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Der Fall Brock Turner: "Du kennst mich nicht, aber du warst in mir."

Eine Vergewaltigung erschüttert aktuell die USA. Weil wie so oft der Täter zum Opfer gemacht wurde und dem Opfer die Schuld zugeschoben wurde. Aber bei Brock Turner ging die Rechnung nicht ganz auf...

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Brock Turner

Brock Turners "Mugshot" - das Foto, das nach der Verhaftung von der Polizei gemacht wurde

© Reuters

Vor dem Gesetz sind alle gleich? Leider nicht ganz! Ist man beispielsweise ein Student an einer Elite-Universität, erfolgreicher Schwimmer, weiß und hat reiche Eltern, dann sieht das Rechtssystem und auch der Umgang der Medien, die über dich berichten, oftmals schon ganz anders aus.

Das zeigt aktuell der Fall Brock Turner, den sämtliche US-Medien abhandeln und der ebenso heftig in sozialen Netzwerken diskutiert wird. Kurz zusammengefasst: Nach einer Party an der Universität Stanford vergewaltigte Turner eine Frau hinter einem Müllcontainer, die währenddessen bewusstlos war.

Wenn ein Mann eine Frau vergewaltigt, ist Alkohol der Grund, warum er nichts dafür kann. Und gleichzeitig der Grund, warum sie die Schuld trägt.

Obwohl sich die 22-jährige Frau an nichts mehr erinnern konnte, wurde der Täter aufgrund der erdrückenden Beweislast gefasst. Dank einem Staranwalt wurde während der Verhandlung versucht die Schuld auf den Alkohol abzuwälzen, man betonte die sportlichen sowie schulischen Erfolge des Vergewaltigers beziehungsweise suchte man im Privatleben des Opfers (vergeblich) nach irgendetwas Promiskuitivem.

Vergewaltigung ist ein Gewaltverbrechen - egal was für Getränke du als Frau zuvor konsumiert hast.

Der damals 20-Jährige wurde nun zu milden sechs Monaten Gefängnis (wovon er voraussichtlich nur drei absitzen muss) verurteilt. Vergewaltigungsopfer hingegen bekommen im übertragenen Sinne meist lebenslang.

Aber auch das sei noch viel zu hart, meldet sich nun der Vater des Täters in einem Brief an den Richter zu Wort. Ein Brief, in dem er umschreibt, dass sein Sohn nun nie wieder so unbekümmert und fröhlich sein könne und nicht mehr sein einladendes Lächeln zeige. Zudem habe er nicht wie früher Appetit auf ein saftiges Steak oder Chips und Bretzeln. Das Urteil habe ihn und seine Familie zerstört und sein Leben wird niemals das werden, das er erträumt habe. Ein hoher Preis für doch nur 20 Minuten einer Tat.

NUR 20 Minuten. Die er sich einzig und allein selbst zuzuschreiben hat. Wie jeder Mensch ist Brock Turner alleine verantwortlich für seine eigenen Taten. Die junge Frau hingegen, deren Leben ebenso durch diesen Gewaltakt, der ihr angetan wurde, zerstört wurde, konnte rein gar nichts dafür. Sie gilt es in Schutz zu nehmen. Ihr gilt unser Mitleid und unser Respekt. Nicht einem erwachsenen Mann, der nun keinen Appetit mehr hat.

Der Vergewaltiger ist nicht das Opfer. Er ist der Täter.

Stanford-Professorin Michele Dauber veröffentlichte einen Teil dieses Briefes auf Twitter:

Ebenso ein Grund, warum dieser Fall so stark diskutiert wurde, ist das berührende Statement, welches das Opfer dem nun strafrechtlich verurteilten Sexualverbrecher während der Gerichtsverhandlung vorlas und welches von Buzzfeed veröffentlicht wurde. Teile daraus zitieren wir hier:

"Ich wachte am Morgen danach auf und man teilte mir im Krankenhaus mit, dass ich hinter einem Müllcontainer gefunden wurde, wahrscheinlich vergewaltigt von einem Fremden und dass ich wieder kommen sollte für einen HIV-Test. Aber jetzt sollte ich einfach nach Hause gehen und zu meinem normalen Leben zurückkehren. Stell dir vor, wie es ist wieder in die Welt hinaus zu gehen mit dieser Information.

Ich war noch nicht bereit, es meinem Freund oder meinen Eltern zu sagen, dass ich wahrscheinlich hinter einem Müllcontainer vergewaltigt wurde, aber nicht wusste von wem oder wann oder wie. Wenn ich es ihnen erzählen würde, würde ich die Angst in ihren Gesichtern sehen und meine eigene würde sich dadurch verzehnfachen, daher machte ich mir erst einmal vor, dass das alles gar nicht wahr sein würde.

