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Herr Bundeskanzler, sind Sie Feminist?

Er ist seit zehn Monaten Österreichs Bundeskanzler, als Politiker will sich Christian Kern trotzdem nicht sehen. Im WOMAN-Interview sagt der SP-Chef klar, dass unser Land ein Nachzügler in Sachen Gleichberechtigung ist, und warum er glaubt, kein gutes Vorbild für andere Männer zu sein ...

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Herr Bundeskanzler, sind Sie Feminist?
© Ernst Kainerstorfer

Sein Terminkalender ist minutiös durchgetaktet. "Wenn an einem Tag weniger als zehn Termine anstehen, ist es entspannt", lacht Bundeskanzler Christian Kern, 51. Hat er sich das so vorgestellt, als er vor zehn Monaten den Posten des ÖBB-Chefs gegen den SPÖ-Vorsitz getauscht hat? Oder ist er längst desillusioniert? "Es ist eine fantastische Aufgabe, aber es gibt Momente, da muss man sich daran selbst erinnern", gibt der gebürtige Wiener zu. "Ich habe gedacht, dass wir die Zukunft Österreichs in den Vordergrund stellen und etwas weiterbringen wollen, stattdessen geht es viel zu oft um kleingeistige, parteipolitische Vorteile. Von Bruno Kreisky stammt der schöne Satz: 'Der Sinn des Lebens ist das Unvollendete.' Seit ich in der Politik bin, verstehe ich das besser."

Und weil die Zeit knapp ist, treffen wir den vierfachen Vater auf der Rückreise von einem Meeting, das er vormittags in Steyr hatte. Wir steigen in St. Pölten zu, und während der Autofahrt – Pressesprecher und Security-Team daneben – macht sich der Kanzler mit uns Gedanken zum Thema Gleichberechtigung.

»Es gibt wichtigere Dinge im Leben, als im Büro noch eine Stunde abzusitzen.«

WOMAN: Sind Sie Feminist, Herr Bundeskanzler?

Kern: In mir steckt ein ausgeprägter Feminist! Wer im Jahr 2017 nicht für die Gleichberechtigung von Mann und Frau eintritt und sie nicht auch lebt, ist sehr altmodisch.

WOMAN: Denken Sie, dass Sie ein gutes Role Model für andere Männer sind?

Kern: So weit würde ich nicht gehen. Wenn man, so wie ich, einen Arbeitsalltag hat, der nie aufhört, ist man zeitlich nur limitiert verfügbar. Ich bemühe mich, meine familiären Aufgaben so gut es geht wahrzunehmen. Aber ich glaube auch, dass der Job des Bundeskanzlers eine schlechte Ausrede für den Rest meines Geschlechts ist.

WOMAN: Wann waren Sie zuletzt bei einem Elternabend?

Kern: Heuer war ich bereits bei einem. Meine Frau ist sehr erfolgreich in ihrem Beruf und kümmert sich sehr intensiv um die schulischen Belange. Und wenn ich in der Früh oder am Wochenende Zeit habe, übernehme ich. Da gibt es für mich keine Ausreden.

Powercouple. Mit Eveline Steinberger-Kern, der Geschäftsführerin von "The Blue Minds Company", ist Christian Kern seit über zehn Jahren liiert. Davor war er mit der Mödlinger Stadträtin Karin Wessely 16 Jahre lang verheiratet, sie haben drei Söhne.

WOMAN: Am 8. März ist Frauentag. Auf einer Skala von 1 bis 10: Wo steht Österreich in Sachen Gleichberechtigung?

Kern: Ich würde sagen, wir liegen bei einer 6. Leider ist die Bilanz nicht besser. Seit Johanna Dohnal vor 38 Jahren Staatssekretärin wurde, haben wir viel erreicht. Aber in den letzten Jahren ist es nur langsam vorwärts gegangen.

WOMAN: Alle sagen, sie wollen Gleichberechtigung, aber im Alltag sieht's anders aus! Warum geht hier nichts weiter?

Kern: Wir leben in einem konservativen Land. Sobald Veränderungen anstehen, gibt es viele Erklärungen, warum wir die nicht machen können.

WOMAN: Okay, machen wir es konkret: Was soll in diesem Bereich durchgesetzt werden?

Kern: Ich halte die Dinge, die wir jetzt vorantreiben, für ganz wichtig, etwa den Ausbau der Ganztagsschulen. Auch das zweite Kindergartenjahr ist enorm wichtig, hier müssen auch die Öffnungszeiten endlich auf ein modernes Niveau gebracht werden. Da gibt es teilweise Unterschiede, die völlig indiskutabel sind. So werden Frauen, seltener auch Väter, vom Erwerbsleben ausgeschlossen. Das müssen wir entschlossen umsetzen. Genauso wie die Quoten. Auf unserer nächsten Wahlliste müssen zumindest 40 Prozent der Kandidatinnen und Kandidaten weiblich sein. Das werden wir auch durchziehen.

WOMAN: Laut World Economic Forum werden Männer und Frauen erst in 117 Jahren auf Augenhöhe sein. Das ist doch zum
Haareraufen ...

