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Blogger Burnout: Wenn das Hobby zum Beruf wird

Immer mehr Blogger bekennen sich öffentlich dazu, ausgelaugt und müde zu sein. Doch was genau passiert, wenn Bloggen keinen Spaß mehr macht?

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Aimee Song Blogger

Die Wahrheit hinter dem Glitzer!

© instagram.com/songofstyle

Scrollt man durch Modebloggerin Aimee Songs Instagramaccount, wird man ein kleines bisschen neidisch. Sie lebt den Traum aller Mädchen. Wird auf Fashion Weeks eingeladen, bekommt Designerkleidung hinterhergeworfen und darf die schönsten Orte der Welt besuchen. Doch sowohl ein Jetset-Leben und als auch ein Kleiderschrank voller Designerroben, schützen nicht vor düsteren Gedanken, die oftmals die Überhand gewinnen. In einem Video, das sie während der Pariser Haute-Couture Woche im Juli drehte, erzählt Aimee Song zusammengekauert unter Tränen, dass das schwerste am Bloggersein ist die Öffentlichkeit; so öffentlich zu leben und jeden Tag ein Lächeln aufsetzen zu müssen, auch wenn man keine Lust hat und sich nur unter die Decke verkriechen möchte. Das härteste ist, so tun zu müssen, als sei man glücklich, obwohl man sich „innerlich so traurig und kaputt“ fühlt.

In dem 19-minütigen Video zeigt Song ihre glamouröse Reise nach Paris auf die Haute-Couture Woche. Zwischen Szenen mit Ballkleidern, schicken Restaurants und Modenschauen sitzt sie plötzlich alleine auf dem Badezimmerboden und weint. Nicht viele Social Media Stars öffnen sich ihren Followern so, wie es Song tut. „Eine Followerin fragte mich einmal: ‚Wie bleibst du so selbstsicher und zuversichtlich?’. Um ehrlich zu sein, bin ich es nicht. Ich fake es die ganze Zeit. Nicht die ganze, aber die meiste Zeit. Ich fühle mich eigentlich so traurig, leer und kaputt. Vor allem in letzter Zeit. Wenn um mich herum andere Menschen sind, dann kommen diese Gefühle noch mehr hoch, denn auf mich wirken deren Leben so perfekt. Dann realisiere ich, dass ihr das vermutlich alle auch über mich und mein Leben denkt, deshalb wollte ich dieses Video teilen.“, erzählt sie.

Song, die knapp 4,6 Millionen Abonnenten auf Instagram und fast 190 Tausend Zuschauer auf YouTube hat, möchte mit diesem Video zeigen, dass nicht immer alles perfekt ist, was man auf Social Media sieht. Im Gegenteil! Jeder zeigt sich in den Sozialen Netzwerken von seiner besten Seite.

Sie geht sogar so weit, zu erzählen, dass sie früher Selbstmordgedanken hatte und lange damit gekämpft hat. „Als ich klein war, wurde ich gemobbt. Das war so schlimm, dass ich mich sogar umbringen wollte. Ich habe es versucht.“

Doch was passiert, wenn aus dem Hobby der Hauptberuf wird. Spaß und Inspiration gehen Flöten und werden ersetzt durch Existenz- und Versagensängsten.

Blogger-Burnout ist ein Phänomen, das nicht nur auf Aimee Song zutrifft. Immer mehr junge Menschen, die ihr Geld durch Social Media und Content-Creation verdienen, klagen darüber ausgelaugt und müde zu sein. Ihnen fehlt es an Inspiration und Wille weiterzumachen wird immer geringer. Wenn man die Leidenschaft zum Vollzeitjob macht, dann wird früher oder später der Spaß darunter leiden.

Das Problem der Vollzeitblogger ist, dass die meisten von Ihnen alleine arbeiten. Sie managen ein Kleinunternehmen - alleine. Sie halsen sich zu viele Aufgaben auf, haben das Gefühl, alles selbst machen zu müssen, weil sie noch am Anfang stehen und sich noch keine Hilfe leisten können. Ein weiteres Problem ist, die Verpflichtung den eigenen Lesern gegenüber möglichst regelmäßig und immer gratis Content zu liefern. Das Internet schläft nicht. Wenn sie den Content nicht bei dem einen finden, dann beim anderen.
Für viele Blogger heißt das immer up-to-date sein, immer Content, Fotos, Videos und Texte liefern. All das übt schon Druck aus. Hinzu kommen aber noch Existenzängste. Im Gegensatz zu Start-Ups oder Kleinunternehmen, haben Blogger keine Investoren oder Sponsoren, die sie dabei unterstützen ihr Business aufzuziehen. Viele arbeiten nebenbei noch in anderen Jobs und wenn die Zeit kommt sich vollkommen selbstständig zu machen, müssen sie früher oder später Werbedeals und Kooperationen mit Marken annehmen, um ihre Existenz sichern zu können. Wenn Leser aber die viele Werbung sehen, dann springen sie ebenfalls ab. Der Druck Geld zu verdienen und gleichzeitig qualitativ hochwertige Inhalte für seine Abonnenten zu kreieren ist immens. Hinzu kommt die kreative EIngeschränktheit bei Werbedeals. Vieles, wenn nicht sogar das Meiste, wird vom Kunden vorgegeben.