Eines Tages in der Arbeit, ging ich die Nachrichten auf meinem Handy durch und stolperte über einen Artikel. Darin las ich das erste Mal, wie ich bewusstlos gefunden wurde, mit meinem zerzausten Haar,…, dem BH über mein Kleid gezogen, das Kleid über meine Schultern gezogen, so dass ich komplett nackt war, die Beine gespreizt und penetriert von jemandem, den ich nicht erkannte. So erfuhr ich, was mir widerfahren war. Ich erfuhr, was mit mir geschah zur gleichen Zeit, als alle anderen in der Welt erfuhren, was mit mir geschah. Und im nächsten Absatz las ich etwas, dass ich niemals verzeihen kann. Ich las, dass er behauptete, ich hätte dabei Spaß gehabt. Ich hätte Spaß gehabt. Ich habe gar keine Worte dafür, wie ich mich nun fühlte.

Und dann am Ende des Artikels, nachdem ich in drastischen Schilderungen gelesen habe, wie der sexuelle Übergriff bei mir selbst vor sich ging, wurden die Bestzeiten seiner Schwimmerkarriere angeführt. Sie wurde bewusstlos, ohne Unterhose gefunden - ach ja und übrigens: er ist ein echt guter Schwimmer.

Die Nacht, nachdem es geschah, sagte er, er wisse meinen Namen nicht, er würde mein Gesicht nicht identifizieren können, die Nacht, nachdem es geschah, sagte er, er glaube, es hätte mir gefallen, weil ich kurz seinen Rücken gestreichelt habe.

Ich dachte, das würde nie vor Gericht gehen; es gab Zeugen, da war Schmutz auf und in meinem Körper, er lief weg, aber wurde gefasst. Er würde sich formell entschuldigen und wir würden beide weiterleben. Stattdessen hörte ich, dass er sich einen cleveren Anwalt nahm, Sachverständige und Privatdetektive, die versuchten Details über mein Privatleben herauszufinden, die man gegen mich verwenden könnte, um Lücken in meiner Geschichte zu finden, um mich zu entwerten und um zu zeigen, dass die Vergewaltigung nur ein Missverständnis wäre.

Mir wurde nicht nur erzählt, dass ich missbraucht wurde, mir wurde erzählt, weil ich mich nicht daran erinnern könnte, wäre es technisch kaum zu beweisen, dass ich es nicht wollte. Und das quälte mich, beschädigte mich, zerstörte mich beinahe. Es ist die traurigste Form der Verwirrung, wenn man dir erzählt, du würdest angegriffen und vergewaltigt in der Öffentlichkeit, aber man wisse nicht, ob es wirklich als Vergewaltigung zählt.

Ich wurde bombardiert mit scharfen Fragen, die mein Leben auseinandernahmen, meine Persönlichkeit, mein Liebesleben, meine Familie, sinnlose Fragen, um triviale Details zu finden, für eine Entschuldigung für einen Kerl, der dafür sorgte, dass ich nackt war und dem es zuvor nicht einmal wichtig war, mich nach meinem Namen zu fragen.

Wir waren beide betrunken, aber der Unterschied ist, dass ich nicht deine Unterhose entfernt habe, dich unangemessen berührt habe und dann weggelaufen bin. Das ist der Unterschied.

Du hast gesagt, du willst zeigen, dass ein betrunkener Abend ein Leben ruinieren kann. Ein Leben, dein Leben, meines hast du dabei vergessen. Lass mich das für dich umformulieren: Ich will anderen zeigen, dass ein betrunkener Abend zwei Leben ruinieren kann. Deines und meines. Du bist der Grund, ich bin die Auswirkung. Du hast mir meinen Wert, mein Privatleben, meine Energie, meine Zeit, meine Sicherheit, meine Intimität, mein Selbstvertrauen und meine Stimme weggenommen - bis heute.

Wir haben eine Sache gemeinsam, wir sind beide kaum mehr in der Lage morgens aufzustehen. Leiden ist mir nicht fremd. Du hast mich zum Opfer gemacht. In den Medien ist mein Name nur mehr „bewusstlose, betrunkene Frau“. Diese paar Silben, nichts mehr. Eine Weile dachte ich, das ist alles, was ich bin. Ich musste mich dazu zwingen, meinen wirklichen Namen und meine Identität wiederzufinden. Zu erkennen, dass das nicht alles ist, was ich bin. Das ich nicht nur ein betrunkenes Opfer auf einer Party war, dass hinter einem Müllcontainer gefunden wurde, während du der ganz amerikanische Schwimmer an einer Eilte-Universität warst - für dich galt die Unschuldsvermutung."

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