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Verrückte Kindheit

Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt: Naema Gabriels Mutter leidet an Bipolarer Störung. Ihre verrückte Kindheit hat Gabriel im Buch "Sinus" verarbeitet.

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Verrückte Kindheit
© SINUS/Naema Gabriel

Einmal, da ging sie in der Früh raus, um Brötchen zu holen. Und meldete sich erst drei Tage später: "Kinder, ich bin in Florenz!!!" – Als ob das eine frohe Botschaft wäre für Kinder, die allein sind in einer Wohnung, in der das „bin schnell Brötchen holen!“ seit drei Tagen verhallt ist.

Oder sie brachte wildfremde Kinder nach Hause, die sie auf der Straße aufgelesen hatte. Weil sie plötzlich beschlossen hatte, dass man sich um die kümmern muss.

Nur um ihre eigenen Kinder, um die hat sie sich manchmal nicht so richtig gekümmert. Die hat sie, aufgepeitscht von einem manischen Schub, zwischenzeitlich immer mal kurz vergessen.

»Ich probiere es: Wie kann man seine Kinder drei Tage lang einfach vergessen? - Klappt nicht.«

Naema Gabriels Mutter ist krank. Bipolare Störung sagen manche dazu, manisch-depressiv wäre ein anderer Ausdruck. Geschätzte zwei Prozent der Österreicher leiden unter diesen extremen Stimmungsschwankungen, die von übertriebener Euphorie in alles verzehrende Depression umschlagen können.

Für Naema und ihre ältere Schwester spielte die Bezeichnung keine Rolle: Ihre Kindheit wurde durch die Krankheit verrückt.

"Es ist ein Glück, dass wir das überlebt haben", sagt Naema, heute 40 Jahre alt und selbst Mutter eines Sohnes.

Darüber hat die freiberufliche Illustratorin und Autorin ein Bilderbuch verfasst: "Sinus – Leben und Überleben mit einer manisch depressiven Mutter" . Ihre Hoffnung: mehr Menschen für die Krankheit Bipolare Störung zu sensibilisieren. Wir haben mit ihr gesprochen.

Illustration aus dem Buch "Sinus" von Naema Gabriel: "Irgendwann ist meine Mutter einfach nach Florenz abgehauen. Hat sich treiben lassen. Meine Schwester und ich saßen alleine daheim."

WOMAN: Wann haben Sie bemerkt: Meine Mama ist anders?
Naema Gabriel: Gespürt habe ich es schon früh. Meine Mutter ging impulsartig auf Reisen, hat uns einfach ins Auto gepackt und ist losgefahren. Ohne Ziel, einfach so. "Immer der Nase nach!" – das war so ein Spruch, der meine Kindheit geprägt hat. Manisch-depressive Menschen sind getrieben, das Leben mit ihnen ist von einer Unruhe und Rastlosigkeit bestimmt. Dieses Gefühl ständiger Unsicherheit, das hat sich sehr früh eingebrannt. Ein Schlüsselmoment war vielleicht, als ich sechs Jahre alt wurde. Bei anderen Kindergeburtstagen haben sich die Mütter zurückgehalten, haben Spiele vorgeschlagen, Saft und Kuchen angeboten, weggeräumt. Meine Mutter hat sich ins Getümmel gestürzt, alle Aufmerksamkeit an sich gerissen. Sie war in ihrer Euphorie nicht zu stoppen und hat mich dabei komplett vergessen. Da hat es mich das erste Mal richtig gestört.

WOMAN: Ihre Mutter litt diagnostiziert unter einer Bipolaren Störung. Wieso durfte sie die Kinder dann alleine aufziehen?
Gabriel: Das ist rückblickend eine skandalöse Geschichte. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich fünf Jahre alt war. Mein Vater wollte uns behalten. Aber meine Mutter hat mit Suizid gedroht: "Wenn man mir die Kinder nimmt, dann bringe ich mich um." Und so beschlossen meine Eltern und die Verwandten meiner Mutter, dass es besser sei, wenn wir bei ihr bleiben.