Kern: Bliebe das so, müssten wir ja in Depressionen versinken! Da müssen wir viel rascher vorankommen.

WOMAN: Was tun Sie als Chef für die bessere Vereinbarkeit von Job und Familie?

Kern: Wir haben Kinderbetreuungseinrichtungen geschaffen, flexible Arbeitszeiten ermöglicht, Männer zur Karenz motiviert. Meine Büroleiterin bei der Bahn ist nach der Karenz in ihren Job zurückgekehrt und war zwei Tage pro Woche zu Hause. Eine andere enge Mitarbeiterin ist an drei von fünf Tagen um 14 Uhr gegangen. Ich bin davon überzeugt, dass man Mitarbeiter nicht an den Stunden messen kann, die sie in der Arbeit verbringen, sondern daran, was sie leisten. Es ist wichtig, dass jeder seinen privaten Verpflichtungen nachkommen kann. Das betrifft nicht nur Kinder, sondern auch ältere Familienmitglieder. Als mein Vater schwerkrank war, ist es auch vorgekommen, dass ich in Vorstandssitzungen aufgesprungen bin und gehen musste, weil etwas passiert ist. Es gibt eben oft wichtigere Dinge im Leben, als im Büro noch eine Stunde abzusitzen.

WOMAN: Apropos Arbeitszeit: Für eine Stunde Arbeit verdienen Frauen in Österreich fast ein Viertel weniger als Männer. Wie lässt sich diese Schere endlich schließen?

Kern: Wir haben vorgeschlagen, ein Lohntransparenzgesetz einzuführen. Frauen wissen oft gar nicht, was ihr Stellenwert ist. Das hab ich auch als Chef erlebt. Männer sind konsequenter und stellen sich stärker auf die Hinterbeine. Ich hätte in meinem jetzigen Team auch gern mehr weibliche Mitarbeiterinnen, aber es haben einige abgesagt.

Interview im Auto: Melanie Zingl, leitende Redakteurin, beim Gespräch mit Bundeskanzler Christian Kern. Der Terminkalender war so voll, dass sie kurzerhand mit auf Dienstreise fuhr.

WOMAN: Haben Sie schon einmal ein Angebot ausgeschlagen, weil Sie sich nicht für qualifiziert genug gehalten haben?

Kern: Meine Karriere ist sehr linear verlaufen. Ich hatte immer viel Zeit, um mich einzuarbeiten und auf die nächste Aufgabe vorzubereiten. Ich habe nicht alle Jobangebote angenommen, aber die, die mich interessiert haben, schon. Natürlich gibt es auch Jobs, die ich mir nicht zutraue. Die hat man mir aber glücklicherweise nicht angeboten. (lacht)

WOMAN: Die Regierung will im Juni eine verpflichtende Frauenquote für Aufsichtsräte beschließen. Warum nicht für Vorstände, wo wirklich die Entscheidungen fallen?

Kern: Die Überlegung dahinter ist, dass Frauen in Aufsichtsräten als Mentoren agieren, um auch in den operativen Jobs rascher mehr weibliches Personal zu bekommen. Leider ist das bei vielen Unternehmen viele Generationen lang vernachlässigt worden. Während meiner Zeit bei der Bahn hatten wir Quoten bei der Lehrlingsaufnahme, bei Traineeprogrammen, auf allen Unternehmensebenen. Wenn man erst auf Vorstandsebene mit der Frauenförderung beginnt, kann man logischerweise aus keinem großen Angebot schöpfen.

WOMAN: Welche Frau hätte denn das Zeug dazu, Ihnen den Job streitig zu machen?

Kern: Lassen Sie es mich anders formulieren: Mein Ziel ist es, dass, wenn ich mich eines Tages als SPÖ-Vorsitzender verabschiede, meine Nachfolgerin eine Frau ist.

WOMAN: An wen denken Sie da?

Kern: Da gibt es viele Namen! Zum Beispiel die drei Vorsitzenden in den Ländern: Elisabeth Blanik, Gabriele Sprickler-Falschlunger und Birgit Gerstorfer. Das sind echte Potenziale. Wir haben auch exzellente Bürgermeisterinnen, etwa in St. Valentin oder Altmünster. Wir haben genug Talente.

WOMAN: Kanadas Premierminister Justin Trudeau hat sich klar als Feminist bezeichnet. Er erzählte von seiner Frau, die meinte, dass es toll sei, wenn er seine Tochter bestärke, er müsse aber auch seinen Söhnen erklären, wie man Frauen richtig behandelt. Sie haben drei erwachsene Söhne und eine Tochter mit neun. Wie haben Sie das gemacht?

