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Wenn plötzlich Frauen in Unterwäsche durch die Stadt spazieren

"Leute haben geklatscht andere geweint, so ergriffen waren sie" - Mit der Aktion #BodyLove wirbt Plus Size Model Silvana Denker für mehr Selbstliebe und Akzeptanz!

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#BodyLove Aktion

Diese Frauen fühlen sich wohl in ihrer Haut!

© Silvana Denker

Stell dir vor du spazierst gerade durch die Stadt und entdeckst plötzlich eine Gruppe von Frauen in Unterwäsche, die gut gelaunt durch Fußgängerzonen hopsen und vor der Kamera posieren. Diese Frauen sind aber keine dürren Models mit 90-60-90-Maßen, sondern kurvige Ladies mit unterschiedlichen Kleidergrößen. Auf ihrem Bauch sind die Buchstaben B-O-D-Y-L-O-V-E geschrieben, der Name der Aktion dahinter. Die Initiatorin und Fotografin, Silvana Denker, gehört selbst zu den bekanntesten Plus Size Models in Deutschland. Sie tourt mit ihrer Kampagne #BodyLove durch ganz Europa - auch in Wien war sie schon. Was sie damit erreichen will? Sie wirbt für mehr Selbstliebe und Akzeptanz. Silvana erhofft sich mehr Respekt und Toleranz gegenüber Menschen, die nicht "perfekt" aussehen. Die Resonanz auf die Kampagne, sagt sie, sei überwältigend. Selbst amerikanische Medien wie das People Magazine oder Cosmopolitan haben bereits über die Aktion berichtet. Wir haben mit der wunderschönen 31-Jährigen über Bodyshaming, Selbstliebe und große Ziele gesprochen.

WOMAN: Was hat dich dazu bewegt eine solche Kampagne zu starten?
Silvana: Mit meiner Arbeit als Plus Size Model und Fotografin setze ich mich schon seit einigen Jahren für ein realistisches Körperbild ein. 2014 habe ich dann meinen ersten CURVeveS-Kalender herausgebracht, ein Charityprojekt zugunsten von “Brustkrebs Deutschland e.V.”, der kurvige Frauen zeigt. Im letzten Sommer habe ich für ein Magazin eine Fotostrecke zum Thema “Love your Body” bzw “BodyLove” geschossen. Dazu habe ich drei Plus Size Models nackt (Intimbereich und Brust verdeckt) abgelichtet. Die Fotos habe ich, wie es ja bei Magazinstrecken üblich ist, retuschiert. Kurz vor Veröffentlichung hat das Magazin dann sein Konzept für die Ausgabe geändert und die Fotos passten nicht mehr. Daher entschloss ich mich, zusammen mit den Models, die Fotos selbst auf Facebook zu veröffentlichen. Die Resonanz war enorm, also beschloss ich die Serie auszuweiten, fotografierte von da an Männer, Frauen, Paare unterschiedlichsten Alters, mit verschiedenen Kleidergrößen, mal mit, mal ohne Tattoos, usw. Irgendwann habe ich mich dann auch dazu entschlossen, die Fotos nicht mehr zu retuschieren, denn der Titel war ja immer noch "BodyLove" und durch das Retuschieren der Fotos waren sie nicht mehr 100%ig real. Ich habe gemerkt, dass die Fotos viel Potenzial haben, etwas zu bewegen, also überlegte ich, wie ich mehr Aufmerksamkeit darauf lenken könnte und so war die Idee geboren, die Fotos in einer Fußgängerzone zu schießen. Zunächst als eine einmalige Aktion in Siegen geplant, entwickelte sich daraus eine Tour, die mich mittlerweile auch schon in europäische Städte wie Paris oder nach Wien brachte. Ich stehe mit meiner eigenen Geschichte hinter der Kampagne, meinem Kampf mit mir selbst, gegen meine Essstörung und meinem Weg, den ich gegangen bin, um mich selbst lieben zu lernen.

»Ein junger Mann hockte sich vor die Frauenreihe, schoss ein Selfie und rief den Damen zu “You are all beautiful!”«

WOMAN: Am 4. Februar warst du auch in Wien auf der Kärnterstraße. Erzähl uns davon!
Silvana: Das Fotoshooting in Wien war fantastisch. Wie bei allen "BodyLove"-Shootings herrschte eine ganz besondere Atmosphäre. Die Mädels hatten wahnsinnig viel Spaß, trotz der Kälte strahlten sie und haben gezeigt, dass man mit jeder Größe selbstbewusst sein und zu sich stehen kann. Natürlich blieben viele Schaulustige stehen, einige von ihnen fragten auch sehr interessiert nach, um was es sich handelt und lobten die Aktion. Ein junger Mann hockte sich vor die Frauenreihe, schoss ein Selfie und rief den Damen zu “You are all beautiful!” und verschwand ganz schnell wieder. Die Resonanz der Menschen war überaus positiv, es wurde geklatscht und gejubelt, einfach toll.