»Wenn ihr mir die Kinder nehmt, dann bringe ich mich um!«

WOMAN: Das hat zu gefährlichen Situationen geführt...
Gabriel: In ihren manischen Phasen ist meine Mutter einfach abgehauen. Wollte plötzlich Konzertpianistin in Wien werden, hat sich ins Auto gesetzt und war weg. Uns hat sie dann ohne Geld oder Lebensmittel in der Wohnung zurückgelassen. Manchmal über Nacht, manchmal mehrere Tage. Oder sie hat uns eingepackt, war aber zu aufgedreht, um zu schlafen. Einmal ist sie dann am Steuer eingenickt und mit uns im Straßengraben gelandet. Wenn sie euphorisch war, hat sie sich auch wild an Männer rangeschmissen, ohne jegliche Distanz. Da hat sie Wildfremde in unsere Wohnung mitgeschleppt. Wenn es ihr dann nicht mehr gut ging, ist sie raus. Und hat uns mit den Kerlen alleine gelassen. Auf diese Weise habe ich meine kindliche Unschuld verloren.

Gabriel: "Sie hat uns ins Auto gepackt, war aufgekratzt. Und hat vergessen zu schlafen."

WOMAN: Was ist geschehen?
Gabriel: Nun, einmal hat sie einen Typen mitgebracht, der war sturzbetrunken und hat bestialisch gestunken. Meine Schwester und ich wollten ihn aus der Wohnung schaffen. Wir wussten damals noch nicht, dass wir die Wohnung verlassen können, wenn es bedrohlich wird. Der Mann wollte aber nicht gehen. Also haben wir dafür gesorgt, dass er in die Dusche geht. Der Mann hat uns zwar nicht angefasst, dazu war er viel zu besoffen. Aber ich habe in diesem Moment gemerkt, dass mich ein Kerl nicht mehr nur als Kind wahrnimmt...

WOMAN: Hat denn niemand bemerkt, was bei Ihnen zuhause los war ?
Gabriel: Wir Kinder waren sehr unauffällig, extrem angepasst. Ein typisches Verhalten, wie ich inzwischen weiß. Es gibt dieses Phänomen der Parentifizierung wie bei Kindern suchtkranker Eltern: Die Kinder schlüpfen unbewusst in die Elternrolle. Sie erscheinen übermäßig vernünftig, nehmen sich sehr zurück. Das wird oft missinterpretiert. Die Tanten, mein Vater, Lehrer und Ärzte haben uns für reif und vernünftig gehalten, nach dem Motto: "Die können selbst auf sich aufpassen." Dabei konnten wir das nicht. Vor allem meine Tanten wussten genau, was bei uns los war. Sie haben die Rechnungen gezahlt, wenn meine Mutter das nicht konnte. Haben Sachen, die sie ausgeheckt hat, wieder zurechtgebogen. Aufgeräumt, wenn das Chaos überhand genommen hat. Sie holten meine Schwester und mich einmal aus einem Hotel ab, in dem unsere Mutter uns allein gelassen hatte. Wir hatten Fieber und Hunger, ernährten uns aus der Minibar. Da ist es nicht okay zu sagen, das Problem ist gelöst, wenn die Kinder am nächsten Tag wieder in die Schule gehen. Aber uns Kinder aus der Situation befreit, das haben sie nicht. Das werfe ich ihnen vor. Denn wir waren Kinder, wir hätten Sicherheit gebraucht. Jeder hat die Verantwortung abgeschoben, nach dem Motto: "Irgendwer wird sich schon darum kümmern." Und meine Schwester und ich haben die Fassade aufrecht erhalten. Schließlich hat meine Mutter uns einmal gesagt: "Wenn ihr jemanden sagt, was bei uns los ist, dann komme ich in die Klapse. Und ihr ins Waisenhaus." Das erschien uns schlimmer.

»Wenn ihr was sagt, komme ich in die Klapse – und ihr ins Waisenhaus...«

WOMAN: Hätten Sie sich nicht manchmal gewünscht, dass man Sie von Ihrer Mutter wegholt ?
Gabriel: Kein Kind will von seinen Eltern getrennt werden. Nicht einmal, wenn es geschlagen oder vernachlässigt wird. Wir lieben unsere Eltern, das liegt in unserer Natur. Aber wenn man uns in ihren schlimmsten Phasen aus der Situation geholt und woanders untergebracht hätte, "weil Mama krank ist und Hilfe braucht": Das hätte mir geholfen. Vor allem auch, wenn ich die Wahrheit über ihren Zustand gewusst hätte. So haben wir ihr Kommen und Gehen immer auch auf uns bezogen: Mama geht, weil sie uns nicht mehr lieb hat. Weil wir schlimm waren. Also haben wir uns noch mehr angepasst, waren immer noch braver. Denn sonst verlässt sie uns.

