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Das Leben ist nicht Extra-Small!

Geht es bei Magersucht nur um dünn sein? Nein. Wir haben mit einer Betroffenen über eine Krankheit gesprochen, die noch immer ein Tabu-Thema ist, obwohl sie jeden treffen kann!

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Brite Jensen Interview - magersüchtig

Brite hat den Weg aus der Magersucht geschafft!

© Anne Kurras

Dir könnte es nie passieren magersüchtig zu werden? Das dachte die damals 16-jährige Brite Jensen aus Hannover auch. Doch plötzlich wurde aus einer Diät und ein wenig Sport ein Leben, das sich nur noch um Kalorien zählen und Abnehmen drehte. Mit einer Größe von 1,70m und 45,9 Kilo war Brite schon lebensgedrohlich dünn und musste gezwungenermaßen mit einer ambulanten Therapie beginnen. Wir haben mit der heute 20-jährigen Studentin über eine Krankheit gesprochen, die jeden treffen kann.

»Essen war in dieser Zeit eigentlich nur noch eine Qual.«

WOMAN: Du warst gerade mal 16 Jahre alt, als du an Magersucht erkrankt bist. Kannst du beschreiben, wie alles anfing?
Brite: Am Anfang habe ich Süßigkeiten und andere ungesunde Dinge weggelassen und dazu in einem normalen Maße Sport gemacht. Irgendwann wurde aus dem „Süßigkeiten weglassen“ mehr- dann habe ich auch die normalen Lebensmittel nicht mehr gegessen- nur noch das, was ich dringend brauchte, um am Leben zu bleiben. Dazu hat sich der tägliche Sport um ein Vielfaches gesteigert, um die gegessenen Kalorien möglichst 1:1 wieder abzutrainieren.

Brite Jensen Interview - magersüchtig

WOMAN: Konntest du Essen dabei überhaupt noch genießen?
Brite: Nein, gar nicht mehr. Essen war in dieser Zeit eigentlich nur noch eine Qual. Egal, was ich gegessen habe - immer musste ich rechnen, verstecken oder mich fragen, ob es nicht etwas mit noch weniger Kalorien gegeben hätte. Essen war also eigentlich nur noch etwas, das sein musste und mir extremen Stress bereitete.

WOMAN: Man wird nicht von heute auf morgen magersüchtig. Wann wurde dir bewusst, dass du eine Essstörung hast?
Brite: Das erste Mal bewusst wurde es mir bei ungefähr 51,8 Kilo, als ich mich selbst im Spiegel gesehen hab und dachte, dass es so nun eigentlich reicht, dass evtl. sogar ein wenig Zunehmen nicht schadet. Als ich mir dann etwas „gönnen“ wollte, worauf ich Lust hatte und das nicht mehr ging, weil die Angst vorm Zunehmen so groß war... Da habe ich schon gemerkt, dass etwas „nicht stimmt“. Trotzdem habe ich das nicht so richtig ernst genommen. Als dann die „offizielle“ Diagnose kam, fiel es mir leichter zu glauben, was los ist. Ich musste mein Verhalten selbst nicht mehr rechtfertigen, bzw. irgendwie vor mir selbst verharmlosen, sondern hatte einen Grund, durch den ich es mir alles erklären konnte.

Brite Jensen Interview - magersüchtig

WOMAN: Wie äußerste sich deine Magersucht?
Brite: Mein Tag bestand eigentlich hauptsächlich aus Sport und Rechnungen. Ich bin morgens aufgestanden, habe zwei Brötchen, ohne das Innenleben, mit etwas kalorienarmem Aufstrich gegessen und bin mit dem Fahrrad zur Schule gefahren. Dort habe ich dann bis halb vier so gut wie gar nichts gegessen, es sei denn ich musste, weil es mir körperlich schlecht ging. Zuhause habe ich dann Hausaufgaben gemacht, aufgeräumt, gelernt oder Sport gemacht. Mein ganzer Tagesablauf hat sich eigentlich nur noch um Sport und Essen gedreht und darum, mit welchen Methoden ich am schnellsten abnehmen konnte.

WOMAN: Also würdest du sagen, dass auch Sport bei einer Essstörung eine Rolle spielt?
Brite: Es ist schwierig, das so pauschal zu beantworten. Gerade bei der Magersucht ist Sport ein zunächst eher unauffälliges Mittel, um einen schnellen Gewichtsverlust herbeizuführen, da ein wenig Sport im Allgemeinen nicht schadet und gut zu integrieren ist.

