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Mehr Genuss für Babys: breifreie Beikost

Mit Babynahrung verbinden wohl die meisten von uns automatisch Brei. Dass aber unsere Kleinsten sich ebenso "ganz normal" und nicht nur von pürierten Lebensmitteln ernähren können, zeigen Manuela Christl und Eva Kamper-Grachegg beziehungsweise ihre Töchter Juni und Annika.

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Junika beginnt zu essen

Annika Grachegg, Eva Grachegg, Juni Christl, Manuela Christl

© Martin Moravek

Die Freundinnen Manuela Christl und Eva Kamper-Grachegg wurden zufällig fast zur gleichen Zeit schwanger und informierten sich intensiv zum Thema Ernährung für Babys, darunter das Konzept „Baby-led weaning“, übersetzt „vom Baby geführtes Entwöhnen“: Darin wird davon ausgegangen, dass das Kleinkind selbst bestimmt, was und wie viel es essen möchte. Meist ab dem vollendeten 6. Lebensmonat können Babys bereits - babygerechtes - Fingerfood zu sich nehmen und entdecken das Essen selbst ohne Fütterkampf. Nebenbei wird die oder der Kleine weiterhin gestillt oder bekommt das Fläschchen.

Wie es den beiden Müttern - beziehungsweise natürlich den Töchtern - mit dieser breifreien Beikost ergangen ist, erzählen sie auf Ihrer Website "Junika beginnt zu essen" und in unserem Interview:

WOMAN: Das erste Lebensjahr mit seinem Baby ganz ohne Beikost in Breiform zu bestreiten – das ist schon ein sehr ungewöhnliches Ernährungskonzept für Kleinkinder?
Manuela: Eva und ich kennen uns schon sehr lange, und wir teilen eine große Leidenschaft für gutes Essen und fürs Kochen. Das Schicksal wollte es, dass wir zur selben Zeit schwanger wurden, und wir fingen schon während unserer Schwangerschaft damit an, uns intensiv mit dem Thema Ernährung für Babys auseinanderzusetzen. Ich bin dann auf das Konzept des „Baby-led Weaning“ gestoßen, und wir waren von der Vorstellung begeistert, unsere Kinder von Beginn am Familienessen teilhaben zu lassen. Uns erschien es einfach logisch und sehr natürlich, auf das Füttern mit dem Löffel zu verzichten und unseren Kindern stattdessen die Möglichkeit zu geben, Nahrungsmittel optisch, haptisch und geschmacklich unverfälscht kennenzulernen.

WOMAN: Aber ist es nicht auch ein Risiko, Kinder in einem Alter von etwa sechs Monaten bereits mehr oder weniger alleine essen zu lassen? Stichwort: Verschlucken.
Manuela: Natürlich muss man ein wachsames Auge auf sie haben während sie essen, aber das sollte man bei älteren Kindern ohnehin auch. Die Kleinen experimentieren mit den Lebensmitteln, und wir geben ihnen diesen Spielraum, gestehen ihnen einen hohen Grad an Autonomie zu. Für uns, aber auch für unsere Familien, ist diese Form des täglichen gemeinsamen Essens am Familientisch mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden.

Junika beginnt zu essen

WOMAN: Wie aufwändig ist es, Baby-led Weaning-gerecht für die Kinder und für den Rest der Familie zu kochen?
Manuela: Man muss sich die Zeit schon nehmen, aber der Aufwand hält sich in Grenzen. Sonst würden wir das ja auch nicht unter einen Hut bekommen! Wir kochen jeden Tag frisch, vorwiegend mit regionalen und saisonalen Zutaten in Bio-Qualität. Aber eben nicht nur für unsere Babys, sondern auch für uns, ältere Kinder und unsere Ehemänner. Es soll ja ein echtes Familienessen sein. Dieser Weg hat nicht zuletzt auch das Bewusstsein für Ernährung in unseren Familien wieder geschärft. Wir profitieren alle davon.

WOMAN: Seid ihr auf diesem Weg, den ihr gewählt habt, auch auf Widerstand gestoßen?
Manuela: Natürlich! Sei es bei Familienmitgliedern, im Freundeskreis oder teilweise auch Kinderärzten. Das Konzept ist eigentlich gar nicht so neu, der Name aber ist es. Und in den letzten Jahrzehnten haben sich die großen Breihersteller nun mal etabliert…

WOMAN: … und euer Buch ist ein Versuch, diesen kritischen Stimmen entgegen zu treten?
Manuela: Uns war es in erster Linie einfach wichtig, unsere Geschichte zu erzählen, unsere Erfahrung mit anderen zu teilen, und eine Auswahl an Rezepten, die wir im Laufe der letzten Monate zusammengestellt und mit unseren Kindern gemeinsam ausprobiert haben, weiterzugeben. Wir haben uns an die Grundregeln von „Baby-led Weaning“ gehalten und uns ansonsten wirklich auf unsere Kinder und unser Bauchgefühl verlassen. Wir hatten natürlich das Glück, uns gegenseitig Rat geben zu können, uns auszutauschen und den Rücken zu stärken, wenn wieder mal eine Oma meinte, das Kind benötige doch endlich eine ordentliche Portion Brei. Das hat schon sehr geholfen.