WOMAN: Die Menschen in Ihrem Umfeld haben die Verantwortung abgeschoben – und Sie wurden sozial ausgegrenzt...
Gabriel: Wenn Freundinnen daheim erzählt haben, wie es bei uns aussieht, dann durften sie nicht mehr zu uns auf Besuch kommen. Dazu war meine Mutter eben manchmal sehr hemmungslos, hat die Väter anderer Kinder angeflirtet, wenn sie die Lust überkam. An einem Fasching hat ein Kind meine Schwester und mich als Nutten beschimpft, weil der Vater des Kindes ihm das eingeredet hat. Ich kannte das Wort bis dahin nicht mal. Später hat sie meinen Freund angemacht, dem war es furchtbar peinlich. Als er mal eifersüchtig war, hat er mir an den Kopf geschmissen, ich sei wie meine Mutter. Ich hätte bestimmt denselben Männerverschleiß. Das hat mich damals schwer geschockt.

WOMAN: Ihnen wurde erst sehr spät klar, dass Ihre Mutter unter einer echten Krankheit leidet...
Gabriel: Ja, erst mit 16 Jahren. Meine ältere Schwester hat sich sehr schnell nach außen orientiert, hatte früh einen Freund und ist ausgezogen. Ein befreundeter Medizinstudent hat ihr gesagt, dass die Symptome, die meine Mutter zeigt, eindeutig auf eine Bipolare Störung hinweisen. Damit hatte der Wahnsinn dann auch einen Namen. Ich erfuhr, dass es noch mehr Menschen wie meine Mutter gibt. Aber auch, dass die Krankheit plötzlich ausbrechen kann.

WOMAN: Sie hatten deshalb lange Angst, dass Sie so werden könnten wie Ihre Mutter?
Gabriel: Diese Sorge hat mein Leben geprägt. Man sagt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Ausbruch der Krankheit kommt, ab dem 30. Lebensjahr immer geringer wird. Bis zu meinem 30. Geburtstag hatte ich also durchgehend Panik. Wenn ich traurig war, bekam ich Angst, dass das nun der erste depressive Schub sei. Als ich verliebt war, war ich unwahrscheinlich glücklich. Und sofort war da wieder die Sorge: Sind diese Glücksgefühle schon Anzeichen einer übertriebenen Euphorie? Es ist teuflisch. Das hat dazu geführt, dass ich meine Gefühle nicht zulassen konnte. Ich habe alles unterdrückt, was mir auch nur ansatzweise extrem erschien. Auch beruflich. Manisch-depressive Menschen haben sehr kreative Phasen, in der eine Idee die nächste jagt. Ich habe Kunst studiert. Aber mich nicht getraut, meiner Kreativität freie Bahn zu lassen. Es könnte ja ein Auslöser für die Krankheit sein...

WOMAN: Sie litten auch unter Magersucht, haben sich selbst verletzt. War das eine Reaktion auf die Erlebnisse Ihrer Kindheit?
Gabriel: Ja, natürlich. Ich habe später eine Therapie gemacht. Erst dadurch habe ich verstanden, was eine Magersucht ist - dass das viel mit dem Bedürfnis zu tun hat, Grenzen zu setzen und Kontrolle zu haben. Das ist ja ein total berechtigtes Bedürfnis, das bloß nicht gut nur über das Körperliche befriedigt werden kann, weil es dann schnell selbstzerstörerisch wird. In Ausläufern begleitet mich dieses mangelnde Gefühl für gesunde Grenzen bis heute. Ich bin vielleicht zu leidensfähig: Ich merke es lange nicht, wenn jemand über meine Grenzen trampelt, weil ich es gewohnt bin.

»Meine größte Angst? So zu werden wie meine Mutter...«

WOMAN: Ist Ihr Buch ein Teil der Therapie?
Gabriel: In gewisser Weise natürlich. Ich hatte das große Bedürfnis, meine Geschichte aufzuschreiben. Damit Erwachsene sensibilisiert werden. Merken, dass sie genauer hinschauen und nachfragen müssen, wenn mit Kindern etwas nicht ganz in Ordnung ist. Wenn die Menschen nach meiner Lesung mit geschärften Antennen für solche Kinder nach Hause gehen und ich anderen Betroffenen Mut machen kann, hat sich alles gelohnt.

