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Birgit Minichmayr im WOMAN-Interview

Birgit Minichmayr: Der Burgstar ist gerade für zwei Jahre am Münchner Residenztheater engagiert. Die Rückkehr nach Wien ist noch nicht garantiert. Am 9. 11. startet der neue Film "Gnade".


Birgit Minichmayr im WOMAN-Interview

Im einsamen Norden wurde der Film "Gnade" gedreht. Birgit Minichmayr, 35, spielt eine Krankenschwester, die mit ihrem Mann (Jürgen Vogel) den Neuanfang ihrer Liebe sucht. Als sie in einer stockdunklen Nacht einen Verkehrsunfall verursacht, begeht sie Fahrerflucht … Mit WOMAN sprach die Schauspielerin über Schuld, Glauben und Einsamkeit.

WOMAN: Wie war es so hoch im Norden zu drehen, hatten Sie Thermounterwäsche dabei?

Minichmayr: Ja, unbedingt! Ich kam mit dem Lichtentzug gar nicht klar, war so bedrückt und gedrückt von der Dunkelheit und dem grauen Licht. Es hat mich schon sehr runter gezogen. Aber das war nicht schlecht für die Figur!

WOMAN: Der Film "Gnade" wirkt so, als ob die Kälte die Menschen paradoxerweise zugänglicher macht.

Minichmayr: Durch die archaische Natur sind die Menschen ganz anders aufeinander angewiesen. Bei den Dreharbeiten haben uns die Bewohner geholfen, wenn wieder einer unserer Team-Fahrer im Schnee stecken blieb. Oder man wegen einer Fjord-Überschwemmung einen Übernachtungsplatz brauchte, weil der Heimweg gesperrt war.

WOMAN: Unter solchen Bedingungen zu drehen, muss anstrengend sein!

Minichmayr: Wir waren beim Essen und plötzlich hieß es: Alle raus. Da wussten wir, das Polarlicht ist da. Das ist magisch, wie dieses Licht mäandert und wabert.

WOMAN: Sie haben norwegisch im Film gesprochen, es hat gut geklungen.

Minichmayr: Ich hatte in Wien zwei entzückende norwegische Lehrerinnen. Ich bin sieben Wochen in die intensivste Sprachschule meines Lebens gegangen. Leider ist das alles nur im Kurzzeitgedächtnis geblieben und ist schon wahnsinnig weit weg.

WOMAN: Würden Sie Ferien dort machen oder sind Sie mehr der mediterrane Typ?

Minichmayr: Zu viel Hitze vertrage ich nicht, aber im Sommer würde ich gerne noch einmal hinfahren. Im Winter nicht, man kann nicht einmal Schifahren. Meine Eltern hatten einen landwirtschaftlichen Betrieb, da haben wir mehr im Winter Ferien gemacht. Im Sommer war die Ernte einzufahren.

WOMAN: Bekommen Sie Beklemmungen, der Natur so ausgesetzt zu sein?

Minichmayr: Nein, aber man kommt sich wahnsinnig klein vor. Angenehm klein. Allerdings wirkt die Kälte schon bedrohlich.

WOMAN: Im Film "Gnade" geht es um die Verarbeitung von Schuld.

Minichmayr: Dieses Paar beschließt ihrer Ehe eine zweite Chance zu geben und gemeinsam nach Norwegen zu ziehen. Haben aber in ihren Kisten die alten Probleme absolut mitgepackt. Maria geht in ihrem Berufsleben total auf, aber im Privatleben nicht. Erst nach dem Unfall beginnt wieder ein Vertrauen zu ihrem Mann, das auf wackeligen Beinen steht. Diese Frau geht mit ihrer Schuld sehr irritierend um: Wenn man schweigt, wird etwas ungeschehen gemacht. Bis ihr Mann beschließt den Unfall der Familie des Opfers zu gestehen und damit tritt eine Lösung und auch und im Epilog auch Gnade ein.

WOMAN: Wenn man nicht mehr weiterweiß, wie Ihre Filmfigur, neigt man nicht dazu zum Glauben zurückzukehren?

Minichmayr: Ich habe für diese Rolle in der Palliativstation eines Wiener Krankenhauses ein Praktikum gemacht. Die Pfleger waren stark gläubig.

WOMAN: Was haben Sie auf der Station gemacht, hat man Sie erkannt?

Minichmayr: Nein. Ich habe gewaschen, beim Essen geholfen, zugehört, Wache gehalten. Das war eine wichtige Erfahrung, die Milde der pflegenden Menschen zu sehen.

WOMAN: Spielt der Glaube in Ihrem Leben eine beträchtliche Rolle?

Minichmayr: Mein Glaube hat sich über die Jahre transformiert und hat sich von dem katholischen eher abgewandt. Diese Schuld und Sühne oder diese Sünde sind sehr in mir verankert , wie auch das schlechte Gewissen. Ich glaube, dass unsere Energie, man kann sie auch als Seele bezeichnen, erhalten bleibt. Das zu glauben, dafür gibt es keinen Grund, aber es entspricht dem, was ich als wertvoll erachte. Vielleicht geht dieses Etwas in ein Polarlicht über bei unserem Tod (lacht) .

WOMAN: Vergeht Schuld jemals?

Minichmayr: Sie verjährt, Schuld vergilbt wie eine Fotografie je länger sie zurückliegt. Vergessen tut man es nicht. Ich habe sicher viele Menschen zwangsläufig verletzt oder enttäuscht oder wehgetan. Genauso wie ich verletzt wurde. Wenn mir eine Wunde zugefügt wurde oder ich jemanden verletzt habe ist das Selbstverzeihen ein wesentlicher Punkt.

WOMAN: Ist das nicht sehr schwierig?

Minichmayr: Ja, aber wie soll man jemanden anderen verzeihen, wenn man sich selbst nicht verzeiht?

WOMAN: Jeder trägt ein Päckchen Schuld mit sich. Ist Ihres schwer?

Minichmayr: Je nachdem wie schwer man es sich selber macht.

WOMAN: Brauchen Schauspielerinnen manchmal Identitätskrisen?

Minichmayr: Nicht nur Schauspielerinnen. Die Fragen wo stehe ich im Leben, was mache ich, wo will ich hin sind doch für viele essentiell.

WOMAN: Beim Anblick des Meeres überfällt einen oft das Gefühl der Einsamkeit. Glauben Sie gibt es eine angeborene Art von Einsamkeit?

Minichmayr: Ja. Wenn man sich bewusst ist, dass man alleine kommt und alleine geht. Auch wenn man eine Partnerschaft eingeht, gibt es ein Ich und ein Du. Ich kann wahnsinnig viele Freunde haben, trotzdem gibt es das Gefühl der Einsamkeit. Genauso kann ich mit mir allein auf Reisen sein und mich geborgen fühlen.

WOMAN: Also es gibt da eine Wand?

Minichmayr: Ich finde das nicht so schlimm, dass es die gibt. Das Ich und Du ist wichtig und nicht nur ein Wir. Ich finde es furchtbar, wenn Paare immer in Wir-Form reden (lacht) …

WOMAN: Sie spielen und drehen sehr viel, powert Sie das nicht aus?

Minichmayr: Gute Arbeit ist für mich eine Tankstelle, an der ich auflade und aufgeladen werde. Ich habe nie das Gefühl meine Arbeit entleert mich.

WOMAN: Sie sind jetzt noch ein Jahr in München unter Vertrag, kommen Sie dann wieder ans Burgtheater?

Minichmayr: Das weiß ich noch nicht, es gibt noch keine Gespräche.

WOMAN: Fürchten Sie das Rollenfach zu wechseln und mehr "erwachsene Frauen" zu spielen?

Minichmayr: Noch kann ich mich aber über die Auswahl nicht beschweren, vielleicht müssen wir in 15 Jahren darüber reden.

WOMAN: Werden Sie nächstes Jahr wieder bei den Salzburger Festspielen sein?

Minichmayr: Es gibt keine Anfrage von Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf, deshalb glaube ich, nein.

Interview: Andrea Braunsteiner