WOMAN: Hat denn niemand in deiner Familie oder in der Schule etwas bemerkt?
Brite: Doch, na klar haben die etwas bemerkt und waren misstrauisch. Ganz besonders meine Eltern - die haben ja auch ziemlich früh reagiert. Ich denke, eine Magersucht ist gerade im Anfang sehr schwer zu erkennen, weil man als Betroffene immer Ausreden oder Begründungen für das eigene Verhalten finden kann. Da es von außen extrem schwer sein muss, sich in so ein Verhalten hineinzuversetzen, ist es auch verständlich, dass diese Ausreden zunächst angenommen und akzeptiert werden – es möchte ja auch keiner Probleme machen, wo eigentlich gar keine sind.

»Auf mich persönlich hatten Models kaum bis gar keinen Einfluss.«

WOMAN: Würdest du sagen, dass Models einen starken Einfluss auf dich hatten?
Brite: Auf mich persönlich hatten Models kaum bis gar keinen Einfluss. Ich habe mich eher mit Gleichaltrigen aus meiner Umgebung verglichen, als mit Models.

WOMAN: Was hältst du persönlich von Model-Castingshows?
Brite: Ich finde diese Art von Castingshows sehr schwierig, weil ich denke, dass dort ein falsches Ideal erzeugt wird. Nur Frauen oder Männer mit bestimmten, vorgegebenen Maßen haben eine Chance auf Erfolg, die anderen nicht. Wer hat das Recht vorzugeben, wer schön oder erfolgreich ist?
Auf der anderen Seite finde ich die Plus-Size Models Bewergung sehr positiv - auch wenn die Bezeichnung „Plus-Size“ nicht immer korrekt ist. Es ist immerhin ein Schritt in die richtige Richtung. Ich hoffe dass es irgendwann ganz selbstverständlich ist, Models mit verschiedenen Maßen zu buchen.

WOMAN: Gab es eine bestimmte Person, die dir in dieser Zeit sehr geholfen hat?
Brite: Das waren ehrlich gesagt viele Personen. Auf jeden Fall meine Eltern, meine beste Freundin im privaten Rahmen und dann natürlich auch der Therapeut.

WOMAN: Wie geht es dir denn heute?
Brite: Die Magersucht ist für mich wortwörtlich gegessen. Sie spielt in meinem Leben nun keine Rolle mehr, ich habe gelernt, mit Stress, Kummer oder anderen Problemen anders umzugehen und zu lösen.

WOMAN: Kannst du wieder mit Appetit essen?
Brite: Auf jeden Fall. Ich genieße es immer noch so sehr, abends mit Freunden essen zu gehen und mir das zu bestellen, worauf ich Lust habe- nicht das mit den wenigsten Kalorien...

WOMAN: Gibt es noch Momente, in denen du Rückfälle hast?
Brite: Nein, zum Glück nicht. Ich habe gelernt, in Situationen, die eine potenzielle „Rückfallgefahr“ darstellen, ganz anders zu reagieren. Dank der Therapie kann ich das Lösungsmuster „Magersucht“ durch andere Dinge ersetzen kann, die wirklich zur Problemlösung beitragen und mir gut tun.

WOMAN: Was rätst du jungen Frauen, die an einer Essstörung leiden?
Brite: Auch wenn es vielleicht einfacher gesagt als getan ist: Wichtig ist die Fokussierung auf das, was man hat, nicht das, was fehlt. Es braucht viel Durchhaltevermögen und Geduld, aber ich bin sicher, dass es jeder schaffen kann, zu einem gesunden Lebensstil zurückzufinden. Außerdem denke ich, dass es hilft, sich Freunden, Familie oder anderen Bekannten anzuvertrauen und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.

WOMAN: Was können Angehörige und Freunde tun, um zu helfen?
Brite: Ein Gespräch mit der betroffenen Person alleine signalisiert „Du bist nicht allein". Wichtig ist, sich auf Augenhöhe zu begegnen und dem Gespräch keinen „belehrenden“ Charakter zu geben. Stattdessen vielleicht interessiert fragen, ehrlich miteinander reden, gemeinsam nach Lösungen oder Hilfe suchen und vor allem: Zuhören.

Brite Jensen Interview - magersüchtig

Das Buch von Brite Jensen "Das Leben ist nicht Extra Small" ist ein berührender Erfahrungsbericht für Betroffene, in dem auch Eltern und Freunde zu Wort kommen. Erhältlich für Euro 9,99 bei Schwarzkopf Verlag.

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