WOMAN: Haben Sie mittlerweile Frieden mit Ihrer Mutter geschlossen ?
Gabriel: Meine Mutter ist 66 Jahre alt, sie lebt in einem anderen Ort als ich. Wir telefonieren immer wieder, ich besuche sie. Ich fühle mich nach wie vor verantwortlich für sie. Objektiv kann sie total liebenswert sein. Aber da ist trotzdem immer noch ein wüster Gefühls-Cocktail in mir, wenn es um sie geht. Sagen wir so: Ich habe gelernt, sie und ihre Phasen auszuhalten. Sie hat mein Buch gelesen. Wollte nur den Zeitpunkt, an dem sie es liest, selbst bestimmen. Sie hat dann gesagt, sie sei erleichtert, dass sie nicht ganz so schlimm wie befürchtet weggekommt. Ich bin stolz auf sie, weil sie es so souverän aufgenommen hat.

LESEPROBE AUS "SINUS" von Naema Gabriel:

SINUS ist nun auch als EBook erschienen

Bei „Florenz“ muss ich immer denken: „Kinder, ich bin in Florenz!!!“ – Als ob das eine frohe Botschaft wäre für Kinder, die allein sind in 'ner Wohnung, in der das „bin schnell Brötchen holen!“ seit drei Tagen verhallt ist. Jetzt bin ich selbst in Florenz, weil easyJet uns in Pisa nur zwei Dinge sagen konnte: dass der Flug nach Berlin ausfällt und „vielen Dank für Ihr Verständnis!“. Also mit dem Zug nach Milano, wo AirBerlin fliegen wird, „sicher!“. Unterwegs umsteigen am Bahnhof von Kinder-ich-bin-in-Florenz!!!-Florenz. Der Aufenthalt reicht für einen Espresso in der Sonne. Ich bin jetzt selbst Mitte dreissig und könnte auch zwei Kinder haben, sieben und neun. Ich versuch mir das vorzustellen und krieg ein unscharfes Filmstill hin. Dann setz ich den Film in Bewegung. „Bin schnell Brötchen holen!“ Eine Papiertüte vom Bäcker landet auf dem Beifahrersitz eines Käfers. Motor an, Radio an, Zigarette an, Sonnenbrille ins Haar, an der roten Ampel noch das Dachfenster aufkurbeln, was für ein herrlicher Sommermorgen!, Brille runter auf die Nase, ein bisschen rum in der Stadt, die noch halb schläft, ein bisschen raus aus der Stadt, die allmählich aufwacht, ein bisschen Gas geben auf der Autobahn. Oh schon halb neun, die Kinder sind schon in der Schule, geil, jetzt bin ich frei bis zum Mittag, noch mehr Gas geben, nochmehr frei sein, da kommt Nürnberg, da kommt München, die nördlichste Stadt Italiens!, und da… reisst der Film ab.

Drei Tage? Ich probiere: drei Tage lang nicht an die Kinder gedacht und plötzlich so: SHIT! Die Kinder! – klappt nicht. Ich probiere: drei Tage lang immer wieder an die Kinder gedacht aber nicht angerufen? – klappt nicht. Über die Jahrzehnte ist meine Wut – vielleicht nicht verflogen, aber verdünnt, auf jeden Fall mit Neugier gemischt. Wie hat sie die Leute hier angeguckt? Wie haben die Leute sie angeguckt? Sie sagt immer, dass sie sich an fast gar nichts mehr erinnern kann.

Ich klapp mein Handy auf und scroll runter zu M wie Mammamia. „Schöne Grüsse aus Florenz“, sag ich, „das Wetter ist schön, das Essen ist gut, Deine Tochter“. „Aaaahahaha!“ lacht sie als Mezzosopran. Ich beschreib ihr, was ich von mir aus seh. Sie dreht mich mit dem Rücken zu diesem Gebäude und lotst mich auf einen Kirchturm zu, von dort in eine Gasse rein, schickt mich triumphierend zu einer Kaffeebar und in die Bar hinein. Sie macht die Souffleuse. „Ciao!“ soll ich sagen, „grazie!“ und „prego!“ Ich muss für sie fragen, ob der Typ hinterm Tresen Angelo heisst. „Esorry,it’se Andrea, but for you it’se Angelo, if you wante...?“ Ich muss lachen und winke ab. Sie hat alles mitgehört und lacht so laut, dass ich das Handy vom Ohr weghalten muss. Ich rühr in meinem Kaffee, bis sie fertig ist. Ich mach’s kurz, sonst wird’s teuer. Sie hat mich lieb und ich sie auch

Zur Autorin: Unter dem Pseudonym "Namea Gabriel" arbeitet die 40-Jährige Künstlerin freiberuflich als Autorin und Illustratorin. Ihr erstes Buch "Sinus" ist vor kurzem auch als E-Book erschienen.