#BodyLove Aktion

WOMAN: Du selbst bist Plus-Size-Model. Dazu gehört doch bestimmt viel Selbstbewusstsein, oder?
Silvana: Ich weiß gar nicht, ob da so viel Selbstbewusstsein dazu gehört, denn ich mag mich einfach gern kurvig :) Ich war früher deutlich schlanker, trug Kleidergröße 36/38. Damals fand ich mich immer zu dick. Dadurch, dass ich schon immer sehr sportlich war, hatte ich eher kräftigere, muskulösere Oberschenkel und Oberarme, die fand ich immer ganz furchtbar. Es ging irgendwann sogar so weit, dass ich meinen Körper gehasst habe. 2007 dann nahm ich in einer Lebenskrise sehr viel zu, nachdem ich mich da wieder raus gekämpft hatte, habe ich wieder einen Teil abgenommen und trug seitdem Kleidergröße 42/44. Erst da habe ich angefangen, mich selbst zu akzeptieren wie ich bin. Das Modeln, mit dem ich 2010 professionell begonnen habe, hat mir auch sehr dabei geholfen. Ich habe seitdem auch so viele wunderbare Menschen kennengelernt, die mir gezeigt haben, dass es nicht die Zahl auf der Waage ist, die einen Menschen ausmacht.

WOMAN: Bist du jemals in Kontakt gekommen mit Mobbing?
Silvana: Seit ich in der Öffentlichkeit stehe habe ich mit direkten, persönlichen Anfeindungen glücklicherweise keine Erfahrungen gemacht. Allerdings gibt es im Internet immer wieder Menschen, die einen beleidigen. So standen z.B. einmal unter einem Interview, das ich für Spiegel Online gegeben habe Kommentare wie: “Wie ekelhaft und widerlich” oder “Mit dem Gewicht sitzt man nur den ganzen Tag auf der Couch und frisst Chips!” - Zu der Zeit trainierte ich gerade für einen Triathlon...
Ich habe aber gelernt, mir das gar nicht mehr zu Herzen zu nehmen.

WOMAN: War es nicht schwierig Frauen zu finden, die sich auf der Straße bis auf die Unterwäsche ausziehen?
Silvana: Anfangs war es tatsächlich noch etwas schwierig, weil wir nicht wussten, wie Außenstehende reagieren würden. Mittlerweile bekomme ich schon ohne meine Facebook-Aufrufe aus allen möglichen Städten und Ländern Bewerbungen. Einfach toll!

WOMAN: Wie waren die Reaktionen auf die Kampagne?
Silvana: Die Resonanz war einfach überwältigend. Nachdem weltweit große Medien darüber berichteten, gab es immer mehr Menschen aus aller Welt, die sich für die Kampagne bedankten, mir ihre Geschichten erzählten und erklären, welchen Mut ihnen die Fotos machen. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass meine Idee so weite Kreise ziehen und so viele Menschen berühren würde.

»Ich weiß, dass auch viele Männer unter Druck stehen, perfekt zu sein. Waschbrettbauch und volles Haar - so werden Männer in den Medien dargestellt.«

WOMAN: Auch Männer sind auf den Bildern zu sehen. Ist Bodyshaming auch für Männer ein großes Thema?
Silvana: Ich weiß, dass auch viele Männer unter Druck stehen, perfekt zu sein. Waschbrettbauch und volles Haar - so werden Männer in den Medien dargestellt. Seit ich die "BodyLove"-Aktionen mache, haben mir auch immer wieder Männer geschrieben, die mir das bestätigt haben. Vielleicht ist es nicht ganz so ausgeprägt wie bei Frauen, aber auch Männer sind mit Bodyshaming konfrontiert.

WOMAN: Was kann jeder einzelne für mehr Selbstliebe- und Akzeptanz tun?
Silvana: Es ist ein Prozess, das ist klar, so etwas geht sicher nicht von heute auf morgen. Aber man sollte versuchen, etwas entspannter mit sich umzugehen, seine Stärken betrachten und nicht immer die vermeintlichen Schwächen. Jeder Mensch ist doch so viel mehr als nur eine Zahl auf einer Waage. Das muss man sich immer wieder bewusst machen.

WOMAN: Wie geht es mit der Kampagne weiter? Was ist dein großes Ziel?
Silvana: Ich habe gerade erfahren, dass mein Kooperationspartner, der deutsche Online-Handel Happy Size, die Kampagne mit mir weiterführen möchte. Nach London geht es dann für weitere Shootings im März nach Mailand, Rom und Dresden.
Mein großer Traum ist es, mit der Kampagne irgendwann in die USA zu gehen, 8 Models auf dem Times Square in New York oder auf dem Santa Monica Pier in Los Angeles. Das wäre gigantisch. Viele Magazine in den USA haben ja über die Kampagne berichtet und einige baten mich darum, mitzuteilen, wenn ich es wirklich schaffen sollte, dorthin zu kommen. Ich arbeite weiter daran, dass der Traum eines Tages wahr wird. :)