Kern: Die Erziehung ist ein wichtiger Punkt, wenn es darum geht, Verhalten in der Gesellschaft zu verändern. Ich bin mit einer starken und klugen Frau liiert. Das empfinde ich als unglaubliches Glück. Und ich glaube, dass man das als Mann aushalten kann, wenn man eine Partnerin hat, die einem in gewissen Punkten überlegen ist. Das ist eine Frage des Selbstbewusstseins. Selbstbewusste Männer brauchen auch keine sexistisch herablassenden "Locker Room Talks" (Donald Trump bezeichnete seine sexistischen Aussagen salopp als "Umkleidekabinen-Gerede", Anm.). Wenn ich mich als Mann so aufführen muss, um selbstbewusst zu sein, dann benehme ich mich ungefähr knapp über dem Entwicklungslevel der Primaten.

WOMAN: Welche Frauen haben Sie in Ihrem Leben geprägt?

Kern: Die Zusammenarbeit mit Angela Merkel erlebe ich gerade als sehr interessant, sie ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Auch Johanna Dohnal habe ich in ihrer Schlussphase noch mit einem enormen Respekt miterlebt. Es gibt eine Reihe von Frauenkarrieren die mich beeindrucken: Sheryl Sandberg von Facebook ist eine davon, auch Gitti Ederer oder meine eigene Frau, die in einer Männerdomäne Fuß gefasst hat, gehören dazu.

»Wenn sie ihrer Mutter nachgerät, wäre ich der glücklichste Mensch auf der Welt.«

WOMAN: Was bewundern Sie an Ihrer Frau?

Kern: Ihre riesige emotionale Intelligenz und gleichzeitig auch die Leidenschaft, mit der sie ihre Dinge macht. Ihr ist der Erfolg nicht in den Schoß gefallen, das war viel Arbeit. Ich finde es beeindruckend, wenn jemand viel investiert und seine Ziele erreicht.

WOMAN: Apropos Leistung: Die 30- bis 50-Jährigen gelten als die "gehetzte Generation". Sie wollen Erfolg im Beruf, eine Familie Wie können Sie da als Bundeskanzler zur Entspannung beitragen?

Kern: Mit Lebensweisheit: Es ist wichtig, im Leben die Prioritäten nicht zu verwechseln. Ich habe noch nie gehört, dass sich am Sterbebett jemand gewünscht hätte, mehr Zeit im Büro verbracht zu haben.

WOMAN: Was steht bei Ihnen an erster Stelle?

Kern: Ich habe eine große Verantwortung übernommen, das ist mir bewusst. Aber am Ende haben Familie und Freunde einen besonderen Stellenwert. Das darf man nie vergessen.

WOMAN: Wie viel Zeit bleibt aktuell dafür?

Kern: Sehr wenig. Es gibt Fixpunkte: das Frühstück in der Früh mit unserer Tochter, der Besuch bei meiner Mutter am Wochenende. Das hat sich alles sehr reduziert. Und wenn ich alle vier Wochen einmal einen Freund sehe, ist das Luxus.

WOMAN: Ihre Frau meinte im Vorjahr in WOMAN, dass Sie Ihre Terminkalender jetzt detaillierter abstimmen werden müssen. Gelingt das?

Kern: Wir versuchen es, aber wir mussten auch unser Kinderbetreuungs-Netzwerk ausweiten. Zum Glück hat unsere Tochter drei ältere Brüder, die da auch immer wieder einspringen. Das hat auch etwas Positives, so ist die Familie öfter zusammen.

WOMAN: Welche Frau soll aus Ihrer Tochter einmal werden?

Kern: Wenn sie ihrer Mutter nachgerät, wäre ich der glücklichste Mensch auf der Welt.

»Ein offenes, unverblümtes Urteil darfst du dir nicht mehr von allzu vielen erwarten. Meine Frau ist mein größter Unterstützer und Kritiker zugleich.«

WOMAN: Am 17. Mai 2016 sind Sie von der Privatwirtschaft in die Politik gewechselt. Sind Sie der Politiker geworden, der Sie werden wollten?

Kern: Ah, ich bin kein Politiker geworden! Wenn Sie das zu mir sagen, schau ich mich um, wen Sie da gemeint haben. Ich sehe das als Phase in meinem Leben, in der ich versuche, der Gemeinschaft etwas zurückzugeben. Ich habe aber auch immer gesagt, dass es ein Abschnitt ist und ich mich danach auch wieder anders orientieren werde. Macht und Politik verändern Menschen. Du musst dir deine Reflexionsfähigkeit bewahren. Was ist die Rolle? Und was ist das, was den Menschen wirklich ausmacht?

WOMAN: Welche Veränderung merken Sie?

Kern: Die Verantwortung ist schon etwas, das du spürst. Und natürlich verändert sich auch die Art, wie dir Menschen begegnen. Ein offenes, unverblümtes Urteil darfst du dir nicht mehr von allzu vielen erwarten. Da ist es umso wichtiger, dass man Leute um sich hat, die einem dann auch ganz klar sagen: "Das geht noch besser."

WOMAN: Wer sagt Ihnen das?

Kern: Meine Frau ist mein größter Unterstützer und Kritiker. Und zum Glück gibt es auch noch ein paar andere Leute, die mich da gut einschätzen können. Die, die nur mit den Palmen wedeln, helfen mir weniger. Das bringt uns ja nicht weiter, wenn wir uns ständig gegenseitig auf die Schultern klopfen.

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