Junika beginnt zu essen

WOMAN: Gibt es denn so etwas wie den perfekten Leitfaden für Baby-led Weaning?
Manuela: Einen Leitfaden an sich gibt es nicht, denn es gibt für jeden Weg ein für und wider. Im Grunde muss jeder und jede für sich entscheiden, in welchem Ausmaß und wie konkret er oder sie dieses Konzept verfolgt. Aber ein solider Hausverstand und Interesse für Nahrungsmittel sind jedenfalls sehr hilfreich auf diesem Weg.

WOMAN: Wie war die Reaktion anderer Eltern? Schließlich gibt es ja sehr viele unterschiedliche Auffassungen über Kinderernährung und viel Verunsicherung?
Manuela: Klar haben wir beide immer wieder kritische Blicke geerntet für die Art, wie wir unsere Kinder an Essen herangeführt haben. Der Großteil der Kinder wird mit Brei ernährt, die meisten davon mit gekauften Gläschen, nehme ich an. Und was man nicht kennt, macht immer ein wenig Angst. Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass Aufklärung eigentlich der einzig richtige Weg ist, um diese Verunsicherung aus der Welt zu schaffen. Erklären, diskutieren und zeigen, denn spätestens wenn unsere Kinder zu essen angefangen haben, verstummten die meisten kritischen Stimmen. Und das liegt, denke ich, vor allem daran, dass sie sehen, wie viel Spaß wir alle daran haben, gemeinsam zu essen. Unsere Kids gehören einfach dazu und sie sind sehr geschickt in dem, was sie tun. Und wenn sie sich doch mal verschlucken, würgen sie das Stückchen höchst professionell wieder hoch – und lachen einen an. Das kann schon richtig beeindruckend sein!

WOMAN: Welchen Rat würdet ihr Baby-led Weaning-interessierten Eltern mit auf den Weg geben?
Manuela: Jede Familie muss ihren eigenen Weg für die Beikost finden. Unser Weg war für uns der richtige, wir haben uns lange damit beschäftigt und für uns definiert, was wichtig ist. Nämlich, dass unsere Kinder offen auf neue Lebensmittel reagieren, gerne probieren und neugierig sind. Dass sie gesund und frisch bekocht gemeinsam mit uns an einem Tisch essen. Dafür wirklich offen zu sein: Das ist vielleicht der beste Rat, den man jemandem geben kann.

Junika beginnt zu essen

WOMAN: Aber es gibt bestimmt einige Punkte, auf die man achten sollte?
Manuela: Nun ja, man sollte sich jedenfalls sehr genau informieren und nicht unbedingt den Weg gehen, den alle gehen. Außer, man ist wirklich davon überzeugt. Eltern sollten wieder lernen, sich auf ihre Instinkte, ihr Bauchgefühl zu verlassen. Viele lassen sich viel zu leicht verunsichern in ihren Entscheidungen. Ganz wichtig ist es, auf die Bedürfnisse seines Kindes zu hören. Das Kind will Brei? Dann soll es diesen bekommen. Es möchte lieber am Familienessen teilnehmen? Bitte gerne! Auch so junge Babys verfügen schon über große Kompetenz und ihnen die auch bei der Ernährung zuzugestehen, kann diese enorm steigern und erweitern.

WOMAN: Wie unterscheidet sich euer Buch von Inhalten eurer Website?
Manuela: „Junika beginnt zu essen“ ist vor allem ein Kochbuch. Wir haben Evas Tochter Annikas und meiner Tochter Junis – daher übrigens auch der Name Junika, zusammengesetzt aus den beiden Vornamen – Lieblingsrezepte zusammengetragen und in ein Buch gepackt. Natürlich kommen auch unsere Geschichte und Grundregeln von Baby-led Weaning im Buch vor, aber vorwiegend ist es ein Kochbuch, das Anregungen für den Familientisch bieten soll.
Auf unserer Website stellen wir regelmäßig spezielle Nahrungsmittel vor, erzählen von unseren Erfahrungen, im Tagebuch lässt sich der Beikost-Weg von Juni ganz gut nachvollziehen und wir sind mit unseren Leserinnen und Lesern auch über Facebook in engem Kontakt und Interaktion. Das ist uns enorm wichtig.

Anfang Juli erscheint das Buch zu "Junika beginnt zu essen" - das erste deutschsprachige Kochbuch mit BLW-tauglichen Rezepten: Zu bestellen über junikabeginntzuessen.com sowie erhältlich in einigen ausgewählten Kindergeschäften in Wien oder auf Amazon. Weitere Infos auf junikabeginntzuessen.com.

Junika beginnt zu essen

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