sind, dass ich mir eigene Ziele setze und meine Interessen vertrete, notfalls auch ohne Zustimmung des Partners. Wenn beide diese Kunst beherrschen und auch noch einige Gemeinsamkeiten da sind, gelingt auch die Beziehung.

WOMAN: Bindungsfähigkeit lernt man im Elternhaus, führen Sie aus. Was würde man in einem guten Elternhaus erfahren?
STAHL: Die Kinder würden geliebt werden um ihrer selbst willen, und gleichzeitig würden sie in ihrer Selbstständigkeit unterstützt. Sie dürften sich ohne Schuldgefühle von ihren Eltern lösen. Diese erfüllen also die Bindungswünsche des Kindes nach Liebe, Geborgenheit und Versorgtsein, und gleichzeitig unterstützen sie altersgemäß seine autonome Entwicklung.

WOMAN: Was sind im Gegenzug die schlimmsten bindungsfeindlichen Glaubenssätze, die man mitbekommen kann?
STAHL: Eigentlich dreht sich alles um ein geringes Selbstwertgefühl. Innere Glaubenssätze wie "Ich genüge nicht", "Ich bin nix wert" etc. sind weit verbreitet. Um diese zu kompensieren, strengt man sich besonders an, alles richtig zu machen und den Partner zufriedenzustellen. Dadurch stellt sich bei vielen Menschen das Gefühl ein, sich selbst zu verlieren, zu kurz zu kommen. Und dann schaffen sie eben den Partner ab, um wieder frei zu sein.

WOMAN: Warum verlieben sich viele Frauen aber gerade immer in bad boys?
STAHL: Bei vielen Frauen ist die innere Balance zugunsten der Bindung aus dem Gleichgewicht, das heißt, sie haben viel Angst vor Ablehnung und dem Alleinsein. Deswegen fühlen sie sich besonders von unabhängigen, coolen Typen angezogen. Sie suchen nach ihrer besseren Hälfte: nämlich der Autonomie, die sie selbst zu wenig leben. Nur sind die besonders autonomen Typen halt auch oft die Bindungsgestörten.

WOMAN: Warum entdecken viele Menschen ihre große Liebe zum anderen erst, wenn die Gefahr besteht, dass sie ihn verlieren könnten?
STAHL: Weil dann die Autonomie nicht mehr bedroht ist. Solange ich den Partner sicher habe, fühle ich mich eingeschränkt. Droht er aber, mir von Bord zu gehen, erwacht die Verlustangst, die sich ja oft wie "frisch verliebt" anfühlt. Das Gefühl legt sich natürlich schnell wieder, sobald der andere sich erneut auf die Beziehung einlässt.

WOMAN: Wäre es nicht auch eine Option, zu sagen: Warum soll ich mir das alles antun? Da bleib ich doch lieber gleich Single und mach, was ich will?
STAHL: Klar, Single zu sein ist besser als eine schlechte Beziehung. Aber ich plädiere immer für die Wahlfreiheit. Die meisten Dauersingles können nur Single, aber nicht Beziehung. Damit nehmen sie sich einen Teil ihrer Lebensqualität. Ich erinnere daran, dass Freiheit und Bindung unter einen Hut passen.

WOMAN: Die Beziehungsunfähigkeit ist nicht größer als früher, sagen Sie. Ist die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, nicht doch gesunken?
STAHL: Laut der Studienlage: nein. Und nach meiner Beobachtung auch nicht. Bindungsangst wird einfach nur sichtbarer in unserer Gesellschaft, weil das gesellschaftliche Korsett viel loser geworden ist: Man kann als Single leben, schwul oder lesbisch sein, sich trennen und scheiden lassen. Früher sind viele zusammengeblieben, weil die Frauen finanziell zu abhängig waren und auch die "Schande" einer Scheidung viel mehr gefürchtet war. Es gibt und gab immer schon Langzeitehen mit ausgesprochen bindungsängstlichen Strukturen. Hier schafft ein Partner dann Distanz, indem er sich in die Arbeit oder ein Hobby stürzt oder Affären hat.

WOMAN: Menschen, die eine gute Balance zwischen Autonomiestreben und Bindungsbedürfnis haben, wären also ideale Partner. Gibt es viele von dieser Sorte?
STAHL: Diese Balance ist die Grundlage für eine glückliche Beziehung - circa 40 Prozent haben sie, die anderen können sie erlernen. Jeder hat grundsätzlich das Potenzial dafür.

