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Campbell-Hughes: "Wollte leiden wie sie"

Die Britin Antonia Campbell-Hughes ist ab 28. 2. mit „3096“ im Kino. Und die ersten Trailer über ... das Leben ... von Natascha Kampusch regen genauso auf wie die skelettartige Figur ihrer Darstellerin. Die hat zu beidem etwas zu sagen


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Ein Gesicht wie ein Totenkopf, ausgemergelte Schultern, an denen das durchsichtige Kleidchen hängt wie an einem Kleiderbügel: Bei einer Londoner Filmpremiere schockierte Antonia Campbell-Hughes, 30, am roten Teppich. Abgemagert sei sie aus künstlerischen Gründen, so die Arthouse-Aktrice, für die Rolle der Natascha Kampusch. Der Film „3096 Tage“ – die Anzahl der Tage, die Natascha in Gefangenschaft verbrachte – entstand nach der Autobiografie: Die Zehnjährige wurde 1998 am Schulweg von dem Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil entführt und achteinhalb Jahre in einem unterirdischen Verlies festgehalten, ehe ihr die Flucht gelang. Bis heute sind die Gerüchte um ungeklärte Details nicht verstummt. Produzent Bernd Eichinger arbeitete bis zu seinem Tod 2011 daran, „nach den vielen Medienspekulationen endlich zu erzählen, was wirklich passiert ist“, wie er sagte. Regisseurin Sherry Hormann („Wüstenblume“) vollendete das Drehbuch.

Harter Dreh.

„Ich wusste, dass diese Rolle extrem hart wird“, verriet Antonia Campbell-Hughes in einem Interview mit dem London Evening Standard . „Bei jemandem, den es wirklich gibt, muss man schon ein bisschen mehr hergeben als sonst. Mir war von Anfang an klar, dass ich so leiden wollte wie sie.“ Sie musste Techniken ertragen, mit denen Soldaten bei Verhören mürbe gemacht werden sollen, die Priklopil angeblich anwandte. „Man schreit sie an, man rasiert ihnen den Kopf, man nimmt ihnen die Kleider weg. Auch ich wurde teilweise abrasiert, und ich bin ziemlich oft nackt herumgelaufen.“ Zu diesen Methoden gehört auch Hungern, womit Campbell-Hughes ihren dramatischen Gewichtsverlust erklärt: „Ich habe sieben Tage in der Woche 24 Stunden gearbeitet und kopierte Nataschas Art zu essen – nicht sehr viel und nicht sehr oft.“ Die Method-Acting-Schauspielerin ist sich darüber im Klaren, dass dieses rapide Abnehmen gefährlich ist – Matt Damon erlitt eine Herzschrumpfung, nachdem er für eine Rolle 18 Kilo abgenommen hatte. Sie sei aber von einem Arzt überwacht worden. „Außerdem gehört es zu meinem Job, für die Kunst zu leiden.“

Vergewaltigung?

Sie hatte in dem original nachgebauten Fünf-Quadratmeter-Keller klaustrophobische Anfälle, zog sich blaue Flecken, Schrammen und eine eingerissene Achillessehne zu. Auch Verkehr zwischen Opfer und Peiniger wird gezeigt, den Campbell-Hughes aber nicht für Vergewaltigung hält: „Wenn Natascha heute zurückblickt, ist es für sie vielleicht Vergewaltigung, weil ihr ja die Freiheit genommen war“, erklärte sie dem Evening Standard , „aber damals hat sie das nicht so gesehen.“ Erste Trailer des Films – in München gedreht, weil das Thema in Österreich hochsensibel ist – rufen empörte Stimmen auf den Plan, weil Kampusch und Priklopil beim Tanzen oder Skifahren zu sehen sind. „Die Leute hätten gerne, dass ich ein reines Opfer spiele. Aber wenn Kampusch die Wahrheit sagt, war Priklopil schließlich die einzige Beziehung, die ihr acht Jahre lang zur Verfügung stand.“

Essstörung.

Die Kritik, dass man mit der voyeuristischen Aufarbeitung eines dramatischen Schicksals Geld machen will, bleibt aber. Ebenso wie der Vorwurf an Campbell-Hughes, sie wolle mit dem Einsatz für die Rolle nur ihre Magersucht tarnen. Der Film sei längst abgedreht und Natascha Kampusch bei ihrer Flucht zwar geschwächt, aber nicht dürr gewesen. Dafür, dass ihre Darstellerin an einer Essstörung leidet, spricht einiges: Sie begann bereits als Teenie zu modeln, ab 17 mit eigenen BoHo-Kleiderkollektionen. Als einziges Kind einer Irin und eines Engländers, der für eine Chemiefirma umherreiste, verbrachte sie große Teile ihrer Jugend einsam. „Zwischen 11 und 15 lebte ich praktisch allein in einem Haus mitten in den Wäldern außerhalb von Frankfurt.“ Anfang zwanzig wurde sie Teil der Londoner Indie-Szene und Freundin von Babyshambles-Bassist Drew McConnell. So dem Dunstkreis von Exzess-Sänger und Kate-Moss-Freund Pete Doherty zugehörig, wurde sie von Produzenten sogar einmal gefragt, ob sie Junkie sei, ehe man ihr eine Rolle gab. „Mit einem Haufen Typen auf Crack im Tourbus rumzuhängen ist deprimierend“, sagt die heutige Singlefrau. Die letzten drei Jahre sei sie nur mit ihrem Beruf verheiratet gewesen, nun wolle sie wieder mehr an die „gesunden Dinge des Lebens“ denken: „Freunde, Familie, ein Heim – das wird jetzt für mich an erster Stelle kommen.“

Barbara Poche