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Als ich das erste Mal einen Bus voller Flüchtlinge sah...

Ein emotionales Erlebnis, das mein Bild von Flüchtlingen und vor allem das zu meiner Heimatstadt Wien extrem verändert hat.

von

Frau denkt nach

Ein Erlebnis, das Ines zum Nachdenken brachte...

© istockphoto.com

Ein ganz normaler Morgen (dachte ich): wie immer schlendere ich um 9.30 Uhr Richtung U-Bahn. Erster Halt: Supermarkt. Frühstück selber machen ist schließlich viel zu anstrengend. „Eine Semmel mit Butter und Emmentaler, bitte!“ - „Butter gibt’s bei uns in der Feinkost nicht.“ Ich bin angepisst. „Dann eben nur mit Emmentaler.“ Na, der Tag fängt ja schon gut an!
Leicht angesäuert verlasse ich das Geschäft und packe mein Frühstück aus. Halbherzig beiße ich in mein Käsesemmerl, als ich auf einmal einen richtig vollgestopften Bus auf der Straße sehe. Voller als sonst. Und was sind denn das für Leute? Die sehen so glücklich aus! Ich vergleiche die Menschen im Bus mit den griesgrämigen Fußgängern um mich herum. Nein, das können keine Wiener sein! Besonders viele Kinder, orientalisch aussehende Gesichter und viel Gepäck im Bus sagen mir: das müssen Flüchtlinge sein. Das erste Mal bin ich live und in Farbe mit ihnen konfrontiert.

Angst vor der Realität

Natürlich ist die Flüchtlingsdebatte derzeit ein riesengroßes Thema. Nicht nur sämtliche Medien, sondern auch Familie und Freunde sprechen sehr oft darüber. Und auch ich bin der Meinung: Refugees Welcome! Ganz klar. Aber sich wirklich persönlich mit den Leuten beschäftigen? Davor hatte ich bis jetzt zu viel Angst. Angst, ertappt zu werden. Angst, zu sehen, wie schlecht es ihnen wirklich geht. Und vor allem, zu sehen, wie gut es mir eigentlich geht.

Wien ist das Paradies!

Liebe Leserinnen, die Menschen in diesem Bus haben mich verändert! Ihre Ausstrahlung, so positiv und fröhlich! Nicht traurig und zerstört, so wie ich es von Flüchtlingen erwartet hätte. Nein, sie sind voller Hoffnung und Optimismus! Nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen, wie sie regelrecht an den Scheiben kleben und mich anstrahlen! Lachende Gesichter, glänzende Augen. Ein Gefühl von Glück überkommt mich.

Aber warum? Ich muss stehen bleiben und nachdenken. Was sehen diese Leute in meiner Heimatstadt? Es scheint so, als ob Wien für sie das Paradies auf Erden wäre. Wie lächerlich, ist doch nur Wien, denke ich im ersten Moment. Aber dann schaue ich mich um: eine wunderschöne Stadt, tolle Infrastruktur, faszinierende Architektur. Ich trage ein cooles Outfit und eine überteuerte Designer-Handtasche. Ganz selbstverständlich habe ich mir etwas zu essen besorgt, weil ich Lust darauf hatte. Und Zuhause? Da warten eine modern eingerichtete Wohnung und ein toller Mann auf mich.
Klar habe ich dann und wann mal kleine Problemchen: ich wünsche mir mehr Geld (Wer nicht?) und eine größere Wohnung. Besonders weit oben in meinem alltäglichen Lappalien-Ranking: die U-Bahn kommt zu spät, der Lidstrich haut nicht hin oder ich muss meine Butter selbst auf die Semmel schmieren.

Aber die Leute in dem Bus haben gerade ihr Zuhause, vielleicht sogar die Familie und ihr ganzes Hab und Gut verloren. Sie kommen zu uns ohne Geld, ohne Kleidung, ohne Perspektive. Das einzige, das sie alle dabei haben ist Hoffnung. Die Hoffnung auf ein besseres Leben und die Zuversicht, hierbleiben zu dürfen. In unserem wunderbaren Österreich, im schönen Wien.

Ich bin dankbar!

Die Frage die sich mir jetzt stellt: Muss ich ein schlechtes Gewissen haben?
Nach langem Überlegen und einem Gespräch mit meiner Kollegin komme ich zu dem Schluss: Nein. Keiner von uns muss ein schlechtes Gewissen haben, weil es ihm gut geht!
Hätte mir jemand vor ein paar Tagen gesagt, dass ich Flüchtlingen begegnen werde, hätte ich mir das Erlebnis viel trauriger vorgestellt. Aber im Gegenteil: Ich bin glücklicher als je zuvor, denn ich fühle unendliche Dankbarkeit.

Kein schlechtes Gewissen, nur Dankbarkeit für mein Leben. Und Freude, dass diese Menschen nun zu uns gehören und es noch mehr bereichern werden.

Ines Makas (22), Praktikantin bei WOMAN

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