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"Mama ist bipolar, manche sagen: Verrückt!"

Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt: Melissas Mutter leidet an Bipolarer Störung. Die Fotografin dokumentiert den Alltag ihrer kranken Mutter.


"Mama ist bipolar, manche sagen: Verrückt!"
© Instagram/nothing_to_worry_about

"Sie liegt am Boden. Wie tot. Mama bewegt sich nicht. Aber ihre Augen sind geöffnet, sie starrt blicklos an die Decke." Beim ersten Mal hat Melissa Angst, sie wird panisch, sie glaubt, die Mutter stirbt gleich. Doch über die Jahre wird der Anblick der Mutter, die regungslos für Stunden unter dem Tisch im Wohnzimmer liegt, auf den Fliesen im Bad, auf dem Teppich vor ihrem Bett, immer mit zugezogenen Vorhängen im Halbdunkel, zur traurigen Normalität im Leben des Kindes.

Heute ist Melissa Spitz 27 Jahre alt. Sie weiß: Ihre Mutter ist krank. Bipolare Störung sagen manche dazu, manisch-depressiv wäre ein anderer Ausdruck. Geschätzte zwei Prozent der Österreicher leiden unter diesen extremen Stimmungsschwankungen, die von übertriebener Euphorie in alles verzehrende Depression umschlagen können. Bipolar, diese Diagnose bedeutet eine rasante Achterbahnfahrt der Emotionen. Nicht nur die Psyche der Erkrankten, sondern das gesamte Umfeld leidet.

Fotoprojekt über die psychische Erkrankung der Mutter

Für Melissa spielte die medizinische Bezeichnung kaum eine Rolle: Ihre Kindheit wurde durch die Krankheit verrückt. Als sie sechs Jahre alt war, wurde ihre Mutter vom Staat Washington erstmals in die psychiatrische Anstalt eingewiesen. Es folgte ein Leben wie ein Albtraum: Tabletten, Depressionen, Selbstmordversuche, Tränen, extreme Glücksgefühle. Ein Auf und Ab, nur schwer zu ertragen.

"Ich wünschte, es gäbe mehr Unterstützung für Familienmitglieder und das Umfeld eines psychisch erkrankten Menschen," so Melissa Spitz gegenüber dem Portal Refinery29.com. "Ich habe mich oft alleine gelassen gefühlt mit meiner Angst und Wut."

Verarbeitet hat die junge Fotografin diese Gefühle in dem ebenso umstrittenen wie beeindruckenden Fotoprojekt "Nothing To Worry About". Sieben Jahre lang begleitete sie den Alltag ihrer kranken Mutter Deborah mit der Kamera. Fotografierte die schönen Momente, aber auch die kaum ertragbaren, furchtbaren Abstürze. Durch die Bilder wird die Liebe, aber auch die immer wieder aufkeimende Verachtung und enorme Wut der Tochter auf ihre bipolare Mutter spürbar. "Mama hat wieder zu trinken begonnen. Sie meinte, ich solle mich bei meinem Besuch nicht über die leeren Flaschen wundern, die in ihrer Wohnung rumliegen," schreibt Melissa Spitz zu einem der Bilder.

Oder: "Wir haben Thanksgiving miteinander verbracht. Der kurze Ausflug hat sie erschöpft, die Pillen machen sie müde. Sie will sofort wieder nach Hause. Sie raucht ständig, die Luft ist verpestet, ich kann nicht lange mit ihr in einem Zimmer bleiben."

Partys, Einladungen – all das sei für ihre Mutter immer wichtig gewesen. Doch nie im "normalen" Maß. "Sie war immer zu laut, zu aufdringlich gekleidet, zu extrovertiert. Manchmal hat sie rumgebrüllt – vor Freude, aber doch so, dass andere Menschen, vor allem aber ich, peinlich berührt waren."

Einen Teil ihrer Fotoserie veröffentlichte Melissa Spitz auf ihrer Instagram-Seite. Die Bilder sind hart, die Mutter wird in ihren intimsten Momenten gezeigt. Vorwürfe, sie würde die Krankheit ihrer Mutter ausbeuten, sie in ihrem Zustand öffentlich bloßstellen, weist Melissa zurück: „Ich hoffe, dass die Leute mit einer psychischen Störung sich in den Bildern wiedererkennen. Und Familienangehörige dieser Menschen merken, dass sie mit ihren Gefühlen und Wahrnehmungen nicht alleine sind."

Ihre Mutter hätte die Einwilligung zu jedem der Fotos gegeben. "An manchen Tagen war sie richtig aufgeregt, hat sich für das Shooting hergerichtet und wollte, dass es ganz schnell losgeht. Dann gab es Zeiten, in denen sie gekippt ist, auf keinen Fall eine Kamera sehen wollte. Ich respektiere das."