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„Wer möchte Selbstmordattentäterin werden?“

Sie ist gerade einmal 16, aber hat schon Unvorstellbares durchgemacht. Ein bewegendes Interview mit einer, die flüchten konnte - vor der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram, die hunderte entführte Schulmädchen für Selbstmordanschläge missbraucht.


Trauriger Jahrestag: 200 entführte Schulmädchen durch Boko Haram
© CNN International

Am 14. April jährt sich die Entführung von 276 Schulmädchen im nigerianischen Chibok durch die islamistische Terrorgruppe Boko Haram. CNN-Korrespondent David McKenzie hat mit einigen der Mädchen, die entführt worden sind und denen die Flucht gelang, gesprochen. Sie berichten über Missbrauch und den Zwang, als menschliche Munition für die Terroristen hergehalten haben zu müssen.

Die Social Media-Kampagne #BringBackOurGirls machte weltweit auf die Entführung von Frauen und Mädchen durch die Terroristen aufmerksam. Im vergangenen Jahr bediente sich die Gruppe einer abscheulichen Taktik: Einer neuen alarmierenden Statistik der UNICEF zufolge hat sich der Missbrauch von Kindern in den vier Staaten – Nigeria, Niger, Chad und Kamerun – verzehnfacht. In diesen vier Ländern wütet Boko Haram bereits seit zwei Jahren.

„Sie kamen zu uns, um uns auszusuchen“, erinnert sich Fati (16), deren Namen aus Sicherheitsgründen geändert wurde. „Sie fragten: ‚Wer von euch will eine Selbstmordattentäterin werden?‘ Und die Mädchen riefen immer ganz laut ‚ich, ich, ich‘ – sie haben sich darum gestritten, als menschliche Waffe herhalten zu dürfen.“

Es ist kaum vorstellbar, dass sich Mädchen um die Rolle als Selbstmordattentäterin streiten. Aber das liegt nicht etwa an der brutalen Gehirnwäsche, die die Terroristen betreiben, sondern vielmehr daran, dass die Mädchen durch ihren Selbstmord hoffen, dem Hunger, den sie leiden und den Misshandlungen und Vergewaltigungen, die sie ertragen müssen, zu entfliehen. „Sie sehnen sich nach einem Ausweg“, erklärt Fati.

McKenzie traf Fati im Flüchtlingscamp von Minawao im Norden Kameruns. Sie spricht selbstsicher, sich immer an die Armreifen um ihr Handgelenk fassend. Sie seien ein Geschenk ihrer Mutter gewesen, die einzige Verbindung zur Heimat, nachdem sie – wie hunderte andere Mädchen – entführt und zur Heirat mit einem der Terror-Kämpfer gezwungen wurde.

„Sie meldeten sich freiwillig, weil sie Boko Haram entfliehen wollten“, sagt sie. „Wenn die Terroristen ihnen eine Sprengweste gegeben hätten, hätten diese Mädchen auf Soldaten treffen und ihnen die Situation erklären können. Dann hätten die Soldaten die Bombe entfernen können und die Mädchen wären frei. Das war ihre Hoffnung.“

Als Boko Haram vor zwei Jahren ihr Dorf einnahm, gab es für Fati selbst keine Fluchtmöglichkeit. Ihr künftiger "Ehemann" trug eine Waffe und Fatis Eltern bezahlten bereits 8.000 Naira, um ihre beiden Brüder in Sicherheit zu schmuggeln. Es gab nichts, was sie hätten tun können.

„Wir sagten: ‚Nein, wir wollen nicht heiraten. Wir sind noch zu klein‘“, erinnert sich Fati. „Also zwangen sie uns dazu.“

Nachdem er sie zum ersten Mal vergewaltigt hatte, gab ihr Peiniger ihr ein Geschenk – ein lila-braunes Kleid mit einem passenden Kopftuch, das sie in den kommenden zwei Jahren unter seiner Kontrolle tragen musste. Später wurde Fati in das Boko Haram-Camp in den Sambisa-Sümpfen verschleppt. Als ihr Kidnapper plötzlich überlief, ergriff sie ihre Chance und floh:


Nun ist sie wieder mit ihrer Mutter vereint, die eine tagelange Reise zum Minaweo-Camp auf sich nahm. Fati sagt, dass noch eine Menge weiterer Mädchen in den Sümpfen gefangen gehalten werden – einige von ihnen mehr als bereit, ihr Leben durch Selbstmordanschläge aufs Spiel zu setzen, in der Hoffnung diese eventuell zu überleben.

Statistiken machen zwar sprachlos, aber es sind Geschichten wie diese, die einen daran erinnern, dass dem Thema nicht genügend Aufmerksamkeit entgegengebracht werden kann.

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