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Bodyshaming: "Warum ich Angst hatte, nach dem Essen auf die Toilette zu gehen"

Nele ist sehr schlank. Das war sie schon immer. Schon als Kind hörte sie ständig Worte wie Hungerhaken oder Klappergerüst. Und sie fragt sich in einem sehr berührenden Text: Warum ist es scheinbar gesellschaftlich akzeptiert, dünne Menschen zu beleidigen?


Silhouette
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"Ich wiege (vor meiner Schwangerschaft) 43 Kilo bei 1,64 Meter Körpergröße.
So. Wenn ich diese Zahlen lese, dann finde ich das gar nicht schlimm. In unserer Gesellschaft ist das aber weit unterhalb des Durchschnitts. Mein BMI liegt bei 16. Das liegt im untergewichtigen bis sogar stark untergewichtigen Bereich. Aber weißt du was? Mir geht es gut! Ich bin nicht krank. Ich habe noch nie in meinem Leben eine Diät gemacht, um abzunehmen. Ich esse, was ich will, wann ich will. Ich liebe Süßigkeiten. Ich steh auf Schlagobers, Käse, Butter und Marzipan (Dinge, die angeblich dick machen).

»Ich bin weder magersüchtig, noch leide ich unter Bulimie.«

Ich bin weder magersüchtig, noch leide ich unter Bulimie. Mein Arzt hat schon mehrmals meine Blutwerte gecheckt, um eine Schilddrüsen-Über- oder -Unterfunktion auszuschließen und alles ist in Ordnung. Außer mein Cholesterin-Wert, der ist wohl leicht erhöht.

Und allen, die sich jetzt fragen, wo mein Problem sei, dass in unserer Gesellschaft „dünn sein“ doch total super sein muss, allen, die denken, dass es dünne Frauen doch leicht hätten, denen möchte ich an dieser Stelle meine Wahrheit schildern.

»Seit ich mich erinnern kann, werde ich aufgrund meines Gewichts und meines Körpers beleidigt.«

Ich bin so dünn, seit ich mich erinnern kann. Ich war schon in der Schule ein „Fliegengewicht“. Und seit ich mich erinnern kann, werde ich aufgrund meines Gewichts und meines Körpers beleidigt. Das fängt bei Sprüchen wie „Storchenbein“ oder „Streichholzarm“ an und geht soweit, dass ich, nachdem ich auf der Toilette war, gefragt wurde, ob ich jetzt mein Essen wieder ausgek**** hätte. Deshalb habe ich mich in meiner Jugend irgendwann nicht mehr getraut, nach dem Essen auf die Toilette zu gehen. Selbst wenn ich eigentlich musste. Ich wollte die Gerüchte nicht noch anheizen.

Ich entspreche nicht der Norm. Und damit scheinen viele Menschen nicht umgehen zu können. Und wisst ihr was? Am ungnädigsten sind dabei Frauen. Während ich von Männern eigentlich kaum etwas bezüglich meines Gewichts höre, musste ich mir von anderen Frauen schon einiges anhören. Und soll ich dir was sagen? Es ist verletzend! Egal wie es gemeint ist und wenn es nur ein Scherz ist, es tut weh!

»Und wenn es nur ein Scherz ist, es tut weh!«

Wenn ich Sprüche wie „Nur Hunde spielen mit Knochen“ vor dem Hintergrund einer sehr schmalen Frau sehe, dann frage ich mich, was das für eine Welt ist. Ja, ich weiß, bei diesen Bildern geht es oft darum, dass dickere Frauen sich für ihr Gewicht nicht schämen sollen. Aber dafür werden dann dünne Frauen beleidigt? Wenn man also selber nicht in die Norm passt, dann beleidigt man einfach mal andere, die nicht in die Norm passen, um sich selbst besser zu fühlen? Was für eine kranke Welt!

»Ich weiß, es geht oft darum, dass dickere Frauen sich für ihr Gewicht nicht schämen sollen. Aber dafür werden dann dünne Frauen beleidigt?«

„So dünn wie du bist, wirst du es bestimmt schwer haben, Kinder zu bekommen!“ Dieser Satz wurde mir nicht nur einmal gesagt und noch viel öfter schwang er ungesagt mit, wenn ich mich mit anderen über unseren Kinderwunsch unterhalten habe.

»So dünn wie du bist, wirst du es bestimmt schwer haben, Kinder zu bekommen!«

9 Monate haben wir versucht, schwanger zu werden und dann hatte ich eine Fehlgeburt. Ich bin immer, nicht nur hier im Internet, sehr offen mit dem Thema umgegangen und oft genug wurde ich infolgedessen auf mein Gewicht angesprochen oder zumindest kritisch beäugt (ja, man sieht einfach manchmal, was Menschen denken, wenn sie einen ansehen…).

Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich selber das Vertrauen in meinen Körper verloren habe. Dass ich dachte, dass mit mir etwas nicht stimmt. Dass ich vielleicht doch zu wenig esse oder eine schlimme Krankheit habe. Ich habe daran gezweifelt, dass ich jemals ein Baby im Arm halten würde und war einfach nur am Boden zerstört. Und dann bin ich erneut schwanger geworden. Die ersten 12 Wochen habe ich es kaum an mich heran gelassen. Habe immer befürchtet, dass doch noch etwas passiert. Dass mein Körper das einfach nicht kann.

»Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich selber das Vertrauen in meinen Körper verloren habe.«

Doch 12 Wochen sind vergangen und das Baby blieb. Auch danach war nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen. Es hat wirklich, wirklich lange gedauert, bis ich eine echte Verbindung zu dem Baby aufgebaut habe und selbst jetzt, in der 33. Schwangerschaftswoche zweifle ich noch an meinem Körper. Jedes Mal beim Frauenarzt frage ich nach, ob das Baby genug wiegt. Ob es gut versorgt wird. Frage mich, ob wir das bis zur 40. Woche schaffen. Oder ob mein Körper einfach doch zu dünn ist, zu wenig Kraft hat und das Baby früher kommen wird. Zum Glück ist das Baby mittlerweile so groß und reif, dass es sehr wahrscheinlich ohne große Komplikationen überleben wird. Dennoch – die Zweifel an meinem eigenen Körper belasten mich.

Egal ob dick oder dünn, wenn es dir gut geht, ist dein Gewicht perfekt!
Ich schreibe diesen Artikel, weil ich darauf aufmerksam machen möchte, dass nicht nur dicke Menschen darunter leiden, wenn sie aufgrund ihres Gewichts oder Aussehens beleidigt werden. Auch wer ständig zu hören bekommt er habe Segelohren, eine schiefe Nase, Augen, die zu weit auseinander stehen oder eine Warze irgendwo, fühlt sich dadurch bestimmt nicht schön und stark. Auch dünne Frauen leiden unter Beleidigungen.

Niemand sollte aufgrund seines Aussehens oder seines Gewichts beleidigt werden. Niemand. Niemand möchte das. Warum sagen wir dann solche Dinge zueinander? Warum denken wir gemeine Dinge und sprechen diese dann auch noch aus. Wir alle sollten sorgsamer miteinander umgehen und öfter mal etwas Nettes sagen. Wir sind alle nur Menschen. Menschen, mit Gefühlen, die akzeptiert werden wollen. Lasst uns endlich anfangen uns gegenseitig auch so zu behandeln!

Für mehr Toleranz, Akzeptanz und einen liebevolleren Umgang miteinander!"

Auf ihrem Blog Faminino schreibt Nele regelmäßig und sehr persönlich über ihren Kinderwunsch, ihre Schwangerschaft, Erziehung und vieles mehr.

Nele Hillebrandt