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Calm: Die App, die dein Leben ändern soll

Handy, Internet, Job: Du fühlst dich überlastet, gestresst? Die App Calm gilt in den USA als neuer Hype für die Mittagspause. Wir erklären dir, wie sie dein Leben ändern soll.

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Calm: Die App, die dein Leben ändern soll

Relax, take it easy – und schau' in den Computer

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Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Mittags, nachdem die Mitarbeiter der New Yorker Werbeagentur den gesamten Vormittag auf den Bildschirm gestarrt haben, ist Entspannung angesagt. Was passiert? Die Mitarbeiter starren erneut auf den Bildschirm.

Doch statt dem Bimmeln eingehender Mails und hektischem Tastatur-Geklapper wabbert jetzt Meeresplätschern oder das Geräusch fallender Regentropfen aus den Monitoren des Großraum-Büros. Jetzt ist Zeit "too CALM".

"Calm" , zu deutsch "Ruhe" oder "Besonnenheit", ist der Name einer neuen App, die in den USA einen neuen Hype ausgelöst hat. Denn der kostenlose Dienst verspricht in nur sieben Tagen totale Entspannung für überlastete Computer-Arbeiter, neue Ruhe und Konzentration trotz digitaler Dauer-Überflutung. Über eine Million Investitionsgeld erhielten das Start-up, mehr als 3,5 Millionen Nutzer haben "Calm" bereits bei iTunes und im Google Play Store runtergeladen. Nicht schlecht für eine App, die eigentlich nicht mehr als eine kurze Anleitung zur Meditation bietet.

Calm: Weniger Stress, besserer Schlaf

Als jemand, der fast ohne Unterbrechung auf einen Bildschirm starrt, wollte ich mich von der Notwendigkeit und Wirkung selbst überzeugen. Vor allem, da eine "Meditations-App" für mich schon mal angenehm wenig New-Age-Appeal hat (für derlei bin ich eher unempfänglich. Ohmmmmmm auf dem Sitzkissen? Nö, das bin ich nicht).

Also: Download und "Calm" starten...

Die App startet mit den Worten "Take a deep breath" ("Hol' tief Luft") und einem kurzen Clip: Regen, der in einem Wald plätschert. Was nun? Ich lasse es mal ein wenig schütten. Dann swipe ich: Es gibt noch andere Motive. Sonnenuntergang am Strand mit Meeresrauschen. Ein geräuschloser Flug über Wolken. Ein Gebirgssee mit Vogelgezwitscher. Tatsächlich: Alles ist sehr angenehm, ich muss mich jedoch zwingen, mein Handy anzusehen und wirklich abzuschalten.

Neben diesem kurzen Relax-Programm bietet "Calm" aber auch richtige Online-Kurse an, die wahlweise eine bessere Nachtruhe, mehr Selbstvertrauen, neue Energie, Kreativität oder Konzentration versprechen. Da sich bis auf die Nachtruhe kaum ein Effekt wirklich objektiv messen lässt, starte ich mit dem Programm für besseren Schlaf.

Und das ist nun ein wenig sonderbar. Denn eigentlich raten Schlafforscher dazu, vor der Bettruhe keine elektronischen Geräte mehr ins Bett zu nehmen, sondern diese spätestens eine halbe Stunde vor dem Schlafen auszuschalten. Bei "Calm" stöpsle ich mir die Kopfhörer ein und gebe mich einem 2-minütigem autogenen Training hin. Zur Auswahl stehen auch längere Sessions: 5, 10, 15, 20, 25 oder sogar 30 Minuten. Zusätzlich kann man wählen, ob die Hintergrundgeräusche nach Ende des Programms weiterlaufen sollen – oder sie zeitgleich enden.

Das Programm ist auf Englisch, aber die angenehme Stimme und die leicht verständlichen Botschaften ("Lege dich auf den Rücken, schließe deine Augen und konzentriere dich auf deinen Rücken. Konzentriere dich auf den Rücken. Er liegt auf dem Kissen, deine Schultern entspannen sich...." ) sorgen dafür, dass ich mich tatsächlich darauf einlasse. Denn statt noch schnell Facebook zu checken oder darüber nachzudenken, welche zehn Punkte morgen dringend auf meiner To-Do-Liste stehen, lasse ich mich nun berieseln. Die Regengeräusche entspannen unglaublich....

In den nächsten sieben Tagen ist mein Schlaf tatsächlich friedlich. Ich wache nicht mehr mitten in der Nacht auf, ich wälze mich nicht beim Einschlafen hin und her. Einzig mein Freund findet es ein wenig ärgerlich, dass ich jetzt konsequent mit Earphones und Handy ins Bett steige.

Ja, "Calm" kann in gewisser Weise süchtig machen. Das bestätigen auch die User-Daten aus Amerika: Der typische Nutzer ist weiblich und zwischen 30 und 35 Jahre alt. Etwa die Hälfte startet einmal täglich die App, immer noch erstaunliche 40% verwenden "Calm" acht oder 10 Mal pro Monat.

Und sie sind bereit, für ihr Wohlbefinden zu zahlen. Denn der Download und die ersten sieben Seminare sind zwar gratis – wer aber zusätzliche Inhalte (begleitende Übungen, neue Meditations-Anleitungen) freischalten will, muss ein kostenpflichtiges Abonnement um 4,99 Dollar für drei Monate kaufen.

Das würde ich nun nicht machen – mir reichen die kostenlosen Angebote völlig.

Themen: Apps, Psychologie