WOMAN: Und wie lernt man das? Sie sagen ja, es ist nie zu spät. In Ihrem Buch finden sich eine Menge Übungen, die die Beziehungsfähigkeit eines Menschen stärken können. Was sind die wichtigsten Dinge, die man angehen müsste?
STAHL: Der, dessen innere Balance zugunsten der Bindung aus dem Gleichgewicht ist, muss mehr Selbstständigkeit und Konfliktfähigkeit lernen. Wessen innere Balance hingegen zugunsten der Autonomie gestört ist, muss lernen, sich mehr anzupassen, zu vertrauen und sich zu öffnen. In jedem Fall muss man sein altes Beziehungsprogramm, das man sich in der Kindheit zugezogen hat, verändern.

WOMAN: Was braucht es dafür?
STAHL: Im ersten Schritt heißt es reflektieren, welche Prägungen man von den Eltern übernommen hat. Erkennen, wie das innere Liebesprogramm lautet. Die wichtigste Frage ist: Was muss ich tun, um geliebt zu werden? Genüge ich so, wie ich bin, oder muss ich mich verstellen und verbiegen? Zentral ist das Selbstwertgefühl: Wenn ich befinde, dass ich gut bin, so wie ich bin, kann ich in einer Liebesbeziehung offen und authentisch sein, und das ist die Grundvoraussetzung für eine glückliche Partnerschaft. Die Betroffenen müssen also zunächst lernen, sich selbst anzunehmen mit ihren Schwächen, denn erst dann können sie darauf vertrauen, dass auch ein anderer Mensch sie gut findet. Denn nur wenn ich mich frei verhalten kann, kann ich mich in einer Liebesbeziehung wohl und aufgehoben fühlen.

WOMAN: Viele fürchten aber doch auch, verletzt zu werden, wenn sie sich einlassen?
STAHL: Auch hier gilt: Wenn ich genügend Selbstvertrauen aufweise, ein etwaiges Scheitern zu verkraften, kann ich auch das Risiko echter Nähe eingehen. Menschen, die beziehungsfähig sind, weisen die tiefste innere Überzeugung auf: Wenn mein Partner mich verlässt, werde ich zwar einige Zeit todtraurig sein, aber ich werde irgendwann darüber hinwegkommen und auch wieder einen neuen Partner finden. Menschen, die meinen, sie "überleben" diese Verletzung nicht, halten auf die eine oder andere Weise immer einen gewissen Sicherheitsabstand zum anderen ein. So kann die Angst vor Liebeskummer eine glückliche Beziehung verhindern.

WOMAN: Haben Dating-Plattformen Einfluss auf unser Bindungsverhalten?
STAHL: Ja, einen positiven. Viele Studien haben gezeigt, dass Beziehungen, die sich im Internet anbahnen, glücklicher und langlebiger sind. Die Leute sind dort ehrlicher, sie haben unter Pseudonymen nicht viel zu verlieren. Außerdem ist bei der Internetanbahnung noch der Verstand mit im Boot. Das heißt, die Beteiligten können ohne rosa Brille checken, ob sie wirklich zusammenpassen.

WOMAN: Und was steckt dahinter, wenn jemand schon lange mit seinem Partner zusammen ist und ihn immer wieder vor anderen maßregelt und kritisiert?
STAHL: Ich würde sagen: schlechtes Benehmen.

Für dich: 19 positive Glaubenssätze

Glaubenssätze sind die Programmiersprache unserer Psyche. Welche von diesen hast du bereits erworben? Versuche, noch weitere zu verinnerlichen. Sie helfen, dein Ich zu stärken.

1. Ich werde geliebt!
2. Ich bin wertvoll!
3. Ich genüge!
4. Ich bin willkommen!
5. Ich werde satt!
6. Ich bekomme genug!
7. Ich bin klug!
8. Ich bin schön!
9. Ich habe ein Recht auf Freude!
10. Ich darf Fehler machen!
11. Ich habe Glück verdient!
12. Das Leben ist leicht!
13. Ich darf ich sein!
14. Ich darf auch mal zur Last fallen!
15. Ich darf mich wehren!
16. Ich darf meine Meinung haben!
17. Ich darf fühlen!
18. Ich darf mich abgrenzen!
19. Ich schaffe das.

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