Die Angst vor dem Versagen ist groß! So auch bei Madeleine Alizadeh von dem Wiener Blog DariaDaria. Im Oktober 2010 veröffentlichte sie ihren ersten Blogpost. Knapp sieben Jahre später wird sie auf der Straße erkannt und angesprochen. Professionelle Blogger, wie sie selbst, muten sich ein viel zu hohes Arbeitspensum zu. Für die meisten ist die Angst, Leser zu verlieren, wenn sie einmal keinen Content liefern, zu groß. Irgendwann wurde auch für Madeleine alles zu viel. Privates und Berufliches zu trennen klappte kaum noch und so hatte auch sie immer öfter Erschöpfungszustände. „Nix geht mehr und ich mache trotzdem weiter“, schreibt sie in ihrem neusten Blogpost.

Auf Instagram hat die Vollzeitbloggerin 129.000 Abonnenten, auf YouTube sind es knapp 120.000. Bei so vielen Menschen, die sich tagtäglich ihre Inhalte anschauen, möchte man sich auch nicht beschweren. „Ich habe mich so lange nicht getraut, mit irgendwem über meine Hilflosigkeit zu sprechen, weil ich mich schämte. Dafür, dass ich einen Job ausübe, um den mich so viele beneiden. Weil ich mir nicht erlaubt habe, um Hilfe zu bitten. Weil ich von allen gemocht werden wollte. Weil "du bist so privilegiert und hast kein Recht dich zu beschweren".“, erklärt sie weiter.

Doch Aimee und Madeleine sind keine Einzelfälle. Bereits 2015 machte das Video der australischen YouTuberin Essena O’Neill die Runde. Darin erklärt sie, warum sie all ihre Social Media Accounts löschen wird. Die damals 19-jährige erklärte plötzlich, dass „Social Media nicht das wahre Leben“ wäre, sondern konstruierte Bilder und bearbeite Clips, die aneinandergereiht die Illusion eines perfekten Lebens darstellen sollen. In ihrem Abschlussvideo erzählt sie, dass sie Stunden damit verbrachte Fotos nur für Instagram zu machen, dass sie auf Events ging, nur fürs Foto, nur um sagen zu können: "Ich war hier und hatte einen schönen Abend." Seit der Veröffentlichung des Videos sind ihre Website und auch ihr YouTube-Kanal offline. Kurz darauf änderte sie die Bildunterschriften aller Fotos auf Instagram und schrieb, wie sie sich gefühlt hat, als das Bild aufgenommen wurde. So standen unter den meisten „traurig, hungrig, emotional erschöpft“. Von den 1,1 Million Abonnenten sind heute nur noch 4230 übrig geblieben. Fotos hat sie auch keine mehr, nur noch ein Bild mit einem Zitat.

Dass Soziale Medien krank und traurig machen, ist belegt. Laut einer britischen Studie wirken sich Instagram, YouTube und Co. negativ auf die emotionale Verfassung von Kindern und Jugendlichen aus. Doch immer mehr Psychologen warnen vor einem sogenannten „Social Media Burnout“. Gerade „Digital Natives“, die mit dem Internet und Sozialen Netzwerken aufgewachsen sind, mangelt es an der Fähigkeit zwischen digitaler und analoger Welt zu unterscheiden. So verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Illusion immer mehr. Privat- und Berufsleben kann kaum noch getrennt werden. Man wird nicht nur als Zuschauer von dem Glitzer und Glamour geblendet, sondern auch die Blogger selbst, haben das Gefühl nicht das Recht zu besitzen, sich beschweren zu dürfen, wenn es zu viel wird. Sie müssten sich ja glücklich schätzen ein solches Leben führen zu dürfen. An dem Stress allein seien aber nicht nur die sozialen Netzwerke Schuld, sondern die Kombination aus Zeitdruck für den Content, die immense Arbeit hinter jedem Foto, Video und Text und die fehlende Kreativität. All das führe zwangsläufig – wie in jedem anderen Beruf auch – zu Erschöpfungszuständen, bis hin zu Depressionen.

Thema